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Der heiße Sommer und die Folgen

Hungerkünstler und Gestresste

WESERBERGLAND. Dass aus der Trockenheit schon eine Dürre geworden ist, lässt sich kaum bestreiten. Zwar vermag der Begriff grundsätzlich katastrophalere Wetterextreme zu bezeichnen, wie sie vielfach in Afrikas vorherrschen, aber selten hat ein Sommer die Menschen im Weserbergland und Norddeutschland so herausgefordert.

veröffentlicht am 27.07.2018 um 00:00 Uhr

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Autor:

Jens F. Meyer
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Traumwetter? Nicht für Gartenbesitzer. Die haben nämlich Stress, weil viele Pflanzen leiden.

Stress-Symptome zeigen nicht unbedingt Stauden, sondern vor allem Gehölze. Hier betrifft es mittlerweile solche, die seit Jahren schon an Ort und Stelle stehen. Ob Blut-Johannisbeere (Ribes sanguineum), Rotdorn (Crataegus laevigata) oder Birnbaum: Vielen geht es jetzt an die Substanz; sie lassen Blätter welken, bisweilen auch ganze Verzweigungen und Äste, um zu überleben. „Eigentlich hilft nur gießen, aber woher nehmen, weil doch die Regentonnen und Reservoirs nicht mehr viel hergeben“, sagt Dirk Marx, verantwortlich für den Baumschulbereich im Gartencenter Neumann auf dem Hefehof. Trockenschäden zeigten sich auch an Scheinzypressen und bei Lebensbäumen (Thuja). „Während im Vergleich die Rosen sich absolut wohlfühlen, weil sie mit ihren weit in den Boden reichenden Pfahlwurzeln kein Feuchtigkeitsproblem haben, wurzeln Zypressen und Thuja nicht tief und kommen oft nicht mehr an genügend Wasser heran“, erklärt Marx. Wobei auch der Standort eine Rolle spiele. „Wo sie auf relativ lehmigem Boden stehen, hält sich die Feuchte länger. Da sehen sie dann noch gut aus. Aber es wäre jetzt grundsätzlich wichtig, die Gehölze mit Wasser zu versorgen – dann eben aus der Leitung.“

Bernd Krohne, Chef der Baumschule Krohne am Reimerdeskamp in Hameln, kann diesem Sommer nicht mehr viel Gutes abgewinnen. „Es ist viel zu trocken. Jetzt Gehölze zu pflanzen, macht keinen Sinn. Der Wasserverbrauch in unserer Baumschule ist enorm. Geht das so weiter, ist das Reservoir bald aufgebraucht.“ Er ist aber nicht der Meinung, mit Blick auf die Zukunft vor allem trockenheitsresistente Bäume und Sträucher zu pflanzen. Erstens würde dies die Auswahl sehr einengen. „Und zweitens sind die Wetterextreme nicht berechenbar. Der nächste Sommer kann ja schon wieder verregnet sein.“

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Dicke Blätter, wenig Verdunstung: Die Fetthenne speichert Wasser in ihrem sukkulenten Laub. Hitzestress kennt sie nicht.
  • Dicke Blätter, wenig Verdunstung: Die Fetthenne speichert Wasser in ihrem sukkulenten Laub. Hitzestress kennt sie nicht.
Auch unterschiedliche Arten und Sorten der Wolfsmilch trotzen der anhaltenden Trockenheit und verlieren nicht an Schönheit. Fotos: ey
  • Auch unterschiedliche Arten und Sorten der Wolfsmilch trotzen der anhaltenden Trockenheit und verlieren nicht an Schönheit. Fotos: ey

Annette Rathing-Ostermeier, Landschaftsarchitektin und Staudengärtnerin bei Stauden-Junge in Wehrbergen, sieht die Herausforderung für Gartenbesitzer, sich auf trockenere, heiße Sommer einzustellen, durchaus in der Auswahl der Pflanzen. Zumindest im Staudenbereich könne man mit cleveren Kompositionen Boden gutmachen. „Grundsätzlich gilt, dass graulaubige und dicklaubige Pflanzen anhaltende Trockenheit am besten ausgleichen können.“

Zudem litten Stauden, deren Blätter behaart sind, am wenigsten unter Hitze. Zu diesen „Hungerkünstlern und Sonnenanbetern“, wie sie von der erfahrenen Staudengärtnerin bezeichnet werden, gehören zum Beispiel der Silberblatt-Salbei (Salvia argentea), alle Arten und Sorten der Fetthenne (sowohl kleinwüchsig als auch die Hohe Fetthenne) oder auch Wolfsmilchgewächse – gerade letztgenannte sind ein formidables Beispiel kreativen Pflanzeneinsatzes bei Hitze und schlechten Bedingungen. „Euphorbia polychroma ist in Hameln auf Verkehrsinseln gepflanzt worden und sieht dort super aus“, sagt Annette Rathing-Ostermeier. Hitze, Abgase, Schmutz setzen dieser auch Bunt-Wolfsmilch genannten Art offenbar wenig zu.

Fetthennen und Wolfsmilch sind markante Schönheiten; ihre Arten- und Sortenvielfalt zeichnet sie ebenso als hervorragende Staudenpflanzen aus als auch die Tatsache, dass sie – sozusagen als teilsukkulente Pflanzen – in ihren fleischigen Blättern Wasser über lange Zeit speichern können und mit relativ wenig Feuchtigkeit sich zufriedengeben. Das geht so weit, dass sie sogar in einem Steingarten mit sehr durchlässigem Substrat hervorragend wachsen. Ist ein Steingarten also nicht ohnehin eine gute Alternative, um Hitzesommern wie dem 2018er gärtnerisch intelligent zu begegnen? Abraten will Annette Rathing-Ostermeier davon nicht, aber: „Ein vermeintlicher Steingarten nützt nichts. Ein Steingarten ist dann ein richtiger Steingarten, wenn das Erdreich dafür genügend ausgekoffert wird, durch Kies, Sand, Steine und Findlinge ersetzt wird. Das wird oft aber nicht getan.“ Die Folge: Staunässe unter einer Schicht Kies-Sand-Stein-Gemisch.



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