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Vor Gericht: Sohn von Pagacz-Znoj hält sexuelle Beziehung zum Angeklagten für ausgeschlossen

"Ich möchte wissen, wie es wirklich passiert ist"

Rinteln/Bückeburg (ly). Lange hat er gebraucht, um den Tod seiner Mutter wenigstens halbwegs zu verarbeiten. "Es war wie ein Schlag ins Herz", erinnert sich der Sohn von Krystyna Pagacz-Znoj, ein Dolmetscher aus Norddeutschland, an die Nachricht vom Tod der 47-Jährigen. "Danach habe ich alles sausen lassen, Arbeit, Uni..." Drei Jahre habe diese Phase gedauert. Zwischenzeitlich ist der Sohn Vater geworden. Sein Leben musste weitergehen.

veröffentlicht am 06.09.2008 um 00:00 Uhr

Vom Indizienprozess gegen Bernd S. (30), in dem der 31-Jährige als Zeuge und Nebenkläger auftritt, erwartet er vor allem eins: "Ich würde gerne wissen, wie es wirklich passiert ist." Dass der Angeklagte und das Opfer ein Verhältnis gehabt haben sollen, nennt der Sohn unmöglich: "Das halte ich für eine Lüge, für ein Märchen." Am ersten Verhandlungstag hatte Verteidiger Dr. Volkmar Wissgott für seinen Mandanten eine Erklärung abgegeben, wonach Täter und Opfer, die damals als Nachbarn im selben Rintelner Mehrfamilienhaus lebten, über mehrere Monate eine sexuelle Beziehung gehabt hätten. Im Streit will der kräftige Mann "ausgerastet" sein und die 1,49 Meter kleine Frau in seiner Wohnung erwürgt haben, nach Erkenntnissen der Ermittler am 10. November 2000 oder kurz vorher. Diese Darstellung könnte als Totschlag gewertet werden, falls das Bückeburger Schwurgericht ihr folgt. Vorgeworfen wird S. Mord. Der Anklage zufolge soll der 30-Jährige die Frau erwürgt haben, um der Anzeige wegen einer vorausgegangenen Vergewaltigung zu entgehen. Juristisch wäre das ein Mord-Merkmal. Durch die Aussage des Sohnes hat das Opfer gestern zum ersten Mal ein Gesicht bekommen. Der 31-Jährige beschreibt seine Mutter als eine Frau mit moralischen Grundsätzen, gebildet und belesen. "Wer Remarque oder Hemingway nicht kannte, war bei ihr auf einem schlechten Weg." 1986 waren Mutter und Sohn nach Deutschland gekommen, der Junge sollte es offenbar besser haben. In den neunziger Jahren heiratete Pagacz-Znoj zum zweiten Mal, die Ehe ging in die Brüche. "Sie rutschte immer weiter in die Einsamkeit." Dennoch soll die Beziehung zum Sohn eng gewesen sein. "Von meiner Mutter wusste ich alles", sagt der Sohn, der nach eigener Darstellung auch über den Kontakt mit einem Ausländer anderer Herkunft informiert gewesen ist. "Zu deutschen Männern hatte meine Mutter in 14 Jahren keine sexuelle Beziehung." Zuletzt hatte Krystyna Pagacz-Znoj wohl einen sozialen Abstieg hinter sich. Sie lebte von Sozialhilfe, machte Grabpflege, ging putzen. Und sie trank. Um seine Mutter auf andere Gedanken zu bringen und vom Alkohol abzuhalten, schickte der Sohn Päckchen oder Briefe, auf die die Frau antworten musste, um so etwas wie einen geregelten Tagesablauf zu haben. "Sie hat ihr früheres Leben für mich geopfert und nicht so gelebt wie in Polen." Gelebt habe sie für die Post im Briefkasten. "Meine Mutter würde so etwas nie tun", sagt der Sohn einmal auf eine andere Frage der Vorsitzenden Richterin Dr. Birgit Brüninghaus. Er sagt es, als würde die Mutter noch leben.

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