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„Ich wollte einfach keine Ausnahme sein“

Er sticht hervor aus der Menge von Menschen, die einen sommerlichen Morgen nutzen, um durch Hamelns Fußgängerzone zu bummeln. Hans Ferdinand Schlichtig sitzt, im Gegensatz zu den anderen Passanten, in einem Spezialgefährt, eine Mischung aus Fahrrad und Rollstuhl, winkt schon von Weitem und strahlt bei der Begrüßung mit der Sonne um die Wette. Das Bike, wie er die Spezialanfertigung nennt, erfülle zwei ihm wichtige Bedingungen. „Zum einen bin ich damit mobil, ich kann mich selbstständig fortbewegen und genieße die kleinen Ausflüge zum Beispiel in die Stadt. Andererseits hält mich das Bike auch fit, denn was mir an Mobilität in den Beinen fehlt, kompensiere ich durch die Muskelkraft in meinen Armen.“

veröffentlicht am 01.08.2011 um 00:00 Uhr

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Vier- bis fünfmal pro Woche besucht Schlichtig zudem das Schwimmbad. Rund sechs bis acht Kilometer schwimmt er insgesamt in der Woche. Aber damit nicht genug: „Zusätzlich gehe ich einmal pro Woche gemeinsam mit anderen Menschen mit Behinderung ins Fitnessstudio und bin auch in einer anderen Behindertensportart aktiv, dem Boßeln.“ Und dann erklärt er noch die Besonderheiten des Bikes: Der hintere Teil sei ein umgebauter Rollstuhl, dessen Achse um eine Federung erweitert wurde. Der vordere Teil des Bikes sei einem Fahrrad ähnlich und diene in Kombination mit der Lenkerkurbel als Antrieb. Insgesamt habe er 42 Gänge zur Verfügung und die seien auch nötig, um die unterschiedlichen Streckenprofile meistern zu können. „Wenn ich mit dem Bike zum Beispiel aus der Tiefgarage nach oben fahre, darf ich mich auf keinen Fall verschalten, sonst kann es passieren, dass ich nicht mehr vorwärts komme und dann zurückrutsche und mit dem Bike umkippe.“

Schlichtig trägt an seinem vollständig gelähmten linken Bein einen Stützapparat, eine Orthese, mit dessen Hilfe er zumindest aufrecht stehen und einige Schritte in seiner Wohnung gehen kann. Der Weg in die eigenen vier Wände allerdings führt nur über eine Treppe. „Und genau deswegen brauche ich auch viel Kraft in den Armen“, erklärt er. Mithilfe eines Handlaufs zieht sich der Volljurist praktisch nach oben. Gleichgewicht, Geschick, das nötige Körpergefühl, Kraft und nicht zuletzt ein eiserner Wille, diese Kombination habe er Zeit seines Lebens immer weiter perfektioniert. In einem weitläufigen und hellen Wohnraum erzählt er von seinem Leben, von den Erfahrungen, die er als körperlich behinderter Mensch in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemacht hat. Er erinnert sich kaum noch an die Jahre, als er noch nicht an Kinderlähmung erkrankt war, wohl aber an die lange Zeit in den Krankenhäusern. Seine Gestik und Mimik spiegeln das Gefühl wider, das wohl nur wenige Menschen ohne Behinderung kennen. „Man wusste damals ja noch nicht so viel über diese Krankheit“. Das erkläre, warum er zum Beispiel lange Zeit alleine im Krankenhaus verbringen musste, isoliert aus Angst vor Ansteckung. Er erinnert sich auch noch an die Therapien, zum Beispiel die Strombehandlung. Doch er erinnert sich auch an die Momente, in denen er beschloss, sein Schicksal zwar anzunehmen, sich aber davon nicht unterkriegen zu lassen. „Ich wollte schon als Kind keine Sonderbehandlung. Ich wollte das Gleiche tun, was meine Freunde auch taten, zum Beispiel an Ausflügen teilnehmen. Ich wollte einfach keine Ausnahme sein.“ Gerade auf dem Land habe es damals nur wenige asphaltierte Straßen gegeben. Die mit Schotter bestreuten Wege machten den Einsatz eines Rollstuhls nahezu unmöglich. „Als ich in die erste Klasse kam, hat meine Mutter mich jeden Tag zur Schule getragen.“ Aber auch in einem Bollerwagen sei er später von seinen Klassenkameraden gezogen worden. „Es gab damals regelrecht einen Ansturm auf die Deichsel des Wagens; jeder wollte mich gerne ziehen.“

