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hin/Grimm I Das Brüder-Porträt (Pe) 1712x

So nahm uns denn in den langsam schleichenden Schuljahren ein Bett auf und ein Stübchen, da saßen wir an einem und demselben Tisch arbeitend, hernach in der Studienzeit standen zwei Betten und zwei Tische in derselben Stube, im späteren Leben noch immer zwei Arbeitstische in dem nämlichen Zimmer, endlich bis zuletzt in zwei Zimmern nebeneinander, immer unter einem Dach, in gänzlich unangefochtener und ungestört beibehaltener Gemeinschaft unserer Habe und Bücher, mit Ausnahme weniger, die jedem zur Hand liegen mußten und darum doppelt gekauft wurden. Auch unsere letzten Betten, hat es allen Anschein, werden wieder dicht nebeneinander gemacht sein …“, wie Jacob Grimm in seiner berühmt gewordenen Gedenkrede an seinen Bruder Wilhelm im Jahre 1860 in „herzbewegenden Worten“, wie es hieß, prophezeite. Jacob sollte recht behalten. Die Brüder liegen auch auf dem alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg in einem Ehrengrab des Landes Berlin wieder dicht nebeneinander. So solitär das Werk, so einzigartig, auch eigenartig, ihr Leben.

veröffentlicht am 17.12.2012 um 00:00 Uhr

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Nur selten in der Geschichte – nicht nur in der Kunst und Wissenschaft – haben Brüder so eng, so vertraut, so ausschließlich zusammen gelebt, gearbeitet, sich ergänzt. Mehr noch: Für Jacob, einen eingefleischten Gelehrten – der einfach keine Zeit hatte zu heiraten, wie er einmal bekannte – war Wilhelm, der eine poetische Ader besaß, die notwendige Ergänzung. Erst im Zusammenspiel ist die unvergleichliche Leistung, mit der sie unter anderem die Märchenwelt vor dem Vergessen retteten, möglich geworden.

Die beiden so ungleich temperierten Brüder, die ein Leben lang nicht ohne einander auskommen konnten und als „Gründungsväter“ der deutschen Philologie und damit der Germanistik gelten, wurden beide in Hanau geboren. Jacob am 4. Januar 1785, Bruder Wilhelm ein gutes Jahr später am 24. Februar 1786. Das Geburtshaus stand am alten Paradeplatz in Hanau. Da ihr Vater, Philipp Wilhelm Grimm in Steinau an der Straße die Stelle eines Amtmanns bekleidete, verlebten auch die beiden Söhne dort ihre Kindheit. Um den beiden ältesten Jungen – die Eltern hatten neun Kinder, von denen drei schon im Kimdesalter starben – eine spätere Laufbahn als Juristen zu ermöglichen, wurden sie von ihrer Mutter Dorothea 1798 zu einer Tante nach Kassel geschickt, wo sie das Friedrichs-Gymnasium besuchten – später die Philipps-Universität in Marburg, wo sie, wie vorgesehen und vorgezeichnet, Rechtswissenschaften studierten. Wilhelm folgte seinem Bruder, altersbedingt, ein Jahr später.

Friedrich Carl von Savigny, einer ihrer Professoren, wurde ihr Förderer. Durch ihn und seine umfangreiche Bibliothek erhielten sie – mit den Werken Goethes und Schillers bereits vertraut – nun auch Zugang zu den Romantikern und die Werke des Minnegesangs. Tief beeindruckt waren die Brüder auch von Johann Gottfried Herder und dessen Ansichten über die Dichtung der Völker. Doch Jacob und Wilhelm wurden, so sehr der Zeitgeist dafür gesprochen hätte, keine Romantiker. Keine Schwärmer, die nostalgisch den runden Bogen der Romanik oder die Spitzbögen der Gotik zurücksehnten und generell vom Mittelalter träumten. Die „Blaue Blume“ war ihnen so fern wie Mörikes „Orplid“. Sie waren Realisten, die in der Vergangenheit die Basis für zeitgenössische Zustände sahen. Sie suchten ganz unschwärmerisch nach Quellen, um die Gegenwart besser verstehen zu können.

So sehr sie auch im Hessischen zu Hause waren – sie waren Kosmopoliten. Nicht nur deutsche Vergangenheit interessierte sie – sie erforschten auch englische, schottische und irische Quellen, interessierten sich für die Mythen und Sagen Skandinaviens und weiteten ihre Forschungen auf die Niederlande, Spanien und Serbien aus.

Schon früh nach dem Studienabschluss begannen die Brüder, später zusätzlich angeregt durch Achim von Arnim und Clemens Brentano mit der Sammlung von Märchen und Sagen, die noch heute mit den Gebrüdern Grimm identifiziert werden. Das war 1806, ein Jahr nach Schillers Tod. Was die Arbeit so authentisch machte: Sie erfanden nicht neu – vielmehr sammelten sie mündlich überlieferte Geschichten. Auch wenn die Vorstellung, die so zusammengetragenen Motive in ihrer ursprünglichen Form zu belassen, nicht durchgehalten werden konnte, so sehr Jacob, der Wissenschaftler dafür plädierte, aber von Wilhelm, dem Künstler, überzeugt wurde, dass auf Korrekturen nicht ganz verzichtet werden könne.

