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Wie das Mutterschiff des Hardrocks am Abgrund agierte – und schließlich stürzte

Im Juli 1980 erhob sich der Zeppelin zum Led-sten Mal in voller Stärke

Keine dieser Zeilen über Led Zeppelin wird der Bedeutung, gerecht, die diese großartigste Rockband aller Zeiten gehabt hat. Ich schreibe sie trotzdem, Wort und Wort, Letter für Letter, weil das, was 1968 aus den Überbleibseln der fabelhaften Yardbirds auferstanden war, wie ein Hurrikan über die Welt hereinbrach, die sich bis heute, so fühlt es sich an, nicht vom jähen Ende des abgestürzten Zeppelins 1980 erholt hat. Mindestens einer der 40 doppelten Wodka war zuviel gewesen für John „Bonzo“ Bonham. Der Drummer gab in der Nacht zum 25. September nach einem üblen Zechgelage die Löffel und damit die Schlagstöcke ab. Damit war das Ende der Band besiegelt worden, und es fügte sich so, wie die zwölf Jahre zuvor verlaufen waren: mit Karacho immer an einem Abgrund entlang. Der große Showdown ohne Happyend, er musste so kommen, es wäre nicht anders gegangen.

veröffentlicht am 18.06.2011 um 04:22 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Dass dieser Wahnsinn überhaupt zwölf Jahre Bestand hatte, ist ein Wunder. Gegen das, was Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und John Bonham zusammen mit ihren Roadies und den stets schlagkräftigen Promotern und Tourmanagern Peter Grant und Richard Cole angestellt hatten, liest sich die Geschichte der Rolling Stones wie das Neue Testament. Mit Kleinigkeiten wie Hotelzimmern hielten die Zeps sich nicht auf, sie zerlegten lieber gleich ganze Etagen, soffen während ihrer Amerikatourneen Clubs leer, missbrauchten Groupies mit Frischfisch, und wenn sich einer in dieser tosenden See des Rock’n’Rolls mehr Heroin als Keith Richards in die Venen geschossen hat, dann Jimmy Page. Wer die ganze Wahrheit über Led Zeppelin oder wenigstens das, was als solche darin beschrieben wird, wissen will, muss sich die Biografie „Hammer Of The Gods – Die Saga“ (Rockbuch Verlag) kaufen. Natürlich ist sie absatzweise ekelerregend, was erwarten Sie denn? Aber man liest sie trotzdem weiter und weiter, weil diese dunkle Seite der Macht, diese Leiche im Keller eines jeden Charakters schlummert wie ein Wein, der lange lagert und darauf wartet, endlich einmal entkorkt zu werden.

Robert Plant hat das später in etwa so erklärt: „Ich war gerade 20 Jahre alt, nicht mal richtig erwachsen. Und plötzlich saßen zehn nackte Groupies um mich herum…“ – Das war auf der ersten Tournee durch die Vereinigten Staaten von Amerika im „Whisky-A-Go-Go“ in Los Angeles genauso wie im „Fillmore West“ (San Francisco) und anderswo, und es sollte noch schlimmer werden. So groß die Versuchungen nach Sex und Drogen waren, so groß war auch der Erfolg von Led Zeppelin. Ganz Nordamerika wurde binnen einer einzigen Tournee 1968 verführt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Led-Zep-Scheibe gegeben hatte. 1969 veröffentliche die Gruppe dann gleich zwei Alben, eines im März, eines im Oktober, schlicht „Led Zeppelin“ und „II“ genannt. Ein Jahr später folgte schon „III“. Bis 1980 wurden zehn Langspielplatten veröffentlicht, und alle waren auf ihre Weise gewaltig, die eine mehr, die andere weniger.

