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„Ich gehe nachts nicht allein auf die Straße“

Wenn Bückeburg überregionalen Medien eine Erwähnung wert ist, hat das meist mit dem Haus zu Schaumburg-Lippe zu tun. Ein Kind ist dann geboren, oder die Landpartie wurde eröffnet. Oft geht es um harmlose Personality-Geschichten für den Boulevard, die auch noch den angenehmen Nebeneffekt haben, für das Schloss als Touristenziel zu werben.

veröffentlicht am 05.04.2012 um 14:23 Uhr
aktualisiert am 27.11.2012 um 11:33 Uhr

Weniger begrüßenswert ist es da, die Residenzstadt als Neonazi-Hochburg hingestellt zu sehen, wie es jüngst vermehrt geschehen ist. Da klingeln Fernsehreporter an den Türen stadtbekannter Rechtsradikaler, worauf die Heimgesuchten – wer hätt’s gedacht – ihnen mehr oder weniger direkt körperliche Konsequenzen androhen. Die Botschaft ist eindeutig: Bückeburg, sagen die Macher, steht das braune Sumpfwasser bis zum Hals.

Zwar umweht auch diese Art der Berichterstattung ein Hauch von Boulevard. Tatsache ist solch reißerischen Tendenzen zum Trotz aber, dass weder die Opfer rechter Gewalt, noch deren Eltern, noch Menschen, die sich in Bückeburg gegen die Rechtsradikalen engagieren, namentlich in der Zeitung genannt werden möchten. Keiner der Befragten macht einen Hehl daraus, dass sie groß ist, die Angst vor... nun, körperlichen Konsequenzen.

Bisher betrifft der Konflikt – das jedenfalls behauptet die Polizei – ausschließlich junge Menschen, die sich politisch dem radikal rechten oder linken Spektrum zugehörig fühlen. Sie sind „Nationale Sozialisten“ oder „Antifa“. Die ermittelnden Beamten beharren entsprechend auf ihrer Darstellung zweier rivalisierender Jugendbanden, die sich gegenseitig zu ihren Taten anstacheln. Uwe Baum, Leiter des Staatsschutz-Kommissariats bei der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, glaubt gar, die Neonazis hätten sich mit aufgeklebter und gesprühter Propaganda im Bückeburger Stadtbild in Reaktion auf die Präsenz der dortigen „Antifa“ zu Wort gemeldet, die wiederum seit dem ersten sogenannten „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf verstärkt in Erscheinung getreten wäre.

Ob nun das Huhn oder das Ei zuerst da war, dürfte Jugendlichen, die sich aus Angst vor rechten Gewalttätern nicht mehr vor die Haustür trauen, relativ egal sein. Ihre Eltern treffen sich seit Kurzem auf Initiative eines Vaters regelmäßig zu einem Gesprächskreis. „So“, sagt der Mann, dessen 16 Jahre alte Tochter das Gymnasium Adolfinum besucht, „kann es nicht mehr weitergehen.“

Das weiß auch Julia. Sie studiert mittlerweile in Hannover. Politik und Anglistik. Sie mag ihr Fahrrad, aber wenn sie in Bückeburg zu Besuch ist, fährt sie nur mit dem Auto. Sie hat Angst, in eine Gruppe von „denen“ zu laufen.

Jens hat kein Auto. Wenn er niemanden findet, der ihn mitnimmt, bleibt er zu Hause. Auch am Wochenende. „Ich geh hier nachts bestimmt nicht allein durch die Straßen“, sagt der 18-Jährige. Er weiß, dass die Neonazis ihn kennen. Sie haben in seinem Elternhaus eine Fensterscheibe eingeschmissen, morgens um drei. Jens‘ Mutter war zunächst erschrocken, aber im Nachhinein nicht überrascht. Anderen war das bereits zuvor passiert. Jetzt hat sie sich dem jüngst in Bückeburg gegründeten Gesprächskreis angeschlossen.

Einige Wochen vorher hatten ihr rechtsradikale Jugendliche etwas hinterhergerufen, als sie mit dem Fahrrad vom Einkaufen zurückkam. „Da beginnt man zu verstehen, wie die Kinder sich fühlen“, sagt die Mutter. Auch wenn „die“ sich an Eltern nicht herantrauten. „Hoffe ich jedenfalls“, sagt sie und lacht verunsichert.

