weather-image
22°

Wie „Bruce“ den Jazz im Rock platziert

Hornsbys hohe Kunst ist wie das Spiel der Gezeiten

Kurz vor Weihnachten war’s passiert: Ein Lied über die Rassenfrage erklomm den Gipfel der Billboard-Charts am 13. Dezember. Bruce Hornsby und seine Band The Range hatten 1986 mit „The Way It Is“ eine Thematik in den Fokus gerückt, die Millionen von Amerikanern gerne ignoriert hatten, bewusst und unbewusst.

veröffentlicht am 11.08.2011 um 18:02 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Alte Kassette ist Gold wert: Live-Mitschnitt aus 1993
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Kurz vor Weihnachten war’s passiert: Ein Lied über die Rassenfrage erklomm den Gipfel der Billboard-Charts am 13. Dezember. Bruce Hornsby und seine Band The Range hatten 1986 mit „The Way It Is“ eine Thematik in den Fokus gerückt, die Millionen von Amerikanern gerne ignoriert hatten, bewusst und unbewusst. Der Song, geschrieben von Bruce und seinem Bruder John, änderte nicht Amerika und noch weniger die ganze Welt, aber er ebnete den Blick auf neue Horizonte und schuf ein stärkeres Bewusstsein. Das ist mehr, als man von einem Lied erwarten darf.

Acht lange Jahre mussten vergehen, bis der gebürtige Williamsburger diesen ersten großen Erfolg verbuchen konnte. Denn bereits 1978 hatte Bruce Hornsby mit seinem Kumpel, dem Schlagzeuger John Molo, und Bruder John die Bruce Hornsby Band gegründet. In den Südstaaten gab es bis 1985 quasi keinen Club, keine Bar, keine noch so trostlose Kaschemme, in der die Jungs nicht auftraten. Und obwohl Hornsby schon früh einen Abschluss als studierter Pianist an der renommierten Berklee School Of Music erworben hatte und als Toptalent galt, das zwischen Rock, Jazz und Klassik eine Nische zu füllen vermochte (Rockstar Huey Lewis war schwer angetan von ihm), so gelang es dem netten Kerl und seinen Mitstreitern doch lange Zeit nicht, einen Plattenvertrag zu bekommen. Die acht Jahre währende Dauertournee durch die Südstaaten – zwischendrin ein Tour-Engagement in der Band von Sheena Easton – war steinig. Wie demotivierend muss es für Bruce Hornsby und den doppelten John gewesen sein, wie bitter muss die Erkenntnis geheißen haben, mit all ihrem Können und gutem Songmaterial nicht im Big Business mitmischen zu dürfen?

Doch 1986 hatte sich der Wind gedreht und blähte endlich Hornsbys Segel: Mt RCA Records angelte sich die Band einen dicken Fisch – und andersherum. „The Way It Is“ – Single und Album – schossen weltweit in die Hitparaden. Fans, die gekommen waren, um Huey Lewis & The News auf dessen 1986er Tournee nichts weniger als die Ehre zu erweisen, das Herz des Rock’n’Roll gemeinsam schlagen zu lassen, wunderten sich nicht schlecht, mit Bruce Hornsby einen Jazzrocker als Anheizer im Vorprogramm zu finden. Sein Lohn: Jubel in ausverkauften Hallen. Der Aufstieg war perfekt.

3 Bilder

Früher war es die Range, heute sind es die Noisemakers. Die beste CD entstand allerdings ohne die einen noch die anderen, ganz einfach nur pur Bruce. „Harbor Lights“ erschien 1993, und ich erinnere mich gut daran, wie ich die CD-Hülle aus der verschweißten Plastikverpackung befreite, sie öffnete, die Scheibe vorsichtig herausnahm und sie in den Spieler legte. Play. Die ersten 56 solopianistischen Introsekunden des Titeltracks öffneten das Tor zum Hafen und zum Meer. Ich schnüffelte den Dieselgeruch, ich hörte den Strandhafer im Wind rascheln, sah die Lichter der Schiffe, spürte Ebbe und Flut.

Hornsbys 1993er Gesamtkunstwerk hat nichts von seiner Wirkung verloren und kehrt wie die Gezeiten fortwährend zurück. „Harbor Lights“ lebt von den unterschiedlichsten Einflüssen und Musikern. Pat Metheny spielt Gitarre, Branford Marsalis bläst das Saxophon, Phil Collins schlägt die Congas, Chaka Khan singt im Background, und alles fängt sich im geschmeidigen Klavierspiel von Bruce Hornsby wie Fische im Netz. Ein Meisterwerk der populären Musik. „Das Album wurde 1992 zwischen einigen Grateful Dead-Shows und Range-Gigs in meinem Haus aufgenommen, und es ist das erste, das ich selbst produziert habe“, sagte Hornsby nach der Veröffentlichung. Sein Haus muss wie ein Bienenstock gewesen sein, ein ständiges Kommen und Gehen, ein dauerndes virtuoses Spiel mit Harmonien und Akkorden. Nach drei Alben der Range („The Way It Is“, „Scenes From The Southside“ und „A Night On The Town“), die allesamt gut waren, aber auf denen sich Hornsby von seinen geliebten Jazzelementen fast gänzlich verabschiedet hatte, fand er auf „Harbor Lights“ zurück zu den verspielten Zwischentönen, ließ sich über Partner wie Grateful Dead-Bandleader Jerry Garcia (Gitarre) und Jazz-Bassist Jimmy Haslip in einen stilvollen Strudel gleiten und überschritt Grenzen zwischen Folk-Rock („Pastures Of Plenty“), Pop („The Tide Will Rise“) und lässigem Jazz („Long Tall Cool One“) leichthändig.

