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Ihr Kinderlein kommet – aber nicht alle!

veröffentlicht am 20.11.2012 um 20:03 Uhr

Von Marc Fisser

Fröhlich tapst der kleine Paul durch den Toberaum. Zielsicher entert er die Rutsche, jauchzend geht es abwärts. Unten empfängt ihn Celine. Die ist schon doppelt so alt wie Paul – nämlich zwei Jahre. Und deshalb weiß sie, was zu tun ist, wenn mal die Nase läuft, so wie jetzt bei Paul. Sie zeigt es ihn mit einem der bereitliegenden Papiertaschentücher. Wie schnell die kleinen Kinder voneinander lernen, wie fantasievoll sie miteinander spielen, wie gut sie übereinander Bescheid wissen, das erstaunt Katja Dietrich (31) jeden Tag aufs Neue. Die Erzieherin, selbst zweifache Mutter, kümmert sich seit August 2011 mit ihren Kolleginnen Marta Mitko (47) und Ayda Handlos (28) um die 15 Kleinkinder der städtischen Krippe „Wunderland“ in Hameln. Der Name ist dort Programm, er könnte auch „Kinderparadies“ oder „Wir sind eine große Familie“ lauten.

„Ersatzmütter“ – diese Bezeichnung für sich hören Katja Dietrich und die anderen Krippenmitarbeiterinnen gar nicht gerne. Könnte das Wort doch die verbreitete unterschwellige Befürchtung bestärken, dass Krippenkinder den Eltern entfremdet werden, dass die Unterbringung von Ein- und Zweijährigen in einer Betreuungseinrichtung nur eine Notlösung ist. Katja Dietrich sieht es nämlich genau anders herum: Der Krippenbesuch – im „Wunderland“ an der Domeierstraße montags bis freitags von maximal 7 bis 17 Uhr – sei eine Bereicherung für alle, schwärmt die Erzieherin. „Eigentlich müsste jedes Kind in Deutschland eine Krippe besuchen können“, meint sie – und nicht nur gut jedes Dritte, wie es ab August 2013 vom Staat garantiert wird; den Kommunen drohen bei Nicht- erfüllung Schadenersatzforderungen. In den östlichen Bundesländern sind seit DDR-Zeiten Betreuungsquoten von über 50 Prozent üblich; im Westen gab es hingegen noch vor wenigen Jahren nur für jedes zehnte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz. Jedes siebte der unterzubringenden Kleinkinder soll nun zu einer Tagesmutter; Bund, Länder und Kommunen hatten ursprünglich angestrebt, 30 Prozent der Angebote auf diese kostengünstigere Weise zu organisieren. „Krippenplätze für alle“ – so weit ist Deutschland nicht. Schon das Aufstocken der Kapazität in Krippen, in „altersübergreifenden Kindergartengruppen“ und bei Tagesmüttern auf die

niedersächsische Vorgabe von 35 Prozent ist für die Städte und Dörfer ein Kraftakt. Auch wenn der Bund 4,6 Milliarden Euro für sein Vorzeigeprojekt dazuschießt. Ein Dreivierteljahr, bevor Eltern den Rechtsanspruch erhalten, fehlen nach Worten von Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) in Niedersachsen noch 10 000 Plätze. Andererseits: 52 000 gibt es schon. In Hameln-Pyrmont haben Coppenbrügge und Aerzen laut eigener Statistik mit 38 und 35 Prozent die Quote bereits erfüllt, Bad Pyrmont (32 Prozent), Bad Münder (31), Hameln und Emmerthal (je 30) sind nahe dran, Salzhemmendorf (28) und Hessisch Oldendorf (24) liegen noch zurück. Die Kreisverwaltung geht von 150 noch einzurichtenden Plätzen aus.

Papier ist geduldig, das wissen selbst schon die Steppkes im „Wunderland“, die gerne ein „Bad“ in eigenhändig zerrupften Zeitungen nehmen. So meldet Hessisch Oldendorf aktuell zwar eine geringe Quote, andererseits waren in den Einrichtungen zu Beginn des Kita-Jahres noch sechs Plätze für die „Minis“ frei. Zum August 2013 sinkt die voraussichtliche Zahl der dort beheimateten Ein- oder Zweijährigen um 17 auf 398, gleichzeitig wird die Zahl der Krippenplätze um 29 auf 108 aufgestockt; und statt 22 soll es künftig 31 Betreuungsplätze bei Tagesmüttern geben. Die „35 Prozent“ sind eben eine „politische“ Zahl, die sich nicht an einer konkreten Nachfrage ausrichtet, sondern eher am finanziell Machbaren. In Bad Pyrmont sind bereits 3,1 Millionen Euro für den

