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Benjamin Krämer auf Weltreise: Warum er im Iran verhaftet wurde – und wie er doch das Pamir-Gebirge erreichte

Himmel und Hölle am Hindukusch

Einmal die über 7000 Meter hohen Zinnen des gewaltigen Hindukusch erblicken – auf dem eigenen Motorrad! Das war eines unserer Weltreise-Ziele. Wir haben es erreicht. Und den Preis dafür bezahlt.

veröffentlicht am 17.08.2016 um 19:00 Uhr

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Benjamin Krämer und Ellada Azoidou

Noch nicht lange ist es her, da berichteten wir an dieser Stelle begeistert über Iran und seine gastfreundlichen, offenherzigen Menschen. Zwei Wochen später sitzen wir in der kleinen, schäbigen Gefängniszelle einer Station der Militärpolizei und lauschen angespannt dem Surren eines rostigen Ventilators. Unsere nähere Zukunft ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr ungewiss und unsere Fantasie schweift unangenehm oft zu den vielen Berichten über wochenlang inhaftierte und verhörte Reisende ab, die im Iran das Falsche gesagt, gesehen, besucht, oder – wie in unserem Fall – fotografiert haben. Doch gehen wir einen Schritt zurück, genau wie wir es in dieser Zelle innerlich tun, als wir uns fragen: „Wie um Gottes Willen konnten wir nur in dieser Zelle enden?“

Zehn Tage zuvor: Nach einer kurzen, ernüchternden Nachricht unseres Visa-Agenten wissen wir, dass Turkmenistan zum zweiten Mal unsere Bitte um ein Visum abgelehnt hat. Ein freundlicher Australier, der das gleiche Schicksal überwunden hat, rät uns, in Teheran erneut ein Visum zu beantragen und einen Grenzübergang zu wählen, der nicht an der Hauptstadt Ashgabat liegt. Also geht es nach Teheran, direkt zur Botschaft. Nach der gefährlichsten Fahrt unseres Lebens – zwei Stunden durch Teheran, wo drei Spuren standardmäßig von sechs Autos nebeneinander befahren werden – haben wir die Anträge ausgefüllt und lernen zwangsweise das positive Denken neu. Denn bei erneuter Ablehnung würden mehrere teuer erkaufte Visa verfallen und wir einen deutlichen Umweg über Russland fahren müssen. Abends werden wir von einem jungen Iraner unseres Alters nach Hause eingeladen, wie es so oft in diesem gastfreundlichen Land vorkommt. Müde, erschöpft und angetan von seiner lockeren Art, seinem perfekten Englisch und seinem freundlichen Lächeln folgen wir der Einladung gerne. In seinem Appartement angekommen, staunen wir nicht schlecht: Zwar wussten wir, dass er nicht gerade arm sein kann, da wir uns im besten und teuersten Viertel der Stadt befinden, doch der verhältnismäßige Luxus ist schon auffällig für einen 27-jährigen Junggesellen. Die Aufklärung dieses kleinen Mysteriums liefert er uns selbst frei heraus: Er sei Drogenhändler, besitze eigene Opium- und Marihuanafarmen und ein fleißiges Netzwerk an Dealern. Wir sollten bitte keine Fotos machen oder seinen Namen in unserem Blog nennen, dann wäre das kein Problem und die Polizei habe hier noch nie eine Razzia durchgeführt. Ach so, na dann können wir ja jetzt beruhigt schlafen …

