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Der große Saal der Schule in Petershagen füllt sich bereits. Mütter, Väter, Großeltern mit kleinen Kindern sind im Anmarsch. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. Aufgeregt wird auf dem Platz herumgerutscht, gelacht, gerufen und herumgelaufen. Dann erklingt eine tiefe, beruhigende Stimme: „Nur noch 15 Minuten. Dann geht es l-o-o-s!“ Herbert Mische, Puppenspieler der „Lila Bühne“, muss heute nicht viel eingreifen, um Eltern und Kinder so im Saal zu verteilen, dass alle etwas sehen können. Durch ein paar Stufen ist der Platz für seine Bühne erhöht, und alle Zuschauer haben einen guten Blick auf die kleine Landschaft mit Teich, Bäumen und Höhle.

veröffentlicht am 14.10.2015 um 11:01 Uhr

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„An anderen Veranstaltungsorten sorge ich immer dafür, dass sich die Erwachsenen an die Seite setzen. Gerade Mütter mit sehr kleinen Kindern folgen oft der gängigen Idee, ‚Die Kleinsten immer nach vorne‘ und sitzen dann natürlich auch selber dort“, berichtet Mische aus seinem Puppenspieler-Alltag. „Dabei ist das Puppenspiel erst für Kinder ab drei Jahren wirklich geeignet. Jüngere Kinder können das Gezeigte noch gar nicht einordnen. Und wenn man ein jüngeres Geschwisterkind dabei hat, sollte man sich ganz nach hinten setzen, damit es keine Angst bekommt. Dann sieht es die vielen Kinder vor sich, die lachen und singen – und versteht, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.“

„Selbst für die Dreijährigen ist so eine Vorstellung eine richtig aufregende Sache und ich achte darauf, dass die erste Figur, die auftritt, freundlich, harmlos und eher klein ist“, erklärt der Mann aus Barntrup. „Die gefährlicheren Tiere“ – Misches Puppen entstammen alle der Tierwelt – „kommen dann erst später dran, wenn die Kinder schon Sicherheit gewonnen haben.“ Sicherheit würde durch eine Struktur, die auf Wiederholungen baut, entstehen. „Das stärkt die Kinder, wenn sie den Aufbau des Stückes begreifen und schon ahnen, was als Nächstes passieren wird“, führt Mische aus.

Im aktuellen Stück „Bruder Bär und Schwester Frosch“ gibt es beispielsweise den gefährlichen Reiher, der die Frösche gern verspeisen würde. Schnell begreifen die kleinen Zuschauer, dass dem Reiher, der immer auftaucht, wenn die Froschkinder laut gespielt haben, regelmäßig ein Schnippchen geschlagen wird, bis den Froschkindern gegen Ende des Stückes auch eine nachhaltige Lösung für das Problem einfällt. Ein gutes Ende muss sein bei Misches Geschichten. Bewährt habe es sich zudem, zwei kleine Lieder in die Struktur des Stückes einzuflechten. „Ich wähle ganz einfache Melodien, die die Kinder schon nach einmaligem Hören mitsingen können“, erklärt der Künstler. Wieder so eine Methode, die den Kindern Selbstbewusstsein vermittelt. „Das kann ich schon, das Lied.“ Und Eltern, die einmal eine Lila-Bühne-CD für das Kinderzimmer mit nach Hause genommen haben, können von der Ohrwurmqualität dieser Melodien ein Lied singen …

Frosch, Huhn, Hase,

Zebra, Löwe, Bär, Ziege und Biene

Optisch überzeugt die Lila Bühne durch ein liebevoll gestaltetes Bühnenbild. Das Material, mit dem Mische arbeitet, eine Art Schaumstoff, ist hervorragend geeignet, bunte Landschaften mit weichen Konturen entstehen zu lassen. Durch sein handwerkliches Geschick, aber auch durch Fortbildungen im Puppenspielerhandwerk, entstehen technisch raffinierte Einzelheiten wie zum Beispiel sprechende Bäume. Auch bei seinen Puppen bedient sich der Künstler des Schaumstoff-Materials. Mit diesem gelingt es ihm, den Charakter der unterschiedlichsten Tiere auszudrücken. Frösche, Würmer, Bienen, Bären, Ziegen, Hasen, Zebras, Löwen, Hühner und Köttel-Kuller-Käfer, um nur einen kleinen Teil von Misches fantastischer Tierwelt zu nennen, haben schon die „Lila Bühne“ bevölkert. Technisch gesehen gehören die Figuren der „Lila Bühne“ zu den Stabpuppen. Die wirken jedoch keineswegs starr oder unbelebt. Viele Tiere werden an zwei Stäben geführt. So kann eine kleine Raupe sogar zur Tänzerin werden und dabei ordentlich mit dem Schwanz wackeln.