Ausbau der Kleinkind-Betreuung ausgegeben worden, in Hessisch Oldendorf sollen es am Ende 2,3 Millionen sein. Hameln ist mit 1,2 Millionen dabei, Salzhemmendorf mit 1,1 Millionen, Aerzen und Emmerthal mit je 1,0 Millionen, Coppenbrügge mit 310 600 Euro. Bad Münder hat hierfür erst 9500 Euro ausgegeben, 218 400 Euro werden noch folgen. Hans-Ulrich Peschka (CDU), Kreisgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes sowie Bürgermeister von Coppenbrügge, betont: „Frühkindliche Erziehung ist ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil, gerade unter dem Aspekt des demografischen Wandels.“ Doch die Kommunen seien mit der Finanzierung überfordert, Bund und Land müssten mehr Geld auch für die Personalkosten geben. Habe Coppenbrügge 1995 erst 45 000 Euro in die Kinderbetreuung gesteckt, sei der Zuschussbedarf für die Kommune durch die neuen Angebote und Einrichtungen bis 2010 auf 600 000 Euro gestiegen – und durch den weiteren Ausbau der Krippen liege er bei 800 000 Euro.

Eigentlich soll sich ja zügig herumsprechen, dass die Krippen den Kindern guttun – damit sich mehr Paare für (mehr) Nachwuchs entscheiden. Doch dann könnte die Platzgarantie bald uneinlösbar werden. Das von der Bundesregierung auf CSU-Druck jetzt beschlossene, pro Jahr 1,2 Milliarden Euro teure Betreuungsgeld für Eltern, die Kinder im Krippenalter daheim behalten, empfinden viele Fachleute als eine Krippen-Fernhalte-Prämie. Das Betreuungsgeld beträgt 150

Euro im Monat; ein Platz im „Wunderland“ kostet die Eltern 168 Euro.

Eine vorbildlich organisierte Krippe ist quasi die Erweiterung der heute üblichen Kleinfamilie hin zum früher verbreiteten großen Familienverbund. Die kleinen Mädchen und Jungen würden nicht ihrer Mutter und Vater entrissen, sondern im Idealfall zusammen mit den Eltern Teil einer größeren Gemeinschaft, sagt Dietrich. „Unsere Kinder haben ein Verhältnis wie Cousins und Cousinen. Hier werden Freundschaften fürs Leben geschlossen – auch unter den Erwachsenen.“ Es gebe viele gemeinsame Aktionen, einen ständigen Erfahrungsaustausch, oft treffen sich die Familien auch außerhalb der Krippe, die alle Beteiligten als Teil ihres Zuhauses empfänden.

„In der Krippe können die Kinder ihre Power rauslassen“, beschreibt Dietrich. Als sich Nasrullah (2) an ihren Hals hängt, wird deutlich, dass auch auf den Schmusebedarf eingegangen wird. Die Erzieherinnen sitzen, wann immer es geht, auf dem Fußboden, um für die Kinder auf Augenhöhe erreichbar zu sein. In der Krippe wird viel gesprochen und gesungen, es werden der Zusammenhalt und die Selbstständigkeit gefördert. Rituale wie drei Essenspausen und der anderthalbstündige Mittagsschlaf strukturieren den Tag. Der sei aus Sicht der Kinder meist viel zu schnell vorbei, erzählt Katja Dietrich. „Viele verstehen nicht, dass sie nicht auch am Wochenende in die Krippe gehen können.“

Wie kann es Deutschland schaffen, dass wieder mehr Kinder geboren werden? Eine zentrale Überlegung lautet: Familie und Beruf müssen leichter kombiniert werden können. Deshalb erhalten die Eltern in einem Dreivierteljahr einen gesetzlichen Anspruch darauf, ihr ein- oder zweijähriges Kind in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter betreuen lassen zu können. Wie weit ist der Krippenausbau in Hameln-Pyrmont vorangekommen? Und werden die Einrichtungen vielleicht bald so beliebt sein, dass die Vorgabe „ein Platz für jedes dritte Kleinkind“ nicht ausreicht?

Ein Krippenbesuch.

Celine (2) und ihre kleinen Freunde lieben das Krippenleben. Foto: mafi



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