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Ein Streifzug durch die Geschichte der heimischen Nationalhymnen und Vaterlandsgesänge

„Ich bin auch meines Fürsten Kind“

Über die „Identität“ der hierzulande lebenden Leute ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden. Sicher sei, „dass Schaumburger ihre aktuellen, geschichtlichen und traditionellen Gemeinsamkeiten stärker empfinden als Menschen in vergleichbaren Regionen“, heißt es in einer vor knapp zehn Jahren von der Schaumburger Landschaft herausgegebenen „Landeskunde“. Wer genauer hinsieht, wird schnell mancherlei Unterschiede und Ungereimtheiten in puncto Zusammengehörigkeitsgefühl spüren. Neben persönlichen Empfindsamkeiten und/oder politischem Kalkül werden nicht zuletzt die Nachwirkungen der jahrhundertelangen Teilung deutlich. Das ist kein Wunder. Hinter den Schlagbäumen konnte sich ein eigenes, von den Obrigkeiten patriotisch verbrämtes Selbstverständnis entwickeln. Hörbarer Ausdruck waren die „Nationalhymnen“.

veröffentlicht am 07.04.2012 um 00:00 Uhr

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In Schaumburg-Lippe gab es das „Schaumburg-Lipper-Lied“. Es ging so:

„Ich bin ein Schaumburg-Lipper Kind, das sag’ ich frisch und frei,

wo ich nur einen Menschen find,

der fragt, woher ich sei.

Grüß Gott, mein Schaumburg-Lipper Land!

Dich preis’ ich stets mit Mund und Hand.

Die Schaumburg, Wahrzeichen des nach ihr benannten Landes, hat sich schon eine Menge ungewöhnlicher Gesangshymnen anhören müssen (Stahlstich des gebürtigen Engländers Albert Heinrich Payne, 1812-1902).

Ich bin ein freies Sachsenkind mit hellem Aug‘ und Haar,

ich bin wie echte Sachsen sind,

kühn, trotzig, treu und wahr.

Grüß Gott, mein teures Heimatland!

Dich preis‘ ich, stets mit Mund und Hand!

Ich bin auch meines Fürsten Kind; ein Vater ist er mir,

und seinem Hause treu gesinnt

verbleib’ ich für und für.

Aus vollem Herzen rufe ich: Grüß Gott, mein Fürst und Vater, dich!

Ich bin auch meines Kaisers Kind

und folge seiner Fahn’.

Ob stark des Reiches Feinde sind,

er schreitet mir voran.

Die Fahne hoch für Kaisers Ehr’! Gott schütze ihn zu Land und Meer!

Ich bin auch meines Gottes Kind und steh in seinem Schutz,

drum bleib‘ ich fest im Sturm und Wind

und biet’ dem Feinde Trutz.

Es segne Gottes Vaterhand Mein teures Schaumburg-Lipper Land.“

Mit so viel Fürstenglanz im Herzen und vor der Haustür konnten die Stammesbrüder in der bis 1866 kurhessischen und danach preußischen Grafschaft Schaumburg nicht mithalten. Sie waren auf die aus den fernen Hauptstädten Kassel und Berlin vorgegebenen Hymnen angewiesen. Angeblich waren sie beim Anstimmen des „Hessenlieds“ und auch später beim „Preußenlied“ längst nicht so inbrünstig bei der Sache wie die nördlich des Wesergebirges beheimateten schaumburg-lippischen Nachbarn. Möglicherweise hatte das aber auch damit zu tun, dass das Hessenlied selbst die Ureinwohner rund um Kassel nicht von den Stühlen zu reißen vermochte. Dem Lied fehle der „vaterländische Pep“, war zu hören. In der Tat ging es in dem Werk – anders als in den anderen Hymnen – vergleichsweise sanftmütig zu:

„Ich kenne ein Land, so reich und so schön,

voll goldener Ähren und Felder.

Dort grünen vom Tal bis zu sonnigen Höh’n

dufthauchende, dunkele Wälder.

Dort hab‘ ich als Kind an der Mutter Hand

in Blüten und Blumen gesessen.

Grüß Gott dich, du Heimat, du herrliches Land.

Grüß Gott dich, mein liebes Land Hessen!

Nach 1866 mussten sich Landrat, Bürgermeister und Lehrer der Grafschaft gesinnungs- und gesangsmäßig umstellen und die „Borussia“ (Preußenhymne, Borussia = Preußen) lernen und/oder einstudieren. Das klang dann so:

„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?