Diese „Spider Fingers“, die langen „Spinnenfinger“, sollten nur zwei Jahre später mit der fünften CD „Hot House“ mit Garcia, Metheny und anderen Künstlern zum nächsten superben Schlag ausholen. Fordernder, nicht mehr ganz so verspielt, aber gleichfalls ’ne richtig schöne Mischung.

Man kann gerne und ausdauernd überhaupt nicht darüber streiten, dass Hornsbys Werke im neuen Jahrtausend das Überraschungsmoment von Mitte der neunziger Jahre vermissen lassen. Man könnte darüber sinnieren, warum nach dem sechsten Album „Spirit Trail“ der Spirit abhanden gekommen zu sein schien. Und trotzdem kullerten mir am Heiligen Abend 2007 Tränen der Rührung übers Gesicht, als ich mein Weihnachtsgeschenk aus schlicht weißem Papier friemelte, die CD von Hornsby und Ricky Skaggs ins Laufwerk legte und „Mandolin Rain“ als Bluegrass-Version hörte. „Listen to the mandolin rain. Listen to the music on the lake. Listen to my heart break, every time she runs away.“ Ein wunderschönes Lied, und endlich ein „Mandolin Rain“, in dem auch eine Mandoline zu hören war. Gespielt von Ricky Skaggs. Meine Tränen waren der Beweis dafür, dass der damals 53-Jährige nach verkorkstem „Big Swing Face“ (2002) und dem durchschnittlichen „Halcyon Days“ (2004) seinen Genius wiedergefunden hatte, jene magische Ader, die nicht muss, sondern kann, die nicht bremst, sondern fließen lässt, die sich erlaubt, in wildes Wasser zu geraten, ohne die Fahrrinne zu verlieren. Das ließ dann auch Traditionals zu, mit Fiddle und folkiger Seele. Fast schien es, als dass Skaggs, Maestro der Bluesgrass- und Westernmusik, seinem musikalischen Freund im Studio in Hendersonville (Tennessee) den Mut zurückgegeben hatte, etwas Neues auszuprobieren. Ganz nebenbei floss auch Hornsbys Steckenpferd, über Wasser und Meer einen klangvollen Bogen zu spannen, in diese Arbeit mit ein. „Gulf Of Mexico Fishing Boat Blues“ kommt und geht wie die Tiden.

Meine Tränen sind nicht getrocknet, das ist ausnahmsweise schön. Immer wieder nimmt mich das Sechs-Minuten-Stück des Mandolinenregens auf seine melancholische Reise mit. Mehr Gefühl in einen Song reinzupacken, das ist schwer möglich. Wie es der gute „Bruuuuuce“ (so rufen die Fans bei Konzerten immer, und ich dachte echt einmal, die rufen alle „buh“) schafft, selber nicht loszuflennen, ist mir ein Rätsel. Aber emotionale Auswüchse liegen seinem Wesen ohnehin fern; die Leidenschaft verpackt er lieber live in Songs, nicht in Gesten. Mehr als ein Piano oder eine Quetschkommode benötigt der zweifache Familienvater dazu nicht, jedoch sorgen die Noisemakers nach den stillen Momenten am Pianoforte ihres Chefs punktgenau für eine künstlerische Kehrtwende vom fast schon klassischen Genre in den Jazzrock zurück. Die fließenden Übergänge sind verzaubernd, etwa dann, wenn der „Mandolin Rain“ in den „Black Muddy River“ von Grateful Dead tropft (wie passend!), der schließlich im Regenfluss wieder sein Delta findet. Die „White Wheeled Limousine“ fährt geradewegs in Johnny Cashs „Long Black Veil“, und Gershwins „I Love You Porgy“ lässt der Jazzrocker von Samuel Barbers „Nocturne“ erobern. Und wenn Hornsby zusammen mit der Nitty Gritty Dirt Band – hey, was für eine fabelhafte Truppe – seinen Hit „The Vallay Road“ dem hier sonst nackten Poprock eine Bluegrassjacke überstülpt, wird’s wild und fröhlich.

Ich habe noch eine alte Kassette herumliegen, eine Maxell XL II 90, verstaubt mit verknittertem Band, fast schon Salat. Der Livemitschnitt eines Konzertes im Studio 10 des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg führt über Hornsbys einfühlsames „End Of The Innocence“, das er für Eagles-Sänger Don Henley schrieb, über ein mitreißendes „Look Out Any Window“ mit Backgroundsirene Laura Creamer bis zum Hafen, wo die Luft dick und die Freiheit unendlich ist. Dieses alte Band ist der Grund dafür, weshalb ich mein platzfressendes Onkyo-Tapedeck noch nicht ausrangiert habe. Für einen Mann 40plus ist das ein Schatz, da kann die Generation 30minus unken, wie sie will. Die meisten aus der jungen Garde denken ohnehin, Hornsby sei ein neues Deo oder was zum Essen. Sie werden Hornsbys Spiel mit schwarz und weiß nie als die sanfte Schneeflocke und den prasselnden Sommerregen erfahren, sie werden seine Musik nie als tosende Gezeiten begreifen. Welch ein Verlust.

Close your eyes and slip away

To the dream of your fancy.

Close your eyes and float downstream

To where the marsh grass dances.

Take you down where the air is thick

Try to make you shake and shiver.

Make you see there will be no tricks.

There will be no tricks tonight,

There will be some tricks tonight.

We could go down to the harbor lights

Lay out on the sand on the shore.

Let me take you down to the docks at night

Whatever you do I’ll do more.

Der Musiker in seinem Element: Bruce Hornsbys gefühlvolles Klavierspiel sprengt musikalische Grenzen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?