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Zum 100. Todestag von Julius Rodenberg

Hoch gelobt und totgeschwiegen

Er gehört zu den Persönlichkeiten, die in ihrer Heimat lange Zeit nicht die Wertschätzung erfahren haben, die ihnen aufgrund ihrer Lebensleistung zusteht. Dabei zählte und zählt Julius Levy, der sich später „Julius Rodenberg“ nannte, ganz sicher zu den wichtigsten deutschen Kulturschaffenden des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

veröffentlicht am 01.11.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Als der reichsweit bekannte Literat und Publizist vor hundert Jahren im Alter von 83 Jahren starb, war in den hiesigen Zeitungen vor allem von dessen unbeschwerter Kindheit in seinem Geburtsort Rodenberg, seiner lebenslangen Verbundenheit zum Schaumburger Land und von der löblichen deutschnationalen Gesinnung seiner Eltern die Rede. Groß herausgestellt wurden auch das fröhliche Pennäler-Dasein des Verstorbenen in Rinteln und die enge Freundschaft mit seinen später ebenfalls berühmt gewordenen Mitschülern Franz von Dingelstedt und Friedrich Oetker.

Wenig bis gar nichts bekamen die Leser in den Rückblicken 1914 über die liberalen und demokratischen Überzeugungen des prominenten Verstorbenen und dessen flammende Begeisterung für die revolutionäre 1848er Freiheits- und Einheitsbewegung zu lesen, die der junge Levy während seiner Schulzeit in Rinteln hautnah miterlebt und mitgefeiert hatte. Und eher beiläufig fiel in den Nachrufen auch die Beschreibung der kulturhistorischen Leistung und Bedeutung des Ex-Rodenbergers aus.

Levy Juniors Leidenschaft für Literatur hatte sich schon früh bemerkbar gemacht. Mit siebzehn brachte er sein erstes Werk heraus. Die Geschichte mit dem Titel „Der Geldprotz“ wurde im „Schaumburger Volksblatt“ abgedruckt. Während seines nach dem Abitur am Ernestinum begonnenen Jura-Studiums fand er Kontakt zu Schriftstellerkreisen. Auf Empfehlung seiner Freunde und mit Einverständnis des Landesherrn, Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel, entschloss sich der frischgebackene Dr. jur. zu einer Namensänderung. Zum zunächst geplanten Übertritt zum Christentum kam es jedoch nicht.

3 Bilder
Julius Rodenberg, Skizze des deutschen Malers und Zeichners Christian Wilhelm Allers (1857-1915) aus dem Jahre 1889.

Nach ausgedehnten Reisen nach Wales, Irland, Paris und London, wo er unter anderem Ferdinand Freiligrath kennenlernte, ließ sich der inzwischen 28-Jährige 1859 in Berlin nieder. Anfangs verdiente er seinen Lebensunterhalt als freier Journalist. Der ganz große Durchbruch aber gelang Rodenberg als Zeitschriften-Verleger. Die ersten Erfahrungen sammelte er mit dem von 1861 bis 1863 erscheinenden Unterhaltungsblatt „Deutsches Magazin“. Danach kümmerte er sich zwei Jahre lang um die literarische Beilage der illustrierten Modezeitung „Der Bazar“, und 1867 hob er zusammen mit dem Journalisten Ernst Dohm die Zeitschrift „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ aus der Taufe. Sein größter Erfolg aber wurde die 1874 auf den Markt gebrachte „Deutsche Rundschau“. Das monatlich erscheinende Blatt entwickelte sich schon bald zur angesehensten und anspruchsvollsten deutschen Kulturzeitschrift der Gründerzeit.

Zu den ständigen Autoren gehörten unter anderem Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer, Isolde Kurz, Theodor Storm, Gottfried Keller, Marie von Ebner-Eschenbach, Ricarda Huch, Emmanuel Geibel, Paul Heyse, Berthold Auerbach und Felix Dahn. Für etliche Nachwuchsschreiber wurde die Zeitschrift zum Sprungbrett für eine große Karriere. So druckte Rodenberg in seiner Rundschau erstmals die späteren Fontane-Bestseller „Effi Briest“ und „Frau Jenny Treibel“ ab. Und der gebürtige Schaumburger war es auch, der nach eigenem Bekunden dem altersmüden Gottfried Keller „mahnend, bittend, ja drängend und beschwörend, auch wieder schmeichelnd und Lob preisend stets aufs Neue das Wort aus der Feder zu locken verstand“.