Schlichtig war ein guter Schüler, machte das Abitur und studierte später Jura. So lernte er auch den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog kennen, der nämlich zu dieser Zeit Rektor der Uni war, an der Schlichtig studierte. Seine Heimat Würzburg verließ der Jurist wegen des Jobangebots, das ihm das BHW in Hameln machte. Schlichtig reist gerne und während eines Israelurlaubs lernte er seine Ehefrau kennen. „Wir waren beide Gäste des gleichen Hotels, in dem es keinen Aufzug gab. Wir begegneten uns mehrmals im Foyer des Hotels. Sie sah mich natürlich immer nur im Rollstuhl und irgendwann sprach sie mich an, fragte, was denn ein Rollstuhlfahrer in einem Hotel ohne Aufzug mache.“ Schlichtig lacht. Der Beginn einer bis heute bestehenden Liebe, inklusive zweier mittlerweile erwachsener Kinder. „Wenn ich irgendwo mit dem Bike nicht hinkomme, oder wenn wir gemeinsam Urlaub machen, dann tragen mich meine Kinder überall dort hin, wo ich selbstständig nicht hinkomme.“

Schlichtig hat während der letzten 60 Jahre den wachsenden Integrationsanspruch der Gesellschaft hautnah miterlebt. Die aktuelle Diskussion allerdings über das Thema Inklusion verfolgt er nur am Rande. Er habe in allen Lebensbereichen eine vollständige Integration erfahren. „Natürlich gibt es immer was zu verbessern, so gibt es zum Beispiel für Rollstuhlfahrer auch im Stadtgebiet Hamelns einige Stellen, die ich aufgrund meiner Behinderung nicht befahren kann.“ Es gebe zum Beispiel kleinere Anstiege, deren flache Stufen zwar für Radfahrer befahrbar wären, nicht aber für ihn und sein Bike – zu groß sei die Gefahr eines Sturzes.

Wenn es etwas gäbe, das sich entwickeln könne, dann sei es das Bewusstsein in den Köpfen der Menschen. Aber das gelte nicht nur für die Menschen ohne Behinderung. „Auch bei den Menschen mit Behinderungen muss die Integrationsfähigkeit vorhanden sein“, stellt er fest. Wichtig sei für ihn gewesen, dass er von seinem engsten Umfeld die volle Unterstützung erhalten habe. Mehr noch: „Das allerwichtigste aber, warum ich niemals den Mut und die Hoffnung verloren habe, war, dass ich immer geliebt wurde.“ Mit dem behindert sein, so Schlichtig, habe man nie abgeschlossen. Größte Sorgfalt muss er beim Anlegen der Orthese walten lassen. „Es ist ja nicht nur die Orthese allein, die mich stützt, sondern auch der spezielle Schuh. Um mich gegen Druckstellen und gegen das Scheuern der beweglichen Teile der Orthese zu schützen, trage ich Textilien unter der Orthese.“ Im Schwimmbad allerdings lege er alles ab und dann gebe es immer wieder Fragen, vornehmlich von Kindern, warum er denn ein so dünnes Bein habe. „Viele Kinder wollen mir dann auf der Stelle helfen, reichen mir ihre Hand oder halten mir, ohne dass ich darum bitte, die Tür auf.“ Die Blicke, die ihm auf seinem Weg ins Schwimmbad begleiten, sieht er gar nicht. Es sind dieselben, die ihm auch auf seiner Fahrt mit dem Bike durch die Fußgängerzone folgen.

Für Schlichtig, der sich mit seinem unbändigen Willen und seinem Wunsch, keine Ausnahme sein zu wollen, immer wieder neue Perspektiven erarbeitet hat steht fest, dass die wichtigste Voraussetzung für ein integratives und unter Umständen inklusives Miteinander das Gefühl ist, geliebt zu werden – und zwar so, wie man ist. Darüber hinaus aber gebe es noch weitere Faktoren, die seine Entwicklung begünstigt hätten: Es gäbe einen schönen Satz von Carl Zuckmayer, sagt er: „Die Hälfte des Lebens ist Glück, die andere Disziplin – und die ist entscheidend; denn ohne Disziplin kann man mit seinem Glück nichts anfangen.“ Und das, sagt der 67-Jährige „ist absolut genau meine Maxime.“

Im Alter von vier Jahren erkrankte der heute 67-jährige Hans Ferdinand Schlichtig an Poliomyelitis, kurz Polio oder auch Kinderlähmung genannt. Erst Ende der 1950er Jahre gelang es, wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Die durch Polioviren ausgelöste Infektionskrankheit führte bei Schlichtig zur Lähmung in den Beinen. In loser Serie porträtieren wir an dieser Stelle Menschen mit Behinderung.

Der 67-Jährige

erklärt die Funktionsweise der Orthese und das Zusammenspiel von Textilien, Orthese und Schuh.

Hans Ferdinand Schlichtig ist mit seinem Bike mobil: „Außerdem hält mich das Fahren fit“, betont der vor 63 Jahren an Kinderlähmung erkrankte Rentner.

Fotos: roh



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