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„Ich war erschöpft wie noch nie im Leben“

Karsten Doerings Leben als Verwaltungsangestellter in Bad Eilsen könnte eigentlich ganz gemütlich verlaufen. Doch ist es jederzeit möglich, dass er einen Anruf erhält und innerhalb von sechs Stunden bereit sein muss, um irgendwo auf der Welt Menschen in Notsituationen zu helfen. Er gehört zur Fachgruppe „Wasserschaden-Pumpen“ des Technischen Hilfswerks (THW) und darin zu den Spezialisten, die bei Hochwasserkatastrophen auch im Ausland eingesetzt werden.

veröffentlicht am 02.07.2010 um 09:41 Uhr
aktualisiert am 02.07.2010 um 10:58 Uhr

Von Cornelia Kurth

Karsten Doerings Leben als Verwaltungsangestellter in Bad Eilsen könnte eigentlich ganz gemütlich verlaufen. Doch ist es jederzeit möglich, dass er einen Anruf erhält und innerhalb von sechs Stunden bereit sein muss, um irgendwo auf der Welt Menschen in Notsituationen zu helfen. Er gehört zur Fachgruppe „Wasserschaden-Pumpen“ des Technischen Hilfswerks (THW) und darin zu den Spezialisten, die bei Hochwasserkatastrophen auch im Ausland eingesetzt werden. Gerade ist der gelernte Industrieelektroniker von einem dramatischen Einsatz im Südosten Polens zurückgekehrt, wo ein ganzer Stadtteil vom Wasser der Weichsel verschlungen worden war.

Insgesamt 14 Männer wurden aus dem Raum Niedersachsen/Bremen zusammengetrommelt, Karsten Doering (49) als Elektro-Fachkraft aus dem THW Rinteln. Die Fluthelfer trafen sich am 13. Juni zunächst in Görlitz, um von dort aus in einem Konvoi aus blauen THW-Fahrzeugen in die 1500 Kilometer entfernte Stadt Rzeszow weiterzufahren, im Gepäck unter anderem sechs große Pumpen, technische Meisterwerke, die 5000 und sogar 15 000 Liter Wasser pro Minute abpumpen können. Einheiten dieser Art nennen sich HCP-Einheiten, „High Capacity Pumping Modules“. Ihre Gerätschaften sind auch in unwegsamem Gelände einsetzbar.

„Unwegsam“ – mit diesem Wort konnte man den Stadtteil Tarnobrzeg-Wielowies sehr wohl beschreiben. „In einem großen Bereich der Stadt war nichts mehr zu retten“, erzählt Karsten Doering. „Die Häuser und Straßen standen vollkommen unter Wasser, man sah sie überhaupt nicht mehr.“ Die Menschen dort waren vom Dammbruch der Weichsel überrascht worden. Die meisten konnten sich irgendwie rechtzeitig in Sicherheit bringen, doch für 15 Polen kam jede Hilfe zu spät. Sie hatten sich auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet und ahnten nicht, dass sie selbst dort oben vor den Fluten nicht sicher sein würden.

Im Einsatzgebiet von Karsten Doering herrschte einfach nur Chaos. Das Wasser der Weichsel stand dort bis zu drei Meter hoch. Es hatte die Häuser geflutet, Fundamente unterspült, Autos unter sich begraben und Heizöltanks herausgerissen. Ganze Wohnungseinrichtungen waren aus den Fenstern ins Freie getrieben, überall in der Landschaft lagen die Wracks von Schuppen und Anbauten herum. Dort, wo das Wasser sich bereits etwas verlaufen hatte, blieb eine schmierige Schlammschicht zurück, ölverseucht, giftig. „Es kann einen schon fertigmachen, wenn man sieht, dass die Leute dort alles verloren haben.“

Doch viel Zeit zum Grübeln blieb den Männern nicht. Sie wurden in Zwölf-Stunden-Schichten eingeteilt, bauten ihren Maschinenpark mit den Hochleistungspumpen auf, verlegten Hunderte von Metern an Pumpschläuchen und begannen mit ihrer Sisyphosarbeit, die darin bestand, das Wasser über einen Bahndamm hinweg auf freies Land zu leiten. Ein richtiger Fluss entstand auf diese Weise, der sich seinen Weg in einen Nebenarm der Weichsel bahnte. Nach und nach sank der Wasserspiegel, sodass die Straßen wieder halbwegs zugänglich wurden und die Menschen in ihre Häuser gehen konnten.

„Natürlich haben wir mit den Leuten vor Ort geredet, oder besser: Sie redeten mit uns“, so Karsten Doering. „Manche konnten ein bisschen deutsch, manche etwas englisch, und für Einsatzbesprechungen mit der hervorragenden polnischen Feuerwehr hatten wir auch Dolmetscher da.“ Die Einwohner der Stadt seien alle wie von einem Trauma betroffen gewesen. Sie erzählten immer wieder, was geschehen war, zeigten auf ihre zerstörten Häuser, arbeiteten wie betäubt daran, dies und das noch zu retten oder in Ordnung zu bringen. Eine Familie musste mit Macht davon abgehalten werden, ihren Keller auszupumpen. Hätten sie das getan, dann wäre das gesamte Haus unter dem Wasserdruck von außen zusammengebrochen.

