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Interview mit Katrin Göring-Eckardt (41, Grüne), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

"Ich bin ein Freund gallischer Dörfer..."

Stadthagen (ssr). Es gibt nicht viele Abgeordnete aus der ersten Reihe des Deutschen Bundestages, die aus ihrem christlich-kirchlichen Hintergrund keinen Hehl machen. Zu ihnen gehört die Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Die 41-jährige Grünen-Politikerin aus Thüringen, die während der Wende mit Volldampf in die Politik startete, war auch schon Grünen-Fraktionschefin im Bundestag. Die frühere Theologiestudentin sitzt in der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ist Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden im Jahr 2011. Bei einem Redaktionsbesuch äußerte sie sich zu Stichwörtern wie Schaumburg-lippische Landeskirche, verkaufsoffene Sonntage, Sterbehilfe, Verhältnis zum Islam und auch zu ihrem ganz persönlichen Glauben.

veröffentlicht am 04.01.2008 um 00:00 Uhr

Katrin Göring-Eckardt beim Redaktionsbesuch in Stadthagen: "Die

Frau Göring-Eckhard, wir sind hier in der schaumburg-lippischen Landeskirche, der zweitkleinsten in Deutschland. In der EKD wird das Konzept diskutiert, die Zahl der Landeskirchen zu halbieren. Wie sehen Sie das als EKD-Synodale? Zunächst einmal: Ich bin ein Freund von gallischen Dörfern. Die haben einen ganz großen Vorteil: Die Leute, die da leben, halten richtig gut zusammen. Auf der anderen Seite muss man sich darüber klar werden, wie Strukturen in der modernen Zeit funktionieren: Für welche Strukturen geben wir wie viel Geld aus, wo benötigen wir gegenseitige Unterstützung? Wir müssen auch das Gesamtkirchliche im Blick haben. Daher geht das EKD-Impulspapier in die richtige Richtung. Um zum gallischen Dorf zurückzukommen: Jeder kann seine Erbhöfe mitbringen in etwas gemeinsames Reiches. Regionale Besonderheiten können und müssen auch in geänderten Strukturen erhalten bleiben. "Ohne Sonntag gäbe es nur Werktage."_ Unter diesem Motto stand eine in der Adventszeit gelaufene kirchliche Kampagne. Gleichzeitig reichen einige Landeskirchen mit Unterstützung der EKD Verfassungsklage gegen zu viele verkaufsoffene Sonntage ein. Hat das für Sie auch so einen hohen Stellenwert, ist dieses Vorgehen angemessen? Das ist schon eine wichtige gesellschaftliche Frage, bei der die Kirche ein guter Lautsprecher sein kann. Es muss in der Woche einen Ruhepol geben, wo man mit der Familie zusammen sein, Verwandte und Freunde treffen - also Gemeinschaft leben kann. Es ist für die ganze Gesellschaft wichtig, dass es zumindest an einem Tag die mögliche Zeit dafür gibt. Natürlich wird es immer Berufe geben, in denen sonntags gearbeitet werden muss. Aber wir müssen uns nicht das Gebot auferlegen lassen: du sollst sonntags einkaufen dürfen. Im Übrigen ist interessant, dass die Kirche dabei Verbündete hat, zum Beispiel die Gewerkschaften. Aber muss es wirklich gleich eine Verfassungsklage sein? Das Thema wird ja schon seit Jahren diskutiert. Der besondere Stellenwert des Sonntags steht in unserer Verfassung, den muss man nicht herbeireden. Die Kirche unternimmt hier also etwas im Interesse der ganzen Gesellschaft. Ich halte die Verfassungsklage daher jetzt für das richtige Mittel. Wie stehen Sie zum Thema Sterbehilfe? Dabei gibt es Interessen, die im Mantel von Selbstbestimmung kommen, was in Wahrheit größtmöglicher Entzug der Würde von Sterbenden ist. Damit meine ich ausdrücklich nicht den individuellen Wunsch, sondern den kommerziellen Umgang. Das Sterben ist etwas, was zum Leben