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Hilfe aus dem Ausland

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist bereits so dramatisch, dass viele Unternehmen eigene Programme aufgelegt haben. Die Folge: So wie Melissa Salazar kommen mittlerweile viele Beschäftigte aus Südamerika, Polen oder China

veröffentlicht am 31.05.2019 um 14:21 Uhr

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Melissa Salazar fällt auf an ihrem Arbeitsplatz. „Guckt mal, wie fröhlich sie immer ist“, sagen die Senioren immer wieder, und ihre Kollegen antworten dann: „Jaja, sie kommt ja auch aus Südamerika.“ Melissa Salazar ist 23 Jahre alt, an der Karibikküste Kolumbiens groß geworden und nun in dem kleinen, saarländischen Ort Quierschied, um das zu tun, was hierzulande die wenigsten wollen: Altenpflegerin werden. Nach dem Abitur (Schwerpunkt Buchhaltung) und einem angefangenen Studium (International Business) folgte sie ihrem Bruder nach Saarbrücken, weil sie mehr Sicherheit wollte, eine Perspektive und einen Beruf „mit mehr Menschenkontakt“.

So erzählt es Melissa Salazar, grauer Kapuzenpulli, schwarze Locken, im Bistro der ehemaligen Knappschaftsklinik Quierschied – einst Heilstätte für die hunderttausend Bergleute der Region, ein Riesenareal mitten im Wald, 1907 errichtet mit dem Prunk der Kaiserzeit. Ein Teil der Gebäude steht heute vor dem Verfall, etwa das ehemalige Leichenschauhaus; ein Teil wird noch immer benutzt, etwa die Abteilung der Inneren samt OP-Trakt – und einige Gebäude werden gerade erneuert, so wie das alte Geburtshaus, in dem selbst die moosgrünen Wandfliesen denkmalgeschützt sind. Seit Jahren investiert die Victor’s-Gruppe in diesen Standort, ein mit mehr als 120 Einrichtungen in Deutschland führendes Unternehmen in der Pflegebranche. Gegründet wurde es 1977 von Hartmut Ostermann, den schon zu Zivildienstzeiten die Frage umtrieb, wie man Altenpflege besser machen kann, so erklärt er es selbst.

Während Ostermanns Gedanken damals noch als Luxussorge abgetan werden konnten, steht die Gesellschaft heute vor grundlegenderen Problemen. Die Zahl der Pflegekräfte steigt nicht annähernd so schnell wie die der Pflegebedürftigen. Experten zeichnen seit Jahren ein düsteres Bild: 3,4 Millionen Ältere sind schon heute auf Pflege angewiesen, ob stationär, ambulant oder durch Angehörige. 2045 soll es laut Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos fünf Millionen Pflegebedürftige geben. Schon jetzt sind knapp 24 000 Stellen in der Altenpflege unbesetzt. Laut Bundesagentur für Arbeit dauert es im Schnitt 183 Tage, bis Heimbetreiber eine freie Pflegestelle neu besetzen können. Und die trifft es grundsätzlich härter als die Krankenhäuser, was auch an dem deutlichen Lohngefälle liegen mag: Während eine Pflegefachkraft im Krankenhaus im Schnitt 3314 Euro verdient, sind es im Altenheim gerade einmal 2746 Euro im Monat.

Ein Beruf mit Menschenkontakt: Altenpflegerin Melissa Salazar kam aus Kolimbien ins saarländische Quierschied. Foto: Julia Ratchke

Wer also wird uns pflegen? Und zu welchen Bedingungen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte schon im Sommer 2018 gesagt: „In Deutschland ist es kaum mehr möglich, ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung ohne ausländische Pflegekräfte zu betreiben.“ Die Victor’s-Gruppe bekommt das längst selbst zu spüren. Unternehmer Ostermann, Visionär, Funktionär und „Big Spender des Saarlands“, wie die Lokalzeitungen ihn nennen, übernahm 2013 nicht nur das gesamte Klinikareal in Quierschied, als die Saarland-Heilstätten GmbH es abstieß, sondern er eröffnete dort gleich eine Berufsakademie für Gesundheitswesen, eine internationale Altenpflegeschule und ein dazugehöriges Internat.

In Deutschland ist es kaum mehr möglich, ein Krankenhaus oder eine Pflege­einrichtung ohne ausländische Pflegekräfte zu betreiben.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister



85 Schüler aus Bosnien, Marokko, Mexiko, Kolumbien, Algerien, China, Brasilien, Vietnam, Ukraine, und Georgien besuchen derzeit die Europäische Fachschule für Altenpflege (ESFA), aufgeteilt in drei Jahrgänge, der erste wird diesen Herbst fertig, zu dem auch Melissa Salazar gehört. Der nächste Jahrgang startet dann mit etwa 60 jungen Menschen. Die Zahl ist auch abhängig davon, wie viele Bewerber rechtzeitig ein Visum erhalten, was einer der Knackpunkte ist. Der Arbeitgeberverband fordert schon lange eine einheitliche, transparente Regelung zur Beschäftigung von Pflegekräften aus EU- und Drittstaaten. Doch um das versprochene Einwanderungsgesetz streitet die Koalition in Berlin noch immer.

Das könnte vor allem kurzfristig Abhilfe schaffen, wenn es fertig ausgebildeten Pflegekräften ihre Anerkennung in Deutschland erleichtert. Auf der Pflegeschule in Quierschied starten die Bewerber erst noch die dreijährige Ausbildung. Blockweise lernen sie in ehemaligen Ärztezimmern oder dem Speiseaal die Grundlagen der Medizin, üben in Kleingruppen den Umgang mit Patienten. Wohnen können sie in Krankenzimmern, umgebaut auf Hotelstandard, für 200 Euro inklusive Flatrate in alle Telefonnetze der Welt.

Julia Rathcke



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