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WDR-Autor Heiner Wember sprichtüber Internierungslager in Bad Nenndorf / Goebbels-Freund als Zeuge

Historiker: Wincklerbad ein Sieg der Demokratie

Bad Nenndorf (tes). Viel wurdeüber das Wincklerbad als britisches Verhörzentrum spekuliert - am Ende zählen die Fakten. Das "Bündnis gegen Rechtsextremismus" ist mit dem Historiker und WDR-Autor Heiner Wember und vielen interessierten Bürgern den Vorkommnissen im Wincklerbad auf den Grund gegangen. Erwiesen ist: Der britische Geheimdienst unterhielt in Bad Nenndorf ein Verhörzentrum, in dem von August 1945 bis Juli 1947 streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit gefoltert wurde.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 07:51 Uhr

Einst Verhörzentrum der Briten: das Wincklerbad in Bad Nenndorf.

Vorweg die Zahlen: Mindestens drei Gefangene starben an Misshandlungen oder verhungerten in dem Internierungslager. Zu den 372 inhaftierten Männern und 44 Frauen gehörten Industrielle, Mitläufer und vermeintliche Sowjet-Spione sowie einige hochrangige NSDAP-Mitglieder. Einer von ihnen: Kurt Parbel, Abteilungsleiter im Propagandaministerium, Zensor der Wochenschau, Filmer von Freislers Schauprozessen - und enger Freund von Joseph Goebbels. Dieser Zeuge hat im Interview mit Wember allen Neonazis den Wind aus den Segeln genommen. "Mein Respekt vor dem britischen Parlamentarismus": Mit diesem auf Film verewigten Kommentar hat Parbel auf dem heimischen Sofa bestätigt, dass die britischen Kontrollmechanismen funktionierten. Gespannt verfolgten Zuhörer aus ganz Schaumburg auf der Leinwand, was den einstigen Nazi überzeugt hat. Als Parbel von Nenndorf ins Internierungslager Fallingbostel verlegt wurde, entdeckte der geläuterte Nazi demokratische Tugenden: "Wenn wir zu den Konzentrationslagern geschwiegen haben - zu Bad Nenndorf schweigen wir nicht." Parbel berichtete dem Lagerpfarrer und dieser dem Bischof. Als schließlich der Labour-Unterhausabgeordnete Richard Stokes davon erfuhr, stand selbiger eines Morgens vor dem Lagertor in Bad Nenndorf und verlangte Einlass. Damit wurde ein Verfahren in Gang gesetzt, an dessen Ende ein für den ehemaligen Nazi bewundernswertes Ergebnis stand: "Die Türen öffneten sich. Nenndorf wurde aufgelöst." Untersuchungen von Scotland Yard und ein Prozess gegen die Wachmannschaften folgten. "Einer wurde degradiert und einer entlassen", so Wember. Ein Ex-Nazi als Zeuge. Das sei ein Ende, das zeigt: "In einer Demokratie kommen solche Verbrechen raus", räumte Wember zudem mit einem weiteren Aberglauben auf: "Nenndorf war kein Rachelager an Nazis. Ziel war es, Stalins Agenten etwas entgegen zu setzen." Nicht zuletzt war es auch ein Sieg der Pressefreiheit. Das Thema ist alt, seit 60 Jahren bekannt. Sicher sei es den Foltervorwürfen gegen britische Soldaten im Irakkrieg zu verdanken, dass die Medien die Sache wieder aufgegriffen haben, berichtete Wember vom "Guardian"-Reporter Ian Cobain, der Einsicht in die Akten verlangte, für die mittlerweile die Sperrfrist abgelaufen ist. Das Resultat bestätigte bereits Bekanntes,die kursierenden Gerüchte zum Teil: In Bad Nenndorf, dem einzigen Internierungslager seiner Art, wurden deutsche Gefangene in geheimen Verhören gefoltert. "Trotzdem war der alte Skandal plötzlich ein neuer Skandal", so Wember. Nicht zuletzt durch die ersten Bilder von abgemagerten Insassen. Das Publikum mutmaßte von noch schlimmeren Filmaufnahmen und fragte, wie es zu dem Widerspruch zwischen den angemessen geführten Internierungslagern und der Folter im Verhörzentrum kommen konnte. "Geheimdienste tendieren dazu, Grenzen zu überschreiten, um Informationen zu bekommen", sagte Wember. Dies gepaart mit der Angst vor einem Guerillakrieg der Werwolf-Kommandos und dem erwarteten, aber niemals eingetretenen, starken Widerstand der Deutschen habe dazu geführt, im Zuge der Entnazifizierung alle Nazis durch Internierung auf einen Schlag kaltstellen zu wollen. In der britischen Besatzungszone seien insgesamt etwa 90 000 Menschen interniert worden. In Nenndorf verschärfte sich die Lage nach Angaben des britischen Geheimdienstes durch Personalmangel: waren es 1945 noch 700 Wachmänner, blieben 1946 nur noch 330 - die meisten unerfahren und einige selber ehemalige Gefangene. Hinzu kamen massive Versorgungsprobleme. "Dennoch gab es keine KZ-Zustände. Das zu behaupten, wäre völlig verfehlt", stellte Wember klar. Dessen Fazit: "Nenndorf war sehr untypisch für die britische Besatzungszone." Entscheidend für den heutigen Umgang damit sei: "Es gab Kontrollmechanismen, die das unterbrachen." Nichts rechtfertige den pseudo-historischen Vergleich: Hier die befreiten Auschwitz-Gefangenen, dort die befreiten Nenndorf-Opfer. "Folter? Das passt wunderbar ins Weltbild der Neonazis. Nach dem Motto: Die Briten waren genau so schlimm wie die Deutschen. Von wegen. Die Briten waren viel besser. Von ihnen haben wir Meinungsfreiheit wieder gelernt - die gab es im Nationalsozialismus nicht." Mehr noch: Das Ende des Verhörzentrums in Bad Nenndorf zeige die Überlegenheit der britischen Demokratie. Wember ist überzeugt: "Von Deutschen wurden in der Nazizeit im Staatsauftrag Millionen Menschen gefoltert und vergast. Keine deutsche Zeitung hätte jemals darüber berichtet. Ganz anders in Großbritannien." Dass die Behandlung in den britischen Camps nach der chaotischenÜbergangsphase bei Kriegsende fast immer korrekt war, bestätigte selbst der ehemalige Nenndorf-Gefangene Parbel. Dieser schaffte es später, weiteren Gefangenen die Flucht aus anderen Camps zu ermöglichen, baute Seilschaften auf und wurde später Brauereileiter in Recklinghausen. Ebenfalls in Nenndorf verhört wurde die Nummer zwei nach Himmler, der Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes und General der Waffen-SS Oswald Pohl, der 1951 als einer der Organisatoren des Holocaust wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hingerichtet wurde.

Historiker und WDR-Autor Heiner Wember. "Umerziehung im Lager" l
  • Historiker und WDR-Autor Heiner Wember. "Umerziehung im Lager" lautet seine neu aufgelegten Doktorarbeit. Bad Nenndorf ist darin in einigen Kapiteln erwähnt.


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