weather-image
×

Die Hinrichtung des Gastwirts Wilhelm Schlüter vier Tage vor Kriegsende

Im Kugelhagel gestorben

Vor 50 Jahren ging in Bückeburg ein Aufsehen erregendes Schwurgerichtsverfahren über die Bühne. Der Prozess sorgte weit über die hiesige Region hinaus für Schlagzeilen. Es ging um ein Ereignis, das sich 19 Jahre zuvor im heimischen Auetal abgespielt hatte. Dort war während der letzten Kriegstage am 4. April 1945 der Rehrener Gastwirt Wilhelm Schlüter erschossen worden. Der 61-Jährige starb im Kugelhagel eines Wehrmachts-Vollstreckungskommandos. Die Soldaten hatten ihn zu der oberhalb des Dorfes vorbeiführenden Autobahn geführt, vor einen Brückenpfeiler gestellt und „hingerichtet“. Zuvor hatte es ein zweifelhaftes Standgerichtsverfahren gegeben. Kurz danach rückten die Amerikaner ein – für Wilhelm Schlüter vier Tage zu spät.

veröffentlicht am 17.05.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Nach Kriegsende nahm sich die örtlich zuständige Staatsanwaltschaft Bückeburg des Falles an. Es ging um die Frage, ob das damals durchgeführte Verfahren rechtmäßig gewesen war und die dafür Verantwortlichen noch belangt werden konnten und mussten. Die Ermittlungen erwiesen sich als extrem zähflüssig und schwierig. Nahezu alle Dorfnachbarn Schlüters, von denen etliche das Geschehen hautnah miterlebt hatten, waren verstorben. Auch die Suche nach den Soldaten, die sich am Todestag Schlüters im Ort aufgehalten hatten, blieb lange erfolglos. Ihre Spur schien im allgemeinen Rückzugs-Durcheinander verwischt. Erst als Oberstaatsanwalt Wolf Anfang der 1960er Jahre eine „Massenvernehmung“ von rund 5000 Ex-Wehrmachtsangehörigen in Gang setzte, kam Bewegung in die Sache. Der Chefermittler fand heraus, dass es sich bei der im Auetal aufgetauchten Truppe um eine Einheit der so genannten „Windhunde-Division“ (116. Panzerdivision) gehandelt hatte. Bei der Befragung der infrage kommenden Männer traf Wolf auf eine Mauer des Schweigens. Bis auf ganz wenige Ausnahmen gaben alle an, sich an nichts mehr erinnern zu können. Der damals höchst einflussreiche, mittlerweile aufgelöste Traditionsverein „Familienverband ehemaliger Angehöriger der Windhund-Division e. V.“ zeigte sich wegen der „haltlosen Verdächtigungen“ empört. Es sei eine „böswillige und ehrenrührige Unterstellung“, Windhund-Männer mit der Sache in Verbindung zu bringen, heißt es in einem Protestschreiben an Wolf.

Der im Frühjahr 1964 anberaumte Prozess zeichnete ein anderes Bild. Trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände hatte das Geschehen in Rehren kurz vor Kriegsende weitgehend aufgeklärt werden können. Die Zeitungsberichte sorgten landauf landab für Gesprächsstoff. Das Gros der Schaumburger erfuhr von der Sache zum ersten Mal. Neben dem Entsetzen über das sinnlose Sterben Wilhelm Schlüters drehten sich die Diskussionen auch und vor allem um Moral, Anstand und Ehre des deutschen Offizierskorps. Viele konnten und/oder wollten 20 Jahre nach Kriegsende nicht glauben, dass sich Teile der Wehrmacht noch bis zum letzten Tag als willfährige Vollstrecker des NS-Unrechtssystems betätigt hatten.

Im Mittelpunkt des Bückeburger Prozesses stand der Prokurist Jürgen Löffler. Dem damals 42-jährigen Ex-Oberleutnant hatte man als Einzigem eine Beteiligung am Rehrener Standgerichtsverfahren nachweisen können. Bei seiner Vernehmung wurde – über die persönliche Schuldfrage hinaus – auch das unvorstellbar große Ausmaß an Entbehrung und Entmenschlichung deutlich, dem zahllose Ehemänner und Söhne während des Krieges ausgesetzt waren.

