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Rauswurf und Demütigung des Bückeburger Bürgermeisters Karl Wiehe vor 75 Jahren

„Hitler wie einen Sturmgott gesandt“

Es ist das höchste Ziel meines Lebens gewesen, mich treu zu erweisen“, blickte Bückeburgs Ex-Bürgermeister Karl Wiehe kurz vor seinem Tode im August 1947 auf Inhalt und Zweck seines irdischen Handelns zurück, „treu zu dem, was meine Überzeugung mich lehrte“. Genau diese Einstellung war es, die ihm zum Verhängnis wurde. Am 1. April 1936, also vor nunmehr 75 Jahren, wurde der damals 53-Jährige von den NS-Machthabern zwangspensioniert. Seinen Schreibtisch im Rathaus hatte der angesehene und äußerst erfolgreiche Verwaltungsjurist schon zehn Monate vorher räumen müssen. Anlass war das „skandalöse und provozierende“ Verhalten seiner Ehefrau und seiner Töchter. Sie hatten im April und Juni 1935 zweimal kurz hintereinander in „Judengeschäften“ eingekauft.

veröffentlicht am 26.11.2010 um 17:15 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

„Das schlägt dem Faß den Boden aus“, empörte sich das heimische Parteiorgan „Die Schaumburg“. Scharfmacher des Blattes war der wegen seiner Hetzartikel bekannte und gefürchtete NSDAP-Propagandist Adolf Manns. Im Fall Wiehe bohrte der Sohn eines fürstlichen Hof-Lakaien so lange nach, bis der eher besonnen-pragmatische Landrat Gebbers als unmittelbarer Dienstvorgesetzter Wiehes und der schaumburg-lippische Regierungschef Dreier dessen Rauswurf betrieben.

Eine undurchsichtig-unrühmliche Rolle spielten bei dem Vorgang auch die örtlichen Stadtverordneten. Die meisten der im Rat dominierenden NSDAP-Leute hatten von Kommunalpolitik wenig Ahnung, bei einigen haperte es darüber hinaus an Begriffs- und Urteilsvermögen. Kein Wunder, dass viele der meist ideologisch gefärbten Vorstöße von Wiehe allein schon aus rechtlichen Gründen blockiert wurden. Die Folge: Der erfahrene Verwaltungschef wurde zunehmend als Besserwisser und Störenfried betrachtet. In den offiziellen Anschuldigungsschriften ist von „Selbstherrlichkeit“ und „passivem Widerstand“ die Rede. Anders gesagt: Wiehe stand bereits seit längerem auf der Abschussliste.

In dieser Situation kam den Hitler-Anhängern die „unerhörte Provokation“ seiner Angehörigen gerade recht. Eiligst wurde eine „spontane“ Anti-Wiehe-Demonstration inszeniert. Zwei Frauen aus dem örtlichen NS-Umfeld bezeugten per Unterschrift Datum und Uhrzeit der „Judenkäufe“. Die NSDAP-Magistratsmitglieder erklärten, dass eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister unmöglich sei.

Mit Karl Wiehe musste – gut zwei Jahre nach der sogenannten „Machtergreifung“ – einer der letzten, von den heimischen NS-Machthabern noch im Amt belassenen Bürgermeister gehen. Das Gros der noch aus der Zeit der Weimarer Republik stammenden Schaumburger Gemeindevorsteher war bereits Anfang 1933 geschasst worden – die meisten wegen ihrer SPD-Zugehörigkeit. Zu denen, die weitermachen durften, gehörten neben Wiehe auch die hauptamtlichen Rathauschefs Rintelns (Dr. Karl Wachsmuth) und Stadthagens (Edgar Bergmann).

Als erster von den Dreien musste Bergmann gehen. Der seit 1925 amtierende SPD-Verwaltungsjurist hatte noch in letzter Minute versucht, seine Entlassung durch einen Übertritt zur NSDAP zu verhindern. Doch das plötzliche Wendemanöver machte die braunen Altaktivisten misstrauisch. Im Oktober 1933 wurde der prominente neue Pg. abserviert.