Wenn man heute „Whole Lotta Love“ hört, dann klingt das nicht wie ein Song aus 1969, nicht so blechern, nicht so weit weg und verstaubt, sondern es hört sich kompakt an, voll und satt, so als wenn die moderne Technik des 21. Jahrhunderts den vier tobenden Männern aus England schon zur Verfügung gestanden hätte. Das spricht für den Song, denn tatsächlich war das Equipment nicht viel anders als bei anderen Bands. Das Songwriting, das intelligente Setzen der Licks von Page, die Wüstheit Bonhams am Drumset und die unglaublich intensive Stimme Plants waren roh und durchtrieben. Überhaupt, diese Stimme! Der Plant war ja zu jener Zeit, als „Whole Lotta Love“ eingespielt wurde, gerade mal 21 Jahre alt. Gibt es heute 21-jährige Sänger, die in der Lage sind, diesen Song so zu interpretieren? Gibt’s überhaupt einen da draußen, der ihn singen kann? Singen, nicht kreischen. Kreischen kann jeder, kreischen können alle Groupies dieser Welt. Aber singen können „Whole Lotta Love“ nur die wenigsten.

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Mit diesem brachialen Songgewitter war der Zeppelin abgehoben. Es folgten noch ganz andere Höhenflüge, die über den Stairway bis zum Himmel hinauf führten. „Kashmir“ schmiegt sich bis heute wie ein Umhang an Herz und Seele und Mittelohr, bis es explodiert, in Teile zerfällt, sich wieder zusammenfügt und auf einen legt, verstörend fragil und doch von immenser Kraft. Rapper Puff Daddy hat das genauso gehört und bediente sich 1998 für den „Godzilla“-Soundtrack bei seinem Song „Come With Me“ den bestimmenden Elementen von „Kashmir“ – Jimmy Page ließ das nicht zu, ohne selbst Gitarre zu spielen. „Dazed And Confused“ mutierte live zur 27-Minuten-Version, die bis heute auf „The Song Remains The Same“ nachhallt! In „Thank You“ legt man sich rein, und „Black Dog“ bringt einen bis in die Hölle und meistens wieder zurück. Bis heute ist kein einziger Song von Led Zeppelin alt und ranzig geworden.

Das virtuose Gitarrenspiel von Jimmy Page ist immer ein tragendes Element gewesen. Pages weiße, fahle Finger glitten wie lange, vorsichtige Spinnenbeine über die Saiten seines Instruments, das er in jungen Jahren bei „Dazed And Confused“ auch mit dem Geigenbogen bearbeitet hat. Ein E-Gitarrist mit Geigenbogen. Das ist nicht normal, ein abnormes Konstrukt. Nichts war normal bei Led Zeppelin. Das ging so weit, dass am 6. Januar 1975 über 2000 Fans vor den Boston Gardens ein Schlachtfeld hinterließen, während sie darauf warteten, dass die Kartenvorverkaufsstelle endlich öffnete. Für den Gig, der einen Monat später stattfinden sollte, wurden 60 000 Tickets in vier Stunden verkauft. Wohlgemerkt: ohne „online“, sondern per Hand. Die Fans benahmen sich ganz Led-Zep-like wie die Axt im Walde und verursachten einen Schaden in Höhe von 75 000 Dollar.

Noch schlimmer endete schon vier Jahre vorher, im Juli 1971, ein Konzert im Velodromo Maspes-Vigorelli. Also, eigentlich endete es nicht, sondern es brach ab. Die Mailänder Radrennbahn war für ein Festival gebucht worden, bei dem Led Zeppelin als Hauptact auftreten sollte. „Verflixte Scheiße, los Jungs, runter von der Bühne“, brüllte schließlich Tourmanager Richard Cole. Die Band ergriff die Flucht, weil die aufgebrachte Menge nach vorne stürmte, um den Tränengaswerfern der italienischen Polizei zu entkommen. Die Hüter des Gesetzes hatten offenkundig etwas gegen die Urwaldmusik aus Großbritannien.

