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Hoffnung – der Treibstoff der Lehrer

Nach den langen Sommerferien herrscht, wie jedes Jahr, Aufbruchstimmung unter den Lehrern. Kaum einer, der sich nicht auf die vor ihm liegende Zeit freut, und kaum einer, der nicht voller Tatendrang der ersten Unterrichtsstunde entgegenfiebert. Nur einige wenige, die bereits mehrere Jahrzehnte im Schuldienst tätig sind, wagen einen Blick voraus und hoffen, dass die Energie bis zum ersten großen Etappenziel, den Weihnachtsferien, ausreicht. Kraft dafür tankten rund 60 Frauen und Männer bei dem alljährlichen Pädagogengottesdienst im Hameln Münster, dessen Motto „Lehrer brauchen Hoffnung“ lautete.

veröffentlicht am 08.08.2010 um 18:54 Uhr

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„Wir wollten in diesem Jahr eine nicht ausschließlich religiöse Botschaft vermitteln“, erklärt Vera Birtner, die Leiterin der religionspädagogischen Arbeitsgemeinschaft der Region. Gemeinsam mit dem Superintendenten des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Philipp Meyer wurde der Gottesdienst vorbereitet. Und die Botschaft kommt an. Vielmehr noch: Sie spricht den meisten Lehrern aus dem Herzen. „Hoffnung ist für mich der Treibstoff“, meint Michael Frey, der an der Elisabeth-Selbert-Schule (ESS) Religion unterrichtet. Seit 2007 ist er im Schuldienst und hat festgestellt, dass die Motivation in seinem Kollegium deutlich besser ist, als es oftmals in der Gesellschaft scheine. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Lehrer in einer Schülerzeitung als „faule Säcke“ bezeichnet, das umstrittene und trotzdem viel verkaufte „Lehrerhasserbuch“ sind nur einige Beispiele dafür, welchen Ruf Lehrer in der Gesellschaft haben. „Das persönliche Engagement meiner Kollegen ist enorm hoch.“ Freys Ehefrau Ellen, ebenfalls Lehrerin an der Selbert-Schule, betont, dass einerseits natürlich ein hohes Maß an persönlichem Engagement gefordert sei, andererseits aber auch die Schulleitung maßgeblich Sorge dafür trage, dass das gemeinsame Wirken, das Miteinander in den Vordergrund gestellt wird. „Und beides ist an unserer Schule reichlich vorhanden.“

Es sind bisweilen ganz individuelle Hoffnungen, die die Pädagogen in sich tragen; gleichwohl gibt es aber auch Gemeinsamkeiten. „Ich hoffe, dass die Schüler es packen“, ist ein Satz, der bei den meisten Lehrern als Erstes fällt. Damit das gelingt, müsse man einerseits die Möglichkeiten eines jeden Schülers kennen und andererseits gezielt in diese Möglichkeiten investieren, heißt es von mehreren Pädagogen. Der Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinden Hamelns, Hans-Georg Spangenberger formuliert deswegen seine Hoffnung so: „Ich hoffe, dass ich in den Menschen die Möglichkeiten zu entdecken vermag, die Gott in ihnen gelegt hat.“ Das sei nicht zuletzt wegen einiger Widerstände, aber nicht immer ganz einfach, wie hie und da zu hören ist. Dennoch will Michael Frey von der sogenannten „Schmerzgrenze“, die irgendwann erreicht sei, nichts wissen. Er meint: „Es geht immer was. Jeder Schüler will beweisen, dass er gut ist.“ Eine geradlinige Gerechtigkeit sei gefordert, eine, die sich aber nicht nur in Noten und Zeugnissen spiegelt, sondern auch darin, dass man den Schüler ernst nehme. „Jeder Schüler ist ein eigenständiges Gesellschaftsmodul“, erklärt Frey und ist davon überzeugt, dass es auch darum gehe, bei Bedarf die Lebensmodelle von Schülern zu editieren.

Freys Sprache ist klar und modern. Er verwendet Begriffe, die in der immer stärker von Computern geprägten Welt auch von Schülern zu verstehen sind. Aber es gibt auch die Kollegen, die 20, 30 oder gar 40 Jahre im Schuldienst sind, die sich erst mit dem Computer und dann mit der rasanten Entwicklung der Programme anfreunden mussten. Birtner: „Manchmal kommt da ein Gefühl auf, dass ich es selbst nicht mehr in den Händen habe.“ Zudem stellt die Grundschullehrerin fest, dass die Verwaltungsaufgaben für Lehrer deutlich zugenommen hätten. Die Schulpastorin der Handelslehranstalt und Eugen-Reintjes-Schule Wibke Lonkwitz sagt: „Sowohl die Landesschulbehörde als auch das Kultusministerium sorgen für viele Neuerungen im Schulbereich, wie zum Beispiel neue Abschlüsse und das Abitur nach zwölf Jahren.“ Deswegen ist sie überzeugt, dass Lehrer vor allem Ruhe brauchten, um effektiv arbeiten zu können.

