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Ehemaliger jüdischer Hitlerjunge Sally Perel erzählt vor 250 Schülern

"Ihr seid alle meine Zeitzeugen, wenn ich nicht mehr lebe!"

Obernkirchen (sig). Es war mehr als beifälliges Gemurmel, das der 83-jährige Sally Perel am Ende seiner Lebensbeichte von 250 Jungen und Mädchen zu hören bekam. Sie hatten an einer Geschichtsstunde teilgenommen, wie sie eindringlicher und zugleich berührender nicht sein konnte. Aus dem Forum des Schulzentrums bekam er dafür anhaltenden und herzlichen Beifall.

veröffentlicht am 21.06.2008 um 00:00 Uhr

Sally Perel

Ungewöhnlicher konnte ein Lebensverlauf kaum sein wie der dieses Mannes jüdischer Abstammung, der seine Memoiren in dem verfilmten Buch "Ich war Hitlerjunge Salomon" zusammengefasst hat. Zehn Jahre hatte der in Peine geborene Sally Perel in Deutschland verbracht. Als Hitlers Schergen mit dem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden begannen, setzte sich seine Familie nach Lodz in Polen ab. Nach dem Einfall der deutschen Armee in Polen floh der Jugendliche aus Peine mit seinem Bruder weiter gen Osten. Die Eltern blieben zurück und landeten im Warschauer Ghetto. Schließlich marschierten die Deutschen auch in Russland ein und griffen dort in einem Kessel Sally Perel auf. Weil er seine Papiere entsorgt hatte und sich als Volksdeutscher ausgab, entging er dem sicheren Tod. Nützlich machte sich Sally Perell danach als Dolmetscher für Russisch und Polnisch. Ein adliger deutscher Kompaniechef wollte ihn nach dem Krieg adoptieren. Daraus wurde aber nichts. Der als tapfer und zuverlässig angesehene Noch-Jugendliche landete wider Erwarten in der Braunschweiger Eliteschule der Hitlerjugend. Welch eine Umkehr des Lebensweges: Aus einem jüdischen Jugendlichen wurde (ungewollt) ein Hitlerjunge! Sally Perel: "Ich musste ein Doppelleben führen in einem Land, das Millionen von Juden und auch meine Angehörigen aus Rassenhass unbarmherzig auslöschte. Der Zwiespalt war kaum zu ertragen. Aber ich wollte weiterleben und durfte mich deshalb nicht zu erkennen geben. Noch heute höre ich die Schreie aus der Asche von einer Million Kinder, die in Auschwitz vergast und verbrannt wurden." Nach Ende des Krieges fand Sally Perel in Israel eine neue Heimat. "Das wurde mein Vaterland, und Deutschland blieb mein Mutterland, denn hier bin ich geboren", versicherte der 83-Jährige. Deshalb spricht er auch noch fließend Deutsch. An die 250 Schüler im Forum des Schulzentrums richtete er einen fast leidenschaftlichen Appell: "Hitlers Ungeist ist leider noch lange nicht beseitigt; er muss verschwinden, wenn Deutschland eine gute Zukunft haben will. Im Schaumburger Raum gibt es leider auch immer noch solche Unverbesserlichen mit Springerstiefeln und Nazi-Parolen. Sorgt bitte mit dafür, dass sie kein Unheil mehr stiften können!" Und fast beschwörend fügte er hinzu: "Ihr seid meine Zeitzeugen, wenn ich nicht mehr lebe. Ihr müsst die historische Wahrheit wach halten!"



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