Jens ist in der „Antifa“. Für die Neonazis macht ihn das zum Linken, zur „Zecke“, zur Zielscheibe. „Aber das hat nichts mit Antifa zu tun“, sagt Julia. Es könne jeden treffen, der „irgendwie alternativ“ aussehe. Oder jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der so aussieht, als könnte er jemanden kennen, der in der „Antifa“ ist. Die 19-Jährige selbst ist in ihrer Schulzeit in Bückeburg von den Rechtsradikalen bespuckt und bepöbelt worden.

Dass man nicht ausdrücklich „gegen Nazis“ sein muss, um ins Visier genommen zu werden, bestätigt der 21-jährige Stefan. Der junge Mann zum Beispiel, der im vergangenen Jahr auf dem Erntefest in Scheie verprügelt wurde und dabei schwere Verletzungen davontrug, sei „nur irgend so ein Skatertyp“ gewesen. Stefan zufolge ging die Tat auf das Konto von Rechtsradikalen. „Aber die Polizei hat nicht anerkannt, dass das Nazis waren“, sagt er. Der Vorfall sei behandelt worden wie „irgendeine Zeltfetenprügelei“, und so habe es dann auch in der Zeitung gestanden. „Als ob Leute, die sich mal in einer Bierlaune kloppen, so was machen“, sagt Stefan und tippt sich an die Stirn. „Den mussten sie mit dem Hubschrauber abholen, weil sie ihm den Kopf kaputt getreten hatten.“

Das Verhältnis zur Polizei ist schwierig und von Misstrauen geprägt. Ausgesagt wird kaum, was die Beamten ärgert – vor allem, wenn die Betroffenen zunächst die Mitarbeit verweigern und es im Nachhinein heißt, die Staatsgewalt sei auf dem rechten Auge blind.

Allerdings, sagt Stefan, gibt es für diese mangelnde Kooperationsbereitschaft einen guten Grund. „Wenn etwas aktenkundig wird, schicken die ihre Szeneanwälte“, erklärt er. „Die bekommen Akteneinsicht. Und dann haben sie Deine Adresse.“ Ungläubig berichten junge Bückeburger, wie schnell sich das rechtsradikale Gedankengut in der Stadt verbreitet hat. Dennis, der inzwischen im Kreis Minden-Lübbecke zur Schule geht, hat seinen Realschulabschluss auf der Herderschule gemacht. „Erst waren das zwei oder drei“, erinnert er sich. „Dann haben die sich verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht, innerhalb von ein paar Wochen.“ Dennis trägt die Haare lang, Jeans und Turnschuhe sind zerschlissen. Er sieht aus wie eine „Zecke“. Darum ist er in der Pause nie auf den Schulhof gegangen, gegessen hat er in der Innenstadt.

Wenn es Ziel der Neonazis ist, den öffentlichen Raum zu besetzen und Andersdenkende zu vertreiben, dann scheint ihre Strategie in Bückeburg aufzugehen. Einen Freund von Stefan, der sich bekennend gegen die Neonazis engagierte, hat dieses Engagement die Schneidezähne gekostet. „Der studiert jetzt weit weg und will von Politik nichts mehr wissen“, sagt Stefan. „Der hat einen Schock fürs Leben.“ Verübeln könne er seinem Bekannten dessen Rückzug nicht. Das Gesicht sei damals aufgrund der dicken Schwellungen nicht mehr zu erkennen gewesen.

„Ich mach noch meine Ausbildung zu Ende, und dann bin ich weg“, sagt Stefan. „Ich hab‘ die Schnauze voll.“ Zur von der Polizei geäußerten Hoffnung, dass der immer wieder beschworene „Rechts-Links-Konflikt“ mit diesem Weggang der Beteiligten, einem Herauswachsen aus der Szene, enden könnte, sagt der junge Mann: „Die erste Generation der Nazis von der Herderschule ist jetzt zum Beispiel auf der BBS in Stadthagen. Schauen Sie sich einfach die Parolen an, die da an den Wänden kleben.“

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.



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