„Ich war so froh, dass wir wirklich was tun konnten; dass sich die Lage durch unseren Einsatz besserte“, sagt Doering. „Oft erzählen Kollegen auch, dass sie, zum Beispiel in Erdbebengegenden, immer nur Tote bergen, und es insgesamt so aussieht, als könne man gegen die Gewalt der Katastrophe gar nicht ankommen. So was auszuhalten, das ist schwer.“

Damit die Männer und Frauen des THW nicht ihr seelisches Gleichgewicht verlieren, werden sie in ihren regelmäßigen Schulungen geradezu dafür trainiert, auch selber rechtzeitig Unterstützung zu suchen. Bei den Einsätzen ist immer ein psychologisch geschulter Ansprechpartner dabei. „Und überhaupt, bei uns scheut sich keiner davor, auch mal zu weinen oder einen Verzweiflungsanfall zuzulassen. ,Weichei‘ – diesen Vorwurf gibt es für keinen von uns.“ Jeder weiß, dass er nur ein guter Helfer sein kann, wenn auch er selber Hilfe annimmt.

Was die Arbeit in Polen vor allem in den ersten der insgesamt zwölf Tage Hilfseinsatz besonders anstrengend machte, war die Situation im Hotel, wo gerade alles umgebaut wurde und ständig schwere Maschinen dröhnten. „Wir arbeiteten ja rund um die Uhr“, so Karsten Doering. „Wer von uns Nachtschicht hatte, bekam kaum drei Stunden Schlaf zusammen.“ Zum Glück konnte die Einsatzgruppe später umziehen, damit nicht alle Kräfte verloren gingen, um die schweren Pumpen ab- und an einer anderen Stelle wieder aufzubauen. „Aber als ich schließlich wieder zu Hause ankam, war ich so erschöpft wie noch nie in meinem Leben.“

Zum Glück konnte er sich danach noch ein paar Tage freinehmen. Bei seinem behördlichen Arbeitsplatz ist das kein Problem. Andere Helfer solcher Sondereinsatzgruppen sind auf das Entgegenkommen ihrer Arbeitgeber angewiesen. Ohne deren Bereitschaft, auch mal wochenlang überraschend auf einen Mitarbeiter zu verzichten, geht gar nichts. Zwar bezahlt der Bund den Arbeitsausfall, doch mancher kleinere Betrieb kann es sich einfach nicht leisten, mit einem Mann weniger auszukommen. Auch das ist der Grund, warum nur wenige THW-Mitarbeiter überhaupt an solchen Aktionen wie derjenigen der Pumpen-Gruppe teilnehmen können.

Darüber hinaus muss man sowohl von seinen Fähigkeiten als auch von der Psyche her geeignet sein, um für dieses so viel Engagement fordernde Ehrenamt in Frage zu kommen. Jeder Helfer durchläuft ein „Casting“ und sollte, wie Karsten Doering als Elektroniker, spezielles Wissen mitbringen, dazu auch Fremdsprachenkenntnisse, körperliche Gesundheit und seelische Belastbarkeit. Außerdem ist auch das Wissen aus speziellen THW-Schulungen gefragt.

Karsten Doering fungiert in Rinteln als Fachberater und Einsatzleiter, er ist es, der hier die Einsätze der Fachgruppe „Wasserschaden-Pumpen“ koordiniert, angefangen bei Hochwassereinsätzen vor Ort bis hin zu solchen ungewöhnlichen Vorkommnissen, wie der Hebung des versunkenen Schiffes „Fermate“ aus dem alten Hafenbecken in Rinteln, die im Dezember 2007 für Aufsehen sorgte. Um hier der richtige Mann sein zu können, lernte er beim THW das Lkw- und Kranfahren und nahm an unzähligen technischen Weiterbildungen teil. „Ja – mich hat der ,blaue Virus‘ voll erwischt“, sagt er. „Ich habe mich im THW so richtig hochgearbeitet.“

Bereits als Jugendlicher, in Rinteln aufgewachsen, schloss er sich dem THW als ehrenamtlicher Helfer an. Dann kamen erstmal Berufsausbildung, Bundeswehr, Familiengründung dran, bis er in den neunziger Jahren wieder das Bedürfnis hatte, sich in eine Gemeinschaft einzubringen. „Das THW ist wie eine große Familie. Viele von uns müssen geradezu aufpassen, dass sie nicht zu viel tun. 300 Stunden pro Jahr fürs THW können locker zusammenkommen.“ Einsatzkräfte, die auf Abruf bereitstehen, haben sich außerdem in regelmäßigen Abständen Gesundheitschecks zu unterziehen. „Es gibt wohl keine Krankheit auf der ganzen Welt, gegen die ich nicht geimpft bin.“

Bis er 60 Jahre alt ist, will er in der HCP weitermachen, denn Einsätze wie die Hochwasserhilfe in Polen oder früher auch schon an der Elbe in der Ex-DDR empfindet er – bei aller Anstrengung – unbedingt als Bereicherung. „Ja, die Bilder brennen sich ein, aber eben nicht nur von den tragischen, sondern auch von glücklichen Momenten.“

Tausende Menschen auf der Flucht, hunderte Häuser unter Wasser, ungezählte Dämme gebrochen: Das katastrophale Weichsel-Hochwasser in Polen tauchte in Deutschland nur kurz in den Schlagzeilen auf – obwohl die Lage noch immer dramatisch ist. Erst vor ein paar Tagen ist ein Rintelner vom Notfalleinsatz zurückgekehrt: Karsten Doering hat als THW-Mann tagelang an vorderster Front geholfen.

Im Gepäck hatten die THW-Leute sechs große Pumpen – technische Meisterwerke, die bis zu 15 000 Liter Wasser pro Minute abpumpen können.



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