dazugehört. Viele Menschen haben die Befürchtung, sie hängen als Sterbende auf der Intensivstation an Schläuchen. Das wollen sie nicht. Dafür habe ich größtes Verständnis. Wenn sie aber von Palliativstationen, Hospizen und Schmerztherapien erfahren, ändert sich das allermeist. Wir müssen als Politiker auf eine flächendeckende Versorgung in diesem Sinne hinwirken. Derzeit wird die kirchliche Debattestark vom Verhältnis zum Islam bestimmt. Auf der EKD-Synode im November hat der Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber sinngemäß gesagt, in Deutschland dürften zwar ruhig Moscheen gebaut werden, über deren Zahl und die Höhe der Minarette sollten die Christen aber denn doch mitreden. Wie wirkt das auf Sie? Der wichtigste Punkt seiner Rede ist gewesen, dass die Toleranz zwischen Religionen, also auch seitens des Protestantismus, das höchste Gebot sein muss. Ich glaube, dass wir uns weder als Kirche noch als Gesellschaft einen Gefallen tun würden, wenn wir einen Streit um die Höhe von Minaretten führen. Wichtig ist, dass man über derlei Dinge miteinander spricht. Es geht ja nicht um den Punkt, dass ab soundsoviel Metern Schluss ist. Tolerantes religiöses Miteinander heißt in einer Kommune, darüber zu reden: was bedeutet es, wenn ihr die Moschee an der und der Stelle so und so baut. Sie haben auf der EKD-Synode gesagt, es gelte, gegenüber dem Islam Toleranz zu üben, gleichzeitig als Christen aber auch "klar zu sagen, was wir für wahr halten". Wie meinen Sie das? Damit meine ich nicht die Frage, wo eine Moschee stehen soll. Vielmehr geht es mir dabei darum, dass wirüber unseren eigenen Glauben auch wirklich reden. Gelegentlich hat man beim interreligiösen Dialog den Eindruck, als ginge es nur darum, nett zueinander zu sein und Kulturelles auszutauschen. Wir sollten uns aber auf Augenhöhe gegenseitig erzählen, was unsere Religionen im Sinne eines "für wahr halten" für uns bedeuten. Durchaus auch darüber streiten. Leben in einer multikulturellen Gesellschaft heißt nicht einfach nebeneinander da zu sein, sondern sich füreinander zu interessieren. Da muss ich im Gespräch auch was von mir preisgeben. Mal ganz persönlich: Welche Rolle spielt denn der Glaube für Sie als Politikerin? Man muss sich darüber klar sein: Man kann nicht die Bibel aufschlagen und weiß dann, wie man über den Bundesverkehrswegeplan abzustimmen hat. Trotzdem bin ich immer Christin. Es gibt auch Entscheidungen, wo das eine wichtige Rolle spielt. So war es für mich etwa beim Thema Stammzellenforschung. Ich habe lange geschwankt, ob ich nicht im Sinne der politischen Vernunft für den Kompromiss stimmen sollte, den u. a. meine katholische Parteifreundin Andrea Fischer ausgearbeitet hatte. Schließlich habe ich gemäß meiner Überzeugung aber gegen jedwede Öffnung gestimmt, weil ich nicht anders konnte. Doch so eine Gewissensfrage kommt sehr selten vor. Es gibt im Reichstagsgebäude eine Kapelle. Sind Sie da gelegentlich zu sehen? Ich bin da gelegentlich. Zu sehen allerdings eher nicht. Ich gehe da hin, wenn da niemand ist. Denn dann ist das einer der wenigen Orte, wo wirklich Ruhe ist. Ich nutze die Kapelle also als Ort der Stille. Sie appellieren gelegentlich, Protestanten sollten sich "als Christenmenschen erkennbar zeigen". Beobachten Sie da ein Defizit? Ich habe mich selber lange schwer damit getan,öffentlich zu sagen, dass ich Christin bin. Mir geht es nicht darum, Leute zum Christsein zu überreden, sondern offen über meinen Glauben zu sprechen. Jeder Christ sollte an seinem Ort, an dem er lebt und wirkt, glaubwürdig als solcher erkennbar sein. Ich halte das