Superintendent Meyer nennt die Pädagogen in seiner Predigt während des Lehrergottesdienstes „Botschafter der Hoffnung“. Kein anderer Beruf sei so eng mit der Hoffnung verknüpft wie der des Lehrers. „Wer für sein Fach brennt und für seine Schüler, der hat Hoffnung und der strahlt auch Hoffnung aus“, so der Theologe weiter. Und die Lehrer sind begeistert, wie zum Beispiel Margret Boegehold, die aus vollster Überzeugung feststellt: „Ich bin begeistert von der deutschen Sprache und ich freue mich auf die jungen Menschen.“ Viele Lehrer haben das sprichwörtliche Feuer in sich, wenn sie von ihrem Beruf, von ihren Zielen sprechen. Leider hat Feuer aber auch die unangenehme Eigenschaft, etwas zu verbrennen. Studien zufolge besteht bei jedem dritten Lehrer Burn-out Gefahr. Insgesamt wird festgestellt, dass die Lehrerschaft in Deutschland überaltert sei, denn rund 60 Prozent der Pädagogen an weiterführenden Schulen sind älter als 50 Jahre. Für Grundschullehrerin Christel Wolten ist das Ziehen aller an einem Strang ein wichtiger Faktor bei der Beschulung von Kindern und Jugendlichen. „Eltern sind kritischer gegenüber der Schule und den Lehrern geworden.“ Deswegen hofft sie auch in diesem Schuljahr, dass die Schüler und Eltern genauso viel Lust auf das kommende Schuljahr haben wie sie selbst. „Bis zur dritten Klasse sind die Schüler insbesondere für den Religionsunterricht gut zu begeistern, danach wird es aber schon schwieriger“, gibt sie zu. Früher sei das Miteinander aller Beteiligten deutlich ausgeprägter gewesen.

Lehrerverbände kritisieren, dass die Pädagogen oftmals nur über ihre Klagen wahrgenommen würden. Der Schulleiter des Schillergymnasiums Andreas Jungnitz meint: „Es gibt in der Schullandschaft ein vielfältiges Aufgabenspektrum. Für mich ist das Wichtigste, dass es sich lohnt, sich für junge Menschen einzusetzen.“ Die Bildung sei ein nur schwer zu bewertendes Produkt pädagogischer Arbeit, meinen einige heimische Lehrer. Jungnitz: „Lehrer müssen häufiger mit Niederlagen umgehen.“ Wichtig sei es, so der Schulleiter, auch diese Niederlagen auszuhalten. Gabriela Hexel-Hille, Schulleiterin der Papenschule hofft indes, dass das Bewusstsein dafür wächst, dass Kinder das höchste Gut einer Gesellschaft sind. „Es gibt mittlerweile sehr viele Erkenntnisse im Bildungsbereich, und ich hoffe, dass Anstrengungen unternommen werden, diese Erkenntnisse umzusetzen.“ Es müsse viel mehr in die Bildung investiert werden.

Wer Hamelns Lehrern zuhört, stellt fest, dass es eine Begeisterung für ihren Beruf ist, die sie in sich tragen, und dennoch ist ihr Blick nicht verklärt, denn einige wissen aus eigener Erfahrung, dass es auch schwierige Zeiten geben kann. „Ja, als damals die Klassen immer größer wurden und der Unterricht nur noch hektisch wurde, da habe ich auch ans Aufhören gedacht“, erinnert sich Birtner. Und auch in Margret Boegeholds langjähriger Lehrerpraxis gab es einmal eine Klasse, die sie sprichwörtlich geschafft habe: „Es war kein Zusammenhalt in dieser Klasse, keine Motivation, kein Miteinander. Ja, ich war froh, dass ich diese Klasse nicht mehr unterrichten musste.“

Die ehemalige Lehrerin und Mitglied der religionspädagogischen Arbeitsgemeinschaft Brigitte Ochs bringt es auf den Punkt: „Ohne Hoffnung kann man kein Pädagoge sein, wir arbeiten für die Zukunft.“

Für Tausende Schüler hat das Schuljahr begonnen. Sie lernen wieder, streben nach guten Noten und guten Abschlüssen und hoffen, dass sie ihre ganz individuellen Ziele erreichen werden. Aber nicht nur für sie sind die nächsten Wochen und Monate vom Schulalltag bestimmt – denn vor der Klasse stehen die Lehrer. 1053 sind es im Landkreis. Eines vereint sie: die Hoffnung.



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