Später, kurz vor der turkmenischen Grenze wissen wir: Es war trotz seiner zweifelhaften Berufswahl die richtige Entscheidung, bei ihm zu bleiben, da wir mit unserem äußerst belesenen Gastgeber viel Freude hatten und einiges über Irans Historie lernen konnten. An besagter Grenze zu Turkmenistan schießen wir Tage später noch ein letztes Mal Fotos von einem atemberaubend schönen Tal, das sich unter uns bis zum Horizont erstreckt. Und da passiert es: Ein Polizeiauto hält an, der Beamte überprüft unsere Pässe und möchte freundlich, aber bestimmt unsere Kamera sehen. Noch denken wir uns nichts dabei, doch plötzlich übergibt er alles an seinen Kollegen auf dem Beifahrersitz und gibt uns zu verstehen, ihm sofort zur nächsten Wache zu folgen. Ab da wird uns klar: Hier stimmt etwas nicht! Keine zehn Minuten später befinden wir uns – von Soldaten mit Gewehren bewacht – hinter Gittern und werden etwa zwei Stunden verhört von Polizei und Militär. Unsere Pässe werden eingescannt, unsere Kameras gefilzt und Fotos gelöscht – angeblich befindet sich in dem von uns abgelichteten Tal eine Militärbasis der chronisch paranoiden iranischen Streitkräfte. Später unterschreiben wir ein Protokoll auf unverständlichem Farsi und ab da wird die Stimmung plötzlich entspannt und freundlich: Wir werden entlassen, mit Tee beschenkt und zum Abschied wird uns sogar gewinkt, um die Situation endgültig ins vollkommen Groteske zu überführen.

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  • Die Länder, die Benjamin Krämer mit dem Motorrad bereist, sind atemberaubend schön. Foto: Pr
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  • Fernab der Heimat: Benjamin Krämer und Ellada Azoidou sind auf Weltreise. Mittlerweile haben sie das Pamir-Gebirge erreicht. Foto: Pr

Glück gehabt.

So geht es mit wackligen Knien weiter Richtung Hindukusch, durch Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und das legendäre Pamir-Gebirge mit seinen abgelegenen Höhenpässen. Die Menschen dieser armen Länder sind sehr freundlich und neugierig auf jeden der seltenen Abenteuertouristen, die sich hierher verirren. Doch das Berührendste und Überwältigendste in diesem Teil Zentralasiens ist zweifellos der Pamir-Highway und seine noch größtenteils unberührte Natur: Umringt von den zerklüfteten Hängen massiger Siebentausender mit ganzjähriger Schneekrone, winden sich anspruchsvolle Schotter- und Sandpisten durch saftig grüne Täler, die von zahllosen Wasserfällen genährt werden. Nur selten treffen wir hier Fahrzeuge, geschweige denn Touristen an. Die „Straßen“, die sich hier auf dauerhaft über 4000 Metern über dem Meeresspiegel befinden, laufen lange Zeit am reißenden Grenzfluss zu Afghanistan entlang und entblößen endlich den Hindukusch, der noch höher, noch gewaltiger zu sein scheint als der Pamir. Zuerst fällt es uns noch schwer, all das genießen oder verarbeiten zu können, da wir schwer von der Höhenkrankheit gezeichnet sind. Als wir an einem einsamen Bergsee auf 4300 Metern mitten im Nichts campieren, sind unsere Kopfschmerzen bereits so stark, dass uns die fehlende Möglichkeit, in dieser Höhe und dem wenigen Sauerstoff in der Luft zu kochen, kaum noch stört. In der Nacht kommen Erbrechen und Schwindel hinzu und als wäre das noch nicht genug, erblicken wir plötzlich zu allem Überfluss ungebetene Gäste: Ein Schwenk mit der Stirnlampe ins Dunkel offenbart uns mehrere leuchtende Augenpaare in der Finsternis, die uns aus unangenehm naher Distanz beobachten. Doch wir werden weder gefressen noch rafft uns die Höhenkrankheit dahin, und so erreichen wir nach einer strapaziösen, aber wunderschönen Tour über harte Offroadpisten, steinige Flüsse und schlammige Furten nach einer Woche das Ende des Pamirs und schließlich Kirgistans. Eine Erfahrung, die sich mit ihren unbeschreiblichen Anblicken tief in unsere Netzhaut und mit ihren krassen Höhen und Tiefen menschlicher Emotionen in unsere Erinnerung gebrannt hat. Unsere Fahrt durch Himmel und Hölle hat sich gelohnt, auch wenn sich diese Einsicht oft erst im Nachhinein, am Lagerfeuer, bei guten Gesprächen und geteilten Erinnerungen, einstellt.

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Quelle: pr


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