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Talentiertes Scheusal: Ein Brecht-Abend mit Beate Josten

Huren, Heilige, Mütter, Geliebte

Obernkirchen. Poetisches, Vitales und Derbes, Sinnliches, Vergängliches, Erhellendes und Geniales: Im Werk von Bertolt Brecht werden alle fündig. Beate Josten stützt sich in ihrem Brecht-Abend vor allem auf die Lieder und Gedichte, die der dichtende Denker und denkende Dichter den Frauen gewidmet hat. Jenen Wesen, die er geküsst hat und die manchmal so schnell aus dem Gedächtnis verschwanden wie die weiße Wolke am Himmel. Huren, Heilige, Mütter und Geliebte - der Augsburger Frauenverschlinger und Freundinnenausbeuter hat mehr als genug Material über sein Verhältnis zum anderen Geschlecht hinterlassen, um damit im Programm von Beate Josten einenbreiten Raum einnehmen zu können - und das ist durchaus gut so. Beate Josten lässt die Worte klingen, die Brecht über die Weiblichkeit schrieb, es bleibt viel Raum zwischen den Bildern. Kongenial unterstützt wird sie mit ihrem Mezzo-Sopran dabei von Christina Worthmann am Klavier, die sparsam-musikalisch untermalt und den Text atmen lässt - ein paar Tupfer müssen meist ausreichen; Töne wie Regentropfen.

veröffentlicht am 18.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Westermann

Es ist kein Brecht-Abend für Kenner, an dem seltene Trouvaillen aus den Tiefen der Schatzkiste des Dichters geborgen werden, sondern ein Abend für Freunde und Fans, die sich freuen, wieder einmal zu hören, was einst in der Jugend die Liebe und Leidenschaft, die Fantasie und Freude befeuert hat. Etwa die zutiefst verstörende Ballade von Jakob Apfelböck, der Vater und Mutter erschlug; die Erkenntnis, dass nur derjenige angenehm lebt, der im Wohlstand lebt; der Hinweis, dass die Gefahren des Alkohols im Vergleich zur Muttermilch viel zu hoch eingeschätzt werden - Brecht habe dem Volk gerne aufs Maul geschaut, erklärt Josten, nicht ohne Grund sind manche Lieder und Gedichte bis heute populäre Gassenhauer geblieben. Brecht gleicht in seinem Selbstverständnis gerne einem Spiegel, der reflektiert, was ohne ihn unsichtbar geblieben wäre, der ausspricht, was ohne ihn ungesagt, stumm und damit abwesend geblieben wäre. Fast 90 Minuten dauert der unterhaltsame Abend mit dem von Thomas Mann einst als "talentiertes Scheusal" eingestuften Brecht, ehe es zum Büfett ins Restaurant-Café Sonnengarten geht. Den fast 50 Zuhörern bleibt neben einem sehr unterhaltsamen Abend eine Erkenntnis: Das Scheusal war nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein großer Moralist. Was Brecht auch wusste; und es hat ihm gefallen.



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