Dass der Hype um Led Zeppelin immer größer wurde, lag zu einem Gutteil natürlich an Sänger Robert Plant. Als Meister der großen Pose verstand er es vorzüglich, ein Feuer zu entfachen, das schwer zu löschen war, selbst nicht mit italienischem Tränengas. Ohne die wallende Mähne, ohne seinen flehenden Gesang, ohne diese leicht brüchig-krächzige Stimme, deren Pathos aus dem Blues herausquoll und in immer neue Regionen vorzudringen wagte, wären die Rock’n’Roll-Hymnen nicht so monumental geworden. Led Zeppelins Einfluss auf die Entwicklung der populären Musik war nicht kleiner als der der Beatles, wenngleich zu einem anderen, späteren Zeitpunkt. Und sie war furioser, brutaler, steckte neue Grenzen ab, ohne jemals das Schlachtfeld des Blues verlassen zu haben. So erscheint es nur logisch, dass „Bring It On Home“ einem alten Blues von Sonny Boy Williamson entspringt und erst nach und nach in einem enormen Led-Zep-Break endet. Und auch Robert Johnson spielte – gerade für Plant – eine große Rolle, jener Bluesmusiker, der mit kaum 30 Songs, die überhaupt noch aufzufinden waren, eine ganze Generation großartiger Musiker, zu denen auch Eric Clapton gehört, beeinflusst hat. Johnson war aber schon 1938 gestorben.

Hinzu kamen mythologische, magische Symbole. Plant beschwor Walhalla oder weißgottwas, jedenfalls war die Grundlage für „Stairway To Heaven“ (das übrigens nie als Single ausgekoppelt worden war und trotzdem ein Superhit wurde) ein Werk des Mythenforschers Lewis Spencer auf der mystischen Suche nach spiritueller Vollkommenheit. Und Page, ob nun voller Heroin oder halbwegs clean, verstieg sich mehr und mehr in die verschrobenen Hirngespinste des Okkultisten, Kabbalisten und Mystikers Aleister Crowley, kaufte sogar dessen ehemaliges Boleskine House. Und dann verfiel Page auch noch einer 14-Jährigen: Lori Singer brachte ihn fast um den Verstand. Drummer Bonham und Bassist Jones beließen es beim Saufen und den üblichen Spielchen mit allerlei Groupies.

Die Frage, ob Songs wie „Kashmir“, „No Quarter“ oder „The Battle Of Evermore“ überhaupt ohne Drogen und ohne solcherlei Hirngespinste geschrieben worden wären, gehört nicht zur political correctness. Sie wurden eben geschrieben, unter welchen Bedingungen auch immer. Und sie gehören zum Feinsten, nicht zuletzt aufgrund der Reisen von Page und Plant in ferne, fremde Länder. „Kashmir“ hat arabische Einflüsse, indische hört man ebenso heraus. Mehrfach waren die beiden dort in fremden Welten, saugten mindestens so viele Inspirationen wie Joints in sich hinein. Noch in den neunziger Jahren sollten sie davon zehren auf ihrem „No Quarter – Page & Plant unledded“-Album.

So komme ich zurück auf das Jahr 1980, als „Bonzo“ sich totsoff und im Nachhinein das Konzert vom 7. Juli in der Berliner Eissporthalle als das letzte der Band in Urbesetzung gilt. Der Tod Bonhams war das Ende dieser Gruppe. Sicher hätten Page, Plant und Jones einen neuen Drummer gefunden, aber das wollten sie nicht. Sie verkündeten schon wenige Tage später, dass der Zeppelin für immer gelandet sei. Eine großartige Entscheidung und eine Verbeugung vor ihrem Freund John „Bonzo“ Bonham. Nur zweimal kam es – 1985 beim Live Aid mit Phil Collins und 2007 beim Ertegun-Memorial-Concert mit Jason Bonham (Sohn von John) – zur Reunion. Mehr dazu und was Page und Plant nach Led Zep so trieben, lesen Sie in der nächsten Woche der Rock-Geschichte.

John Bonham, Robert Plant, Jimmy Page und John Paul Jones – Led Zeppelin 1970. Das Bild links zeigt Robert Plant und Jimmy Page bei ihrer „No Quarter“-Tournee 1993/94. Fotos: archiv (3), ey (2)

Close the door, put out

the light.

You know they won’t be

home tonight.

The snow falls hard and don’t you know?

The winds of Thor are

blowing cold.

They’re wearing steel

that’s bright and true.

They carry news that

must get through.

They choose the path

where no-one goes.

They hold no quarter.



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