auch für die Gesellschaft für gut. Denn Religion spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Aus zwei Gründen. Zum einen sind viele auf der Suche heraus aus der Orientierungslosigkeit. Und nach dem 11. September 2001 spielen religiöse Dinge im politischen Raum eine größere Rolle. Da macht es Sinn, mehr über die eigene Religiosität zu reden. Ein Grundton auf der EKD-Synode war, die Kirche solle sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Welches Verständnis haben Sie davon? Den Grundsatz finde ich gut, weil es das ist, was die Leute bei der Kirche suchen. Erst kommen die Kernaufgaben, dann Gesellschaft und Politik. Die Menschen erwarten nicht, dass wir uns am Ende als Kirche konkret in das politische Tagesgeschäft einmischen. Auf der anderen Seite müssen wir uns gerade als Protestanten für politische Dinge interessieren. Etwa wenn es um Zusammenhänge wie Gerechtigkeit oder die Bewahrung der Schöpfung geht. Beim Thema Arm und Reich bin ich froh, dass sich meine Kirche dazu äußert. Sie wird als wichtiger Teil in der Gesellschaft ja auch gehört. In der Tagespolitik jeweils das richtige Maß zu finden, ist oft nicht einfach. Es gilt aber: Wenn die Kernaufgaben gut ausgeführt werden, kann man das andere mit größerer Leichtigkeit machen. Das Kerngeschäft, also Gottesdienste und andere geistliche Veranstaltungen, scheinen in heutiger Zeit für viele Menschen nicht sehr anziehend zu sein. Es kommt darauf an wie man das macht. Wenn Menschen den Eindruck haben, hinter Kirchentüren ist es dunkel und da passieren eigentümliche Sachen, dann werden sie da nicht hineingehen. Wenn Menschen aber spüren, in der Kirche gibt es Leute, die stehen mitten im Leben und zu dem was die machen, habe ich einen Zugang, dann kommen sie auch. Die Kirche muss auf die wechselnden Lebensverhältnisse eingehen. Trotzdem meine ich, wir müssen aufpassen, dabei nicht zu niederschwellig zu werden. Denn wenn jemand auf der Suche ist, dann will er, dass das kirchliche Angebot auch tatsächlich mit dem Glauben was zu tun hat. Also: Auf den Inhalt kommt es an, die Form kann sich wechselnden Lebensbedingungen anpassen, ohne allerdings beliebig zu werden. Welche Ansatzpunkte hat die Kirche in den zunehmend säkularisierten östlichen Bundesländern, wieder größere Zustimmung zu gewinnen? In denöstlichen Ländern werden viele Entwicklungen vorweggenommen, die sich später im Westen widerspiegeln. So vielleicht auch bei dieser Frage. Ganz wichtig ist die sozialdiakonische Arbeit. In diesem Bereich gibt es eine hohe Akzeptanz dafür, dass das mit religiösen Inhalten verbunden ist - etwa bei kirchlichen Kindergärten. Ein weiterer Bereich ist Bildung. An christlichen Privatschulen stehen die Leute Schlange - das hat mit Qualität und Glaubwürdigkeit zu tun. Als gebürtige Thüringerin sind Sie Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden 2011. Welche spezielle Bedeutung messen Sie einem Kirchentag im Osten zu? Das birgt eine Menge Themen. Es jährt sich etwa der Mauerbau von 1961 genau so wie der 11. September 2001 - das sind wichtige thematische Ansätze. Zudem: In Sachsen gibt es einerseits sehr traditionelle Regionen, in denen die Kirchen jeden Sonntag richtig voll sind. Auf der anderen Seite gibt es säkulare Gebiete mit Kirchenmitgliedschaften weit unter 20 Prozent. In einer solchen Gegend über kirchliche Zukunft zu reden, wird spannend. Nebenbei: Ich habe für die Präsidentschaft nicht leichtfertig zugesagt. Ich habe dann aber gemerkt, ich kann das gar nicht ablehnen, denn es ist eine große Ehre.

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