2 Bilder

Löffler hatte nach seinem Abitur Ostern 1939 eigentlich Arzt werden wollen. Stattdessen wurde er eingezogen, verbrachte die folgenden sechs Jahre im Schützengraben, überlebte mit viel Glück schwerste Verwundungen und wurde zur Belohnung vom Vaterland mit Tapferkeits-Orden dekoriert. Nach 1945 war er neu durchgestartet, hatte es nach einem Volkswirtschaftsstudium zum Personalchef der Großwerft Weser AG gebracht, eine Familie gegründet und für sich, seine Frau und seine zwei Kinder in Bremen ein Haus gebaut.

Das verhängnisvolle Zusammentreffen mit Schlüter war purer Zufall. Wenige Tage zuvor waren Löffler und seine Männer mit viel Glück aus dem Ruhrkessel entkommen. In Paderborn erreichte ihn der Befehl, sich mit der Einheit zwecks Vorbereitung einer Gegenoffensive zum Harz durchzuschlagen. Die Nacht vor dem Marsch durchs Auetal hatte die etwa 50-köpfige Resttruppe in Heeßen bei Bad Eilsen kampiert. Am späten Vormittag erreichte man Rehren. Löffler ordnete eine Ruhepause an. Das Gros der Mannschaft machte es sich am Straßenrand bequem. Löffler ging mit zwei jüngeren Offizieren in das Gasthaus „Zum Auetal“.

Im Lokal herrschte Hochbetrieb. Besonders laut und unmissverständlich ließ sich der Thekenwirt vernehmen. „Werft Eure Scheiß-Waffen weg“, soll er in die Runde gerufen haben. Bald ist sowieso alles vorbei! Das verdanken wir dem Verbrecher Adolf Hitler.“

Nach Darstellung Löfflers versuchten die einheimischen Gäste vergeblich, den Hausherrn zu beruhigen. Schließlich sei es ihm (Löffler) zu bunt geworden. Er habe einige der Soldaten angewiesen, den unbeherrscht und provozierend herumpolternden und nach seiner Einschätzung angetrunkenen Mann – auch zu dessen eigenem Schutz – in einen Nebenraum zu schaffen und dort festzuhalten.

Was dann passierte, ließ sich knapp 20 Jahre später nicht mehr eindeutig klären. Sicher ist, dass kurz nach der „Zwangsruhigstellung“ Schlüters der amtierende NSDAP-Ortsgruppenleiter Habenicht in der Gastwirtschaft auftauchte. Laut Löffler machte der Neuankömmling seine Befugnisse als ranghöchster örtlicher Parteifunktionär geltend, ordnete die Einsetzung eines Standgerichts an sprach sich für die Verhängung der Todesstrafe gegen Schlüter aus. Nach einigem Hin und Her hätten er (Löffler) und die anderen anwesenden Offiziere zugestimmt – allerdings nur unter der Bedingung, dass zuvor das Einverständnis des Gauleiters eingeholt werde. Das sei dann auch geschehen. Da Amtsinhaber Dr. Meyer telefonisch nicht erreichbar war, sei mit dessen Vertreter gesprochen worden. Der habe ohne Zögern die sofortige Hinrichtung Schlüters wegen Volksverhetzung angeordnet. Daraufhin sei ein Protokoll aufgesetzt und ein Exekutionskommando zusammengestellt worden.

Die Darstellung Löfflers stieß bei den meisten Zeugen auf erhebliche Zweifel. Dorfnachbarn, die über die damaligen Verhältnisse in Rehren Bescheid wussten, hielten es für ausgeschlossen, dass Habenicht am Tode Schlüters aktiv mitgewirkt habe. Auch das Schwurgericht wertete die Aussage des Ex-Offiziers als Schutzbehauptung. Er sei in jedem Fall mitverantwortlich für die Durchführung und Umsetzung eines Verfahrens, das auch nach damaliger Rechtslage fehlerhaft und unrechtmäßig gewesen sei, so die Richter. Dafür seien bei Berücksichtigung aller Umstände zwei Jahre Haft angemessen. Allerdings musste Löffler die Strafe nicht antreten. Der Prozess wurde aufgrund des 1954 erlassenen „Straffreiheitsgesetzes“ eingestellt.

Im Gast-und Pensionshaus „Zum Auetal“ nahm das verhängnisvolle Geschehen seinen Lauf. Das Hakenkreuz neben der Eingangstür wies das Lokal als NSDAP-Treffpunkt aus. Auch Wilhelm Schlüter war schon vor der Machtergreifung Parteimitglied. Unten ein Foto des gastwirts aus der Zeit um 1942.

Das auffällige Truppenkennzeichen der so genannten „Windhund-Division“ half bei der Suche nach den in Rehren aufgetauchten Soldaten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt