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Vor Gericht: Mutmaßlicher Kinderschänder spricht über Taten und sein Leben

"Ich werde so etwas niemals wieder tun"

Steinbergen (ly). Kinderschänder stellt der Laie sich gern als reißende Bestien vor, denen man das auch ansieht. Zu diesem Klischee passt der Angeklagte im Bückeburger Missbrauchsprozess, ein eher unscheinbarer 59-Jähriger aus Steinbergen, überhaupt nicht. Offenbar hat der Mann bei den Jungen nach dem Tod seiner Frau Liebe gesucht.

veröffentlicht am 23.11.2006 um 00:00 Uhr

An der Strafbarkeitändert dies im Falle eines Schuldspruchs nichts. Es kann allerdings zu jenen besonderen Umständen führen, welche das Gericht ebenfalls berücksichtigen muss und die sich mildernd auswirken können. In der Anklageschrift stehen 140 Fälle. Die Opfer: Zwei Schüler, die zu Beginn der mutmaßlichensexuellen Übergriffe elf und 13 Jahre alt gewesen sein sollen. Was die Taten in den Kinderseelen angerichtet haben, ob die Jungen womöglich für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, lässt sich kaum ermessen. Gestern, am zweiten Verhandlungstag vor der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts, ging es über weite Strecken um das Leben des Angeklagten. Der schmächtige, schüchtern wirkende Mann mit dem schütteren Haar spricht mit stockender Stimme. Manchmal schweigt er kurz, um intensiv nachzudenken über die Fragen der Vorsitzenden Richterin Dr. Birgit Brüninghaus. Wie er mit den Taten umgehen werde? "Ich werde so etwas nie wieder tun", sagt der Angeklagte, dem mehrere Jahre Haft drohen, mit fester Stimme. "Lieber setze ich meinem Leben ein Ende." Einmal ist der 59-Jährige den Tränen nahe. Seine Eltern, so erzählt er, hätten nie Geburtstag mit ihm gefeiert. Dieses Glücksgefühl habe er erst bei einer Tante kennen gelernt. Mit dem anderen Geschlecht hatte der Steinberger kaum Kontakt, schon gar nicht sexuell. Bis er seine Frau traf. Bei der Erinnerung an diese Zeit scheint der Witwer innerlich aufzublühen. "Sie war 13 Jahreälter als ich, aber das hätten Sie ihr nicht angesehen", erzählt er den vier Richtern und beschreibt jenes "Feuer in ihren Augen, ich habe das geliebt". Sicher, es habe auch mal Streit gegeben, "aber wir haben uns immer wieder vertragen". Das Intimleben sei intakt gewesen. Bloß in Urlaub seien beide nie gefahren. "Immer waren wir für unsere Kinder da." Dann der Schock: Nach Wochen im Koma starb die Geliebte, 1997 war das. Danach will der einsame Mann Depressionen bekommen haben und zeitweise dem Alkohol verfallen sein. Eines Tages lernte er einen Nachbarsjungen kennen, gerade elf Jahre alt und später das erste Opfer. "Herzklopfen vor Freude" habe er bekommen, wenn das Kind ihn besucht habe. "Ich wollte ja nicht allein sein." Deshalb, so erzählt er jedenfalls, versuchte der 59-Jährige, den Schüler mit Geldgeschenken an sich zu binden. Nach dem Missbrauch will der ältere Mann stets vom schlechten Gewissen geplagt worden sein und zur Flasche gegriffen haben. Am Montag soll ein psychiatrischer Gutachter die Schuldfähigkeit des Angeklagten beurteilen.

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