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Gildetreffen: Nachtwächter, Türmer und Figuren durchwandern mit 80 Bürgern die Altstadt

"Hört endlich auf mit Jammern und Klagen"

Stadthagen (sk). Schweres Tuch um die Schultern, Signalhörner darüber, Sonnenstrahlen blinken in Hellebarden, und es riecht nach Petroleum. Die Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren, gegründet 2004 in Bad Münder, hatte zu einem Rundgang durch das abendliche Stadthagen eingeladen.

veröffentlicht am 04.04.2006 um 00:00 Uhr

Nachtwächter, Figuren und "zivile Mitläufer" eilen durch das Sch

"Warum kumme die denn alle so spät, dunnerkeil noch mal." In hessischer Mundart ereifert sich am Treffpunkt ein hochgewachsener Nachtwächter mit braunem Schlapphut. Der Gildemeister aus Hochheim am Main, Steuerberater im wirklichen Leben, stieß mit Kollegen kräftig ins Horn. Vom Parkplatz an der Schlosspassage eilte ein Wesenmit rotem Bart, hoher Zipfelmütze und verkrüppeltem Holzstab herbei. Das schien kein Nachtwächter zu sein. "Eher ein Moorgeist oder so", schätzte der Hochheimer Manfred Kirsch (60). Der Neuankömmling entpuppte sich als "Süntelgeist" aus Bad Münder. Besonders passend vor dem Schlosstor nahmensich drei "Soldaten" aus dem Schaumburger Infanterieregiment des Grafen Wilhelm aus. Die Männer sind aktiv in der Weckbatterie Wölpinghausen e.V., die sich 2005 gegründet hat und 20 Aktive zählt. Alle Figuren, "entsprungen" aus der Historie ihrer jeweiligen Stadt, alle Wächter und Türmer scharte Marianne Reinking-Plaggemeier um sich. Die Stadthäger Nachtwächterin hatte das jährliche Gildetreffen organisiert und leitete die Stadtführung. Von der Vielzahl der Gäste in ihren authentischen Gewändern und der großen Zahl "ziviler" Interessenten war Werner Vehling begeistert. "Ich bin angenehm überrascht", begrüßte der stellvertretende Landrat im Schlosshof die Gäste aus Hamburg und Delmenhorst, Brandenburg, Bamberg und vielen anderen Regionen. Der Rattenfänger aus Hameln fehle leider, registrierte Reinking-Plaggemeier. Punkt 19 Uhr stimmten die Nachtwächter ihr Lied an: "Hört, ihr Leut' und lasst euch sagen..." Die Abendsonne tauchte die Renaissance-Fassade des Schlosses noch für Minuten in warmes Licht. Dann wirkten die Wände kühl, die Gestalten davor unheimlich, und die Laternen kamen zur Geltung. Beim Gang durch die Altstadt stellten sich die auswärtigen Figuren vor, warben phantasievoll und liebenswürdig für ihre Städte. Eine andere Mission verfolgte der "Süntelgeist" (Elvira Wittich). Einst habe er bei den Trollen im hohen Norden gelebt, sei dann mit der Eiszeit in den Süntel gelangt. Den heutigen Generationen hielt er vor, dass es ihnen doch gut gehe und sie die Zukunft anpacken sollten: "Hört endlich auf mit Jammern und Klagen."

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