Seine Bühnenbilder und Figuren machen kleinen und großen Zuschauern Spaß. Das wirklich Besondere an Misches Stücken liegt jedoch im Inhalt. Der Puppenspieler begegnet seinem jungen Publikum auf Augenhöhe. Er nimmt wahr, dass auch sie viele der allzu menschlichen Probleme kennen, die uns ein Leben lang begleiten. Er ist sich sicher, schon kleine Kinder machen sich Gedanken zu diesen Problemen und suchen nach Lösungen. So haben Misches Geschichten immer auch ein tiefes Thema. Alleinsein, Angst und Mut haben, Anders sein als die anderen, Neid, dazugehören wollen, unzufrieden sein mit dem eigenen Leben, Träume verwirklichen wollen, der Wunsch nach Freiheit, all diese Themen mutet der Puppenspieler auch seinen kleinen Zuschauern in kindgerechter Form zu. „Mein Hauptthema, das eigentlich immer vorkommt, ist die Vielfalt“, so Mische nachdenklich. „Damit meine ich: dass ich versuche, die Unterschiede zwischen den Wesen zu zeigen und dabei zu vermitteln, dass sie gut sind, so wie sie sind.“ Das kommt auch bei den Kindern an. Gerade die kleinen Pechvögel, die Verträumten und die Trödeligen in Misches Stücken haben die Herzen des Publikums immer schnell erobert. Das kennt jedes Kind, dass es ausgeschimpft oder angetrieben wird, wenn es nicht schnell genug ist, nicht so funktioniert, wie es die Strukturen der Erwachsenenwelt scheinbar erfordern. Und auch den Erwachsenen ist das Gefühl der Unzulänglichkeit und Überforderung nicht unbekannt. Auch für sie bieten die sympathischen, herzerwärmenden Figuren der „Lila Bühne“ die Möglichkeit, sich einmal selbst mit nachsichtigeren Augen zu betrachten. Überhaupt hat jedes Stück auch ein paar Sequenzen, die sich, ohne dass das den Kindern groß auffällt, an die Erwachsenen unter den Zuschauern richten. Wenn da ein rosa Huhn mit ziemlich tuntiger Stimme spricht oder der Ziegenbock meckert, er lebe „allein unter Zicken“, wird auch der Humor der Erwachsenen angesprochen.

Seit 33 Jahren spielt Herbert Mische seine Stücke. Hauptberuflich. 250 bis 350 Auftritte absolviert er im Jahr. Vielerorts ist die „Lila Bühne“ Kult geworden und im Publikum finden sich mittlerweile schon drei Generationen von Mische-Fans. Alle zwei Jahre entwickelt der Künstler ein neues Bühnenstück. „Bei mir kommt als Erstes die Idee zur Landschaft, in der das Stück spielen soll. Dann überlege ich, welche Tiere dort leben und danach fallen mir auch die passenden Themen und die Geschichte ein“, beschreibt er seine Arbeitsweise. Vor den Herausforderungen, die in der Darstellung der Landschaften und Tierarten liegen, hat Mische keine Scheu. Bühnenbilder von Savanne bis Unterwasserwelt, Tierfiguren von Känguru bis Kranich hat er schon erschaffen. Jedes Bühnenbild und die dazugehörigen Darsteller landen schließlich für sich und stets griffbereit in einem Aluminiumkoffer und erweitern so das Gesamtrepertoire, aus dem Mische bei seinen deutschlandweiten Auftritten schöpfen kann.

Anregungen zu den Schauplätzen in fernen Ländern und auf fremden Kontinenten erhält der Puppenspieler auf seinen eigenen Reisen. Alle vier bis fünf Jahre zieht es ihn in die Ferne. Und wenn er reist, dann bringt er Dinge mit, die im jeweiligen Land mit Theater und Puppentheater in Verbindung stehen. So zieren mittlerweile so viele Masken und Puppen die Wände und Regale seines Puppenspieler-Zuhauses, dass Mische ohne weiteres ein kleines Puppenmuseum ausstatten könnte. Im Haus findet sich auch ein Raum, der Hinweis auf Misches Vorstellung vom Ruhestand gibt. Ein Atelier. Und es gibt auch schon einige Bilder. Genug, dass man erkennen kann: der Maler hat Talent. „Ich arbeite bis heute gern als Puppenspieler. Leute, die erzählen, sie würden nur noch auf die Rente warten, tun mir echt leid. Aber das Puppenspiel, wie ich es betreibe, mit Stabpuppen, die ich über Kopf führen muss, ist auch anstrengend. Wenn ich das irgendwann einmal nicht mehr kann, dann will ich mich dem Malen widmen“, hat sich der 59-Jährige vorgenommen. Ein Leben ohne künstlerisches Gestalten? Das wäre für ihn unvorstellbar.

Termin: Donnerstag gastiert die „Lila Bühne“ um 16 Uhr im Familienzentrum Rinteln.

Liebe Kinder, seid ihr alle da?

Tiergeschichten. Kleine, aufregende, fantastische Geschichten mit und von Tieren. Erzählt von einem Puppenspieler aus Barntrup. Auf einer „Lila Bühne“. Na, wenn das nichts ist. Ein Besuch auf den Brettern, die die Welt bedeuten.



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