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"Suppenküchenangebot aus Hannover": Die erste Sitzung der Planungsgruppe nach der Hiobsbotschaft

IGS: "Wir sind einigermaßen erschüttert"

Obernkirchen. Wenn Jochen Pook, Lehrer am Schulzentrum, erklären will, warum eine IGS mit einem offenen Modell nicht das Gleiche ist wie eine Integrierte Ganztagsschule, dann greift er auf ein Bild zurück: "Wenn ich einen zweiten Bus für den Schülertransport brauche, ihn bestelle und auch versprochen bekommen, und wenn ich dann statt des zweiten Busses fünf Tandemfahrräder erhalte - dann dienen die Fahrräder möglicherweise auch dem Transport von Schülern, aber von einem gehaltenen Versprechen kann nicht mehr die Rede sein."

veröffentlicht am 27.11.2008 um 00:00 Uhr

Hier sollte im nächsten Jahr die IGS starten. Jetzt müssen Elter

Autor:

Frank Westermann

Es ist am gestrigen Mittwochnachmittag die erste Sitzung der IGS-Planungsgruppe nach der Mitteilung des Kultusministeriums, dass keine Schule in Niedersachsen automatisch Ganztagsschule sei. Damit ist das verpflichtende Nachmittagsangebot inklusive Unterricht massiv in Frage gestellt worden. Die Stimmung gestern Nachmittag ist bedrückt, immerhin, erklärt Schulleiter Torsten Reinecke, am Freitag, als man die Nachricht offiziell erhalten habe, dass sei der eine oder andere Kollege doch recht zornig gewesen. Doch derÄrger über das Ministerium, der ist auch gestern noch deutlich zu hören. Um ihn hervorzurufen, reicht allein die reine Aufzählung der Fakten. Natürlich sei man von einem gebundenen, also verpflichtendem Ganztagsangebot ausgegangen, sagt Reinecke. Seit über einem Jahr, seit Oktober 2007, arbeite die Planungsgruppe an der inhaltlichen Gestaltung der IGS, natürlich hätten Schulträger, Eltern und Lehrer immer von einer verpflichtenden Ganztagsschule gesprochen - auch und gerade auf den Infobögen bei Erfragung des Elternwillens. Und jetzt das. Reinecke formuliert es so: "Wir sind einigermaßen erschüttert." Was bleibt, ist das berühmte Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung, dass Eltern, Schulträger und Lehrerschaft einen Weg finden, um ihr Konzept einer IGS umsetzen zu können. Reineke hat in der letzten Woche noch an einer Schulleitertagung teilgenommen, eine IGS, da waren sich die Kollegen aber so was von einig, "die geht nur als gebundenes Ganztagsangebot". Michael Lenz, als Lehrer der IGS Schaumburg Mitglied der Planungsgruppe, gibt einer "freiwilligen" IGS in der Praxis keine Chance. Es bliebe immer eine "Restschülerschaft", die das Angebot - aus welchen Gründen auch immer - nicht erreichen würde, aber es sei außerordentlich wichtig, eben das Auseinanderfallen der Schülerschaft zu verhindern. Und: "Wie soll Integration denn gelingen, wenn ein Teil der Schülerschaft gar nicht da ist?" Früher, so Lenz, hätte man das, was Hannover offeriere, als "Suppenküchenangebot" bezeichnet. In der IGS sei der verpflichtende Unterricht ein großer Eckpfeiler, weil er ein tragender Teil des Konzeptes ist. Nicht nachvollziehbar ist auch die inhaltliche Begründung, mit der im Ministerium gearbeitet wird. Erst habe man eine Fünfzügigkeit vorgeschrieben, die merkbar höhere Kosten als die Vierzügigkeit bedeuten würde, weil die Stundenzahlen höher und die räumlichen Umbauten deutlich größer ausfallen würden, anschließend werde mit fehlenden finanziellen Mitteln für Lehrerstunden argumentiert. Diese Argumentation sei unlogisch und habe nichts mit einer transparenten, demokratischen Entscheidung zu tun, heißt es in der Planungsgruppe. Auch das Wort von den "Machenschaften" fällt - Widerspruch erntet der Sprecher nicht. Dass das, was das Ministerium anbietet, etwas völlig anderes ist als das, was Eltern und Lehrer möchten, weil es inhaltlich zu Abstrichen führt, die das Angebot in eine Mogelpackung verwandelt, darin sind sich die Mitglieder der Planungsgruppe ebenso einig wie in ihrer Ratlosigkeit: Warum reagiert Hannover so? Lenz vermutet, es liegt an einer nur oberflächlichen Beschäftigung mit dem Konzept: "Hätte man sich intensiv mit der IGS befasst, könnte man so einen Vorschlag nicht machen." Über ein Jahr Planung, die mit einem Federstrich über den Haufen geworfen wird, wie es Lehrerin Caroline Tietjen formuliert, ist das eine Problem, das andere ist das Gefühl, sich in einem ideologischen Grabenkampf wiederzufinden, bei dem der Gegner in Hnnover nicht mit offenem Visier kämpft. Lehrer Pook, der in seinem Unterricht auch Zivilcourage durchnimmt, hätte dem Ministerium in diesem Punkt wohl ein ,ungenügend' ins Zeugnis geschrieben.

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