Erfolgreicher waren die Anpassungsbemühungen von Wachsmuth. Dem einstigen Anhänger der Deutschen Volkspartei (DVP) kam zugute, dass er sich rechtzeitig von den Nationalliberalen losgesagt hatte. Außerdem fügte sich das bereits seit 1912 in Rinteln amtierende Stadtoberhaupt 1933 so zügig und nahtlos ins „Dritte Reich“ ein, dass alle noch bestehenden Zweifel schnell verflogen. 1938 trat Wachsmuth auch formal der NSDAP bei. Er wäre sicherlich Bürgermeister geblieben, wenn nicht 1941 der Tod seiner Tätigkeit ein Ende bereitet hätte.

Für den selbstbewussten und erfolgreichen Wiehe waren Anpassung und Anbiederung kein Thema. Wie Wachsmuth war er bereits 1912 zum Bürgermeister gewählt worden und hatte drei völlig verschiedene Herrschaftssysteme (Kaiserzeit, Weimarer Republik und NS-Staat) kennengelernt. Seine von Haus aus konservativ-vaterländische Gesinnung war dadurch nie ernsthaft erschüttert worden. Im Gegenteil: Die Erfahrungen in und mit der Fürstenresidenz hatten ihn zu einem überzeugten Befürworter der Monarchie werden lassen. Folgerichtig schloss er sich nach dem Ende der Kaiserära der antidemokratischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an.

Deren Führung mit dem einflussreichen „Pressezaren“ Hugenberg an der Spitze hatte lange geglaubt, die Nationalsozialisten in Schach halten zu können. Doch das Gegenteil trat ein. Die DNVP wurde von Hitler als Steigbügelhalter benutzt. Als die Machtübernahme gelungen war, wurden die DNVP und ihre Anhänger gnadenlos ausgeschaltet. Wann und wie das im Einzelfall vor sich ging, hatte mit der Leidensfähigkeit der Betroffenen und/oder der Geduld und dem politischen Kalkül der NSDAP-Machthaber zu tun.

Wie lange Wiehe ohne die „Provokationen“ seiner Angehörigen im Amt geblieben wäre, ist schwer zu sagen. Einiges spricht dafür, dass man ihn ohnehin ausgebootet hätte. Ein Nachfolger war jedenfalls schon ausgeguckt. Mehr noch als der zu erwartende Amtsverlust dürfte den redlichen Christen deshalb die Erkenntnis geschmerzt haben, die Hitler-Bewegung unterschätzt, politisch unterstützt und dem menschenverachtenden Treiben der örtlichen Radikalinskis lange Zeit ohnmächtig-tatenlos zugesehen zu haben. Er habe „Menschen und Dinge bisweilen falsch beurteilt und manchen Fehler begangen“, gestand er 1947 ein. Gemeint war vermutlich auch sein Auftreten am 21. März 1933. An diesem Tag gingen überall im Reich gemeinsame Freudenfeiern der Rechtsparteien wegen ihres „historischen Wahlsieges“ über die „rote Front“ über die Bühne. Auch in Bückeburg marschierten NSDAP und DNVP Seit an Seit. Wiehe hielt eine pathetische Festtagsrede. „Frühlingsstürme brausen in diesen Tagen über das deutsche Land!“, rief er den zahlreich Versammelten zu. „Hindenburg hat Adolf Hitler wie einen Sturmgott gesandt.“ Zerdrückt lägen die Scheinblüten (der Weimarer Demokratie) am Boden. „Wir sehen über uns wieder den ewigen Wandel der Sterne, sehen Gottes Auge wieder über uns wachen und sehen wieder den Weg vor uns, der zur Höhe führt“. In der ersten Reihe der Zuhörer standen Gebbers, Dreier, Eggers und Manns.

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