Die Fahne schwebt mir weiß und schwarz voran;

daß für die Freiheit meine Väter starben,

das deuten, merkt es, meine Farben an.

Nie werd ich bang verzagen, wie jene will ich’s wagen

Sei’s trüber Tag, sei’s heitrer Sonnenschein,

Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.

So wie im Schaumburger Land schmetterten damals die Deutschen überall im Reich inbrünstige und zuweilen herzzerreißende Gesänge und Stoßgebete gen Himmel. Im Norden hieß es „Heil dir, o Oldenburg!“, und im Süden stimmte man „Gott mit dir, du Land der Bayern“ an.

Die Entstehungsgeschichte des patriotischen Liedguts geht ins 19. Jahrhundert zurück. Insbesondere die Reichsgründung im Jahre 1871 löste einen wahren „Hymnenrausch“ aus. Für das Hessenlied zeichneten Lyriker Carl Preser und Musiklehrer Albrecht von Brede aus Kassel verantwortlich. Die Preußenhymne schufen der Dortmunder Gymnasialdirektor Bernhard Thiersch und der königliche Musikdirektor August Niedhardt.

In Schaumburg-Lippe waren für die Kultur im Lande die (Volks-) Schulmeister zuständig. Wenn ihre Schöpfungen den Geschmack des Schlossherrn trafen, durften sie auf das Ehrenkreuz 4. Klasse des fürstlichen Hausordens hoffen. In puncto Landeshymne wollte, trotz zahlreicher Versuche, lange Zeit kein Ohrwurm gelingen. Bei Sedan-, Kaiser- und Fürstengeburtstagsfeiern musste man sich mit überregionalen Schlagern wie „Heil Dir im Siegerkranz“ oder „Wacht am Rhein“ begnügen. Das änderte sich, als um 1900 der 25-jährige Heinrich Kölling vom Dichterdrang erfasst wurde. Kölling hatte eine Lehrerstelle in Petzen inne. Seine im Oktober 1901 aus Anlass des 55. Geburtstags des Fürsten Georg in der Landes-Zeitung abgedruckten Verse kamen so gut an, dass sich notenkundige Kollegen sofort ans Komponieren machten. Die passende „schwungvolle, dreistimmige Melodie“ (Landes-Zeitung) fiel wenig später dem auch als Organist tätigen Lehrer Wilhelm Everding aus Bergkirchen ein. Fortan durfte das Werk bei keiner patriotischen Veranstaltung mehr fehlen. Damit alle mitsingen konnten, wurden Text und Melodie ins schaumburg-lippische Schulliederbuch aufgenommen. Die Notenfibel gehörte – bis weit in die zwanziger Jahre hinein – zum Pflichtunterrichtsprogramm der Volks- und Bürgerschulen. Erst als es schon lange keinen Kaiser und keinen Fürsten mehr gab, verschwand mit dem Buch auch das Schaumburg-Lipper-Lied in der Schublade. Mehrere – nach der Machtübernahme Hitlers 1933 und nach Kriegsende 1945 mit neuem Text – gestarteten Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Das gleiche Schicksal war auch den meisten anderen patriotisch-vaterländischen Werken beschieden. Mit Ausnahme der Bayern-, Hessen- und Saarlandlieder, die in ihren Ländern bis heute als hoheitliche Statussymbole gelten, gibt es keine offiziellen Landes- und/oder Territorialhymnen mehr.

Dauerhaft durchsetzen konnte sich auch nicht das nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Schublade geholte „Lied der Niedersachsen“. Dabei hatte Hinrich Wilhelm Kopf, erster Ministerpräsident des 1946 von den englischen Besatzern neu gegründeten Landes, nichts unversucht gelassen, die aus Hannoveranern, Braunschweigern, Oldenburgern und Schaumburg-Lippern zusammengefügte Einwohnerschaft auch musikalisch zu einen. Am besten schien Kopf dazu ein in den 1920er Jahren von dem Lehrer Hermann Grote geschaffenes Werk geeignet. Es ging und geht so:

„Von der Weser bis zur Elbe, Von dem Harz bis an das Meer

Stehen Niedersachsens Söhne, Eine feste Burg und Wehr

Fest wie unsre Eichen halten alle Zeit wir stand,

Wenn Stürme brausen

Übers deutsche Vaterland.

Wir sind die Niedersachsen, Sturmfest und erdverwachsen,

Heil Herzog Widukinds Stamm! Wir sind die Niedersachsen,

Sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukinds Stamm!



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