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Im Interview: Der Graf ist Mastermind der Band Unheilig und freut sich über Vergleiche mit Rammstein…

„Ich möchte so nah wie möglich an die Menschen ran“

Sein siebtes Studio-Album steht seit einer Woche in den CD-Regalen und Download-Portalen. Seine Fans kennen weder seinen Namen noch private Details. Mit seiner Musik hat er es an die Spitze der Charts gebracht. Der Graf, Mastermind der Band Unheilig. Der charismatische Musiker – übrigens schon seit über zehn Jahren im Geschäft – war bisher eher in den Kreisen der Elektro-Rock-Szene zu Hause, konnte mit dem 2008er Album „Puppenspiel“ und der tieftraurig mitreißenden Single-Auskopplung „An Deiner Seite“ im populären Musikbusiness punkten, lief in Funk und Fernsehen und füllte respektable Hallen-Größen mit seinen Live-Shows. Die „Große Freiheit“ – so der Titel des brandaktuellen Longplayers – zündet nun die nächste Stufe der Unheilig-Rakete. Was verbirgt sich dahinter? Marcel Kimmling sprach mit dem Graf.

veröffentlicht am 27.02.2010 um 07:50 Uhr

Das neue Album „Große Freiheit“ klingt vertraut, überrascht Fans Deiner Musik dennoch mit neuer Härte, die durch verstärkten Gitarren-Einsatz und weniger Elektronik entsteht. Manche Songs hätte man eher auf einem Rammstein-Album erwartet…

Ich persönlich freue mich über diesen Vergleich. Wenn so ein Lied ein Gitarren-Brett sein soll, dann muss das auch so klingen wie Rammstein. Am Anfang habe ich mich gefragt, in welche Richtung die neue Platte gehen soll. Und eigentlich ist „Große Freiheit“ das Album geworden, wie ich es mir immer gewünscht habe. Für mich als Künstler war es bei dieser Produktion so erfrischend, mit Profis zu arbeiten, die den Liedern eine ganz besondere Stimmung verleihen. Wir sind der Linie treu geblieben, haben uns aber auch ein Stück weiter entwickelt indem wir jetzt auch dieses Gitarren-Brett draufhaben.

Aber die Fans müssen keine Angst haben, dass die nächste Unheilig-Show wie bei Rammstein abläuft?

Also, live hat das natürlich nichts mit Rammstein zu tun. Ich bin der Meinung, dass man eine gewisse Wand zum Publikum aufbaut, wenn man viel Pyro-Technik und Feuer hat. Aber ich möchte so nah wie möglich bei den Menschen sein. Ich brauche auch vor den Konzerten den Kontakt zum Publikum, sonst habe ich totale Panik. Ich muss immer gucken, wie die Leute so drauf sind, gebe Autogramme, mache Fotos, dann fühle ich mich sicherer. Meine größte Angst ist immer noch, dass ich auf die Bühne komme und keiner klatscht. Aber mit einer ganz normalen Freundlichkeit kannst du dir vorm Konzert so viel Angst nehmen und ich genieße das einfach – auch wenn’s mal drei Stunden und länger dauert.

Durch den Erfolg von Single und Album steigt das Medieninteresse enorm. RTL II nutzt Deine Single für die Aktion Menschen-Patenschaft. Wie gehst Du mit dem Vorwurf um, kommerziell geworden zu sein?

Die Leute rufen alle „Kommerziell, kommerziell!“, obwohl die Musik eigentlich gleich geblieben ist. Aber das ist okay für mich. Ich kann die Fans ja auch verstehen. Wenn man sich selbst treu bleibt, ist dieser Schritt in die breite Öffentlichkeit vollkommen legitim. RTL II hat irgendwann mal gefragt, ob sie dieses Lied haben können. Und wer die Unheilig-Musik kennt, weiß, dass das auch passt. Ich singe seit Jahren davon, das Leben zu genießen, an sich zu glauben, sich nicht unterdrücken zu lassen und den Traum des Lebens einfach zu leben. Für mich persönlich war das überhaupt in keiner Weise verwunderlich, dass für so eine Thematik ein Unheilig-Lied genommen wird. Es hat mich aber natürlich unheimlich gefreut. Und alles andere passiert nun fast von alleine. Man bekommt jetzt diese Plattform und es ist toll, dass so viele Fans dazu kommen.

Mit Universal steht jetzt auch eine große Plattenfirma hinter Unheilig. Inwieweit hat sich das auf die „Große Freiheit“ ausgewirkt?

Überhaupt nicht. Das ist ja das Schöne, wenn du selbst sagen kannst, was du machst. Die haben aber auch verstanden, was Unheilig ist. Es hat aber auch über zwei Jahre gedauert, bis wir auf einem Level waren, was wir wollen und was wir uns vorstellen. Dieser Schritt ist nicht von heute auf morgen gekommen, sondern wir haben da auch genaue Vorstellungen gehabt. Und entweder macht man es mit uns oder man lässt es bleiben. Wenn man mir sagen würde, was ich machen soll, dann würde ich direkt zumachen. Ich könnte dann auch nicht mehr hinter dem Album stehen. Dafür habe ich nicht zehn Jahre lang Musik gemacht. Dann würde ich Verrat begehen.

Der Unheilig-Stil bleibt also. Deine Konzerte haben eine besondere, fast feierliche, aber dann auch wieder energiegeladene Stimmung, schwarzer Anzug und weißes Hemd sind bei Dir nach wie vor Pflicht, wenn Du auf der Bühne stehst. Aber die weißen Kontaktlinsen sind verschwunden.

Ja, die sind weg. Zum Glück. Nach dem Abschluss-Konzert der Puppenspiel-Tour wurde ich ziemlich schwer krank und wusste nicht, ob ich überhaupt jemals wieder singen kann. Ich habe auch kein einziges Bild gesehen, wo ich mir selber in die Augen gucken konnte. Diese Linsen haben mich so lange begleitet und mittlerweile auch echt genervt. Letztes Jahr war der Zeitpunkt gekommen, darauf zu verzichten.

Als Graf verbirgst Du Deine wahre Identität. Viele Deiner Songs sind aber trotzdem sehr persönlich, zum Teil Freunden oder Deiner Familie gewidmet, was ja im Prinzip einen Gegensatz darstellt.

Ich kann den Menschen so nah sein, weil ich selber entscheiden kann, wie weit ich gehe. Wenn jemand wüsste, wer ich bin, wo ich wohne oder wie ich heiße, könnte der mir so weit folgen, wie er will. In dem Moment, wo ich das selber entscheiden kann, gibt mir das einfach eine gewisse Sicherheit. Ich habe mein Pseudonym ja auch deswegen gewählt, um das Private und das Musikalische zu trennen. Die Leute sollen aber auch sehen, dass ich ein ganz normaler Typ bin. Ich bin keine Kunstfigur oder unnahbar.



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