Die wichtigste Quelle für die weltberühmten Märchen wurde „die alte Marie“, die bereits zweiundsechzigjährige Schaffnerin in der Wildschen Apotheke. Von ihr allein stammt ein Viertel des ersten Bandes mit den Märchen-Top-Hits wie „Rotkäppchen“ und „Dornröschen“. Während dieser Zeit lebten die Brüder in Kassel, veröffentlichten Bücher – Jacob über „Altdeutschen Meistersang“, Wilhelm über „Altdeutsche Heldenlieder, Balladen und Märchen“. 1812 erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“. Zwei Jahre später, 1814, bezogen die Brüder zusammen mit ihrer Schwester Lotte das nördliche Torhaus am Wilhelmshöher Tor, das noch heute erhalten ist.

1815 erschien bereits der zweite Band der „Kinder- und Hausmärchen“ – und der erste in stark überarbeiteter Form als Neuauflage. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Erst später, 1825, als die sogenannte „Kleine Ausgabe“ der Märchen in einem Band erschien, wurde die Sammlung populär. Für diese gekürzte Fassung hat ebenfalls ein Grimm, der Bruder Ludwig Emil, die Illustration übernommen. Mit eher geringem Erfolg erschienen 1816 und 1818 die beiden Bände der Sagensammlung „Deutsche Sagen“, in der auch der „Rattenfänger von Hameln“ verewigt wurde und seinen Siegeszug antreten konnte.

In ihrer Kasseler Zeit lebten die Brüder, durch ihre Publikationen bereits weit über die Grenzen der Stadt anerkannt, bis 1814 von Jacobs Gehalt als Bibliothekar und vom ererbten Familienvermögen – später kam Wilhelms Gehalt als Sekretär der Bibliothek dazu. 1819 erhielten sie von der Marburger Universität die Ehrendoktorwürde verliehen. Ohne ihre Förderer wie der Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen und nach ihrem Tod durch den Kurfürsten wäre ihre Arbeit nicht möglich gewesen. Als der Kurfürst 1821 starb, mussten die Brüder mit Lotte das Haus in der Wilhelmshöher Straße gegen ein wesentlich bescheideneres Domizil tauschen. Dann heiratete Lotte, die den Brüdern den Haushalt führte, den kurhessischen Minister Ludwig Hassenpflug. So waren die Gebrüder Grimm gezwungen, einen Junggesellenhaushalt zu führen, bis Wilhelm im Mai 1825 sein „Dortchen“, Dorothea Wild heiratete und die „alten Verhältnisse“ wieder hergestellt waren. Es war wieder ein „Dreier-Haushalt“.

Das änderte sich auch nicht, als das Trio nach Göttingen zog. Jacob war seit 1830 ordentlicher Professor, Wilhelm wieder Bibliothekar, aber ab 1835 ebenfalls Professor. Zusammen veröffentlichten sie weitere Bände ihrer „Deutschen Grammatik“, die allerdings weniger Grammatik in unserem Sinne war – vielmehr eine Ethymologie, die sich mit der Entwicklung der Sprache befasste, mit Lautwechseln und Bedeutungswandel. Neben ihren wissenschaftlichen Arbeiten engagierten sich die Brüder auch politisch – Jacob war Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 1848. Beide Brüder halfen mit, die Menschenrechte für Deutschland zu formulieren.

Dann kam es zum Eklat. Wegen ihrer Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch von König Ernst August I. von Hannover wurden sie mit fünf weiteren Professoren – berühmt geworden als die „Göttinger Sieben“ – fristlos gekündigt. Jacob zusätzlich des Landes verwiesen. Ein Bürgerkomitee mit Sitz in Leipzig zahlte den beiden nun arbeitslosen Professoren die Gehälter weiter. Die Leipziger Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel machten den Vorschlag für das „Deutsche Wörterbuch“, das als „Der Grimm“ bekannt wurde und auch als eindrucksvolle Installation bei der vorletzten „documenta“ in Kassel gezeigt wurde. Es ging um nichts weniger als alle Wörter von „Luther bis Goethe“. Auch dieses Wörterbuch eher eine Entwicklungsgeschichte der Wörter und deren Bedeutung.

Nach drei Jahren, die Jacob und Wilhelm Grimm wieder in Kassel sozusagen „im Exil“ waren, folgte die Berufung unter König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin, wofür sich hochrangige Wissenschaftler einsetzten. 20 Jahre lang lebten die Brüder in Berlin, finanziell abgesichert. 1859 starb Wilhelm, vier Jahre später Jacob.

Lesen Sie morgen Teil 2: Das literarische Werk der Gebrüder Grimm.

„Es war einmal …“ – wohl jedes Kind freut sich auf die Geschichte, die dann folgt. Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm sind um die Welt gegangen. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812 erschien die Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“. In dieser Woche ehren wir Jacob und Wilhelm Grimm. Eine märchenhafte Serie.

Die Brüder Grimm



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