Neben Romanciers und Lyrikern kamen in der „Rundschau“ auch Wissenschaftler zu Wort. Führende Vertreter ihres Fachs wie der Hygieniker Max von Pettenkofer, der Historiker und Nobelpreisträger Theodor Mommsen oder der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke fanden hier die geeignete Plattform, um die Entwicklung auf dem Gebiet der Geistes-, Natur- und Militärwissenschaften und/oder die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in einer für gebildete Laien verständlichen Form zu erläutern. Zu den regelmäßigen Lesern der Rundschau soll auch Kaiser Wilhelm II. gehört haben.

Neben seiner publizistischen Arbeit in Berlin war Rodenberg auch in einer Reihe anderer Kultur-Initiativen engagiert. Ab Ende der 1870er Jahre machte er sich für das Goethe-NationalmuseumWeimar und für die Deutsche Schiller-Stiftung stark. 1885 gehörte er zum Gründerkreis der Goethe-Gesellschaft.

Zwischendurch fand der umtriebige Literat auch noch Zeit für das eigene Schaffen. Zu den Hinterlassenschaften des Ex-Schaumburgers zählen mehr als 30, zum Teil dickleibige Schriften. Als sein wichtigstes Werk gilt der dreibändige, 1878 veröffentlichte Gesellschaftsroman „Die Grandidiers“. Daneben finden sich Titel wie „Die neue Sündfluth“, „Bilder aus dem Berliner Leben“, „Studienreisen in England“ und/oder „Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart“. Aus heimischer Sicht besonders interessant sind seine 1899 erschienenen „Erinnerungen aus der Jugendzeit“.

Zu seinen Lebzeiten fand das Wirken und Schaffen des Kulturmanagers große Anerkennung. 1899 wurde ihm vom preußischen König der Professorentitel verliehen. 1906 brachte man an seinem Rodenberger Geburtshaus eine Gedenktafel an, 1911 ernannte ihn seine Heimatstadt zum Ehrenbürger, und 1911 bedachte ihn die Universität Marburg mit der Ehrendoktorwürde. Später gerieten Person und Leistung des einstigen Literaturpapstes mehr und mehr in Vergessenheit. Nach Einschätzung seiner Biografen hat das nicht zuletzt mit seiner jüdischen Herkunft zu tun. Den ersten Bruch habe es durch den unmittelbar nach Rodenbergs Tod ausbrechenden Ersten Weltkrieg gegeben. Und während der NS-Ära und in den ersten Jahrzehnten danach sei Rodenberg gezielt totgeschwiegen worden.

Spätestens seit Anfang der 1980er Jahre lebt die Erinnerung an den großen Sohn der hiesigen Region – ausgelöst und befördert durch dessen 150. Geburtstag – wieder auf. Einige seiner Bücher wurden neu aufgelegt, und der Heimatbund der Grafschaft Schaumburg gab eine umfangreiche, unter dem Titel „Julius Rodenberg – Eine Skizze zu seinem 150. Geburtstag“ in Heft 11 der Reihe „Schaumburger Heimat“ abgedruckte biografische Abhandlung heraus.

Zum 100. Todestag hat der Verein „Museumslandschaft Amt Rodenberg“ eine sehenswerte Ausstellung vorbereitet. Sie ist während der Öffnungszeiten (Samstag und Sonntag 15 bis 17 Uhr) im örtlichen Museum zu sehen. Nach Absprache, auch telefonisch unter (05723) 6192, sind Gruppenführungen möglich.

Hier (Bild links) wurde Julius Rodenberg 1831 geboren (historische Postkarte mit der Hauptstraße von Rodenberg). Der Verein „Museumslandschaft Amt Rodenberg“ zeigt derzeit zu Ehren des großen Sohnes der Stadt eine sehenswerte Ausstellung.



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