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Hermann Hennecke aus Bodenwerder überlebte am 20. November 1974 den Absturz der Boeing 747-130

Heute feiert er seine zweite Geburt

Bodenwerder. Eigentlich ist der Bodenwerderaner Hermann Hennecke jetzt stolze 79 Jahre alt. Heute feiert er aber trotzdem zum 40. Mal seinen zweiten Geburtstag: Denn am 20. November 1974 überlebte er den Absturz des Lufthansa-Fluges 540. Es war ein Flugzeugunglück, bei dem von 157 an Bord befindlichen Personen 59 zu Tode kamen. Die Boeing 747 stürzte beim Start vom Flughafen Jomo Kenyatta International in Nairobi (Kenia) ab, zerbrach in mehrere Teile und brannte aus. Hermann Hennecke hat den Absturz des Jumbo Jets in Nairobi überlebt. Das gab ihm damals die Gewissheit, dass Gefahr ihm nicht wirklich etwas anhaben kann.

veröffentlicht am 19.11.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 10:36 Uhr

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Autor:

Karl-Heinz Teiwes
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Hennecke lebte seit 1968 mit Ehefrau und zwei Söhnen in Johannesburg. In die kleine Wohnung im Elternhaus in Bodenwerder kommt er mehrmals im Jahr, um Freunde und seine Eltern zu besuchen. Am 19. November 1974, einen Tag vor dem Unglück, war Hennecke ebenfalls hier – nach einer Besprechung in der Zentrale seiner Firma in Wilhelmshaven. Frühmorgens verabschiedete er sich von seinen Eltern, um dann von Hannover über Frankfurt nach Johannesburg zu fliegen.

Am nächsten Morgen legt der Jumbo in Nairobi eine Zwischenlandung ein. Es soll nach einer Stunde weitergehen nach Johannesburg. Um 8 Uhr rollt die Boeing zur Startbahn. 157 Menschen sind an Bord. Es ist ein klarer, strahlender Morgen. Weil Hennecke während des Starts Tiere im angrenzenden Tierpark beobachten möchte, tauscht er seinen Platz von der 26. Reihe in einen Fensterplatz in der 22. Reihe, nahe einem Notausgang. Die Maschine rollt an und beschleunigt. „Sofort habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmt. In meinen Ohren war ein Geräusch, das da nicht hingehörte. Verdammt, sagte ich mir, der ist zu langsam.“ Als das Flugzeug abhebt, beginnt es unglaublich zu rütteln.“ Hennecke schildert: „Und dann kam der Absturz.“ Er dauert nur wenige Sekunden. Der Jumbo kracht hinter dem Flughafen mit dem Heck auf eine befestigte Bankette, bricht auseinander, das Vorderteil des Jets landet in einem Sumpfgebiet. Es schleudert und drehte sich halb um die eigene Achse. Gepäck fliegt herum. Dann ist es unheimlich still, es ist kein Laut zu hören von den Passagieren, auch nicht aus dem Cockpit.

Sofort springt der Deutsche auf, einer Stewardess gelingt es, den nahen Notausstieg zu öffnen, als Erster ist Hennecke draußen und plumpst aus zwei Meter Höhe in den Morast. Er kriecht durch den Schlamm, greift dabei ein kleines Flugzeugteil, das er im weiteren Verlauf in der Hand behält, taumelt vorwärts, bis er auf sechs andere deutsch sprechende Passagiere trifft. Sie stehen verloren herum, halten sich an den Händen. Auch Hennecke greift nach den fremden Händen, ganz instinktiv. Dann erfolgen drei Explosionen am Flugzeug, 38 Sekunden nach dem Aufprall.

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Nahe der Absturzstelle, auf den Banketten, steht ein Pickup, der Fahrer schaut ungläubig auf das Geschehen. Die Gruppe der sieben Geretteten läuft zum Wagen und lässt sich zum Flughafengebäude fahren. Rettungskräfte sind noch nicht vor Ort. Die Gruppe um Hennecke ist die erste, die am Flughafengebäude eintrifft. Deshalb lauten die ersten Meldungen, dass es nur sieben Überlebende gebe. Ihre Anzüge sind voller Schlamm. Das Personal starrt die Gruppe fassungslos an, niemand weiß hier offenbar, was passiert ist. Hennecke geht zum Lufthansa-Schalter und sagt: „Am besten richtet ihr jetzt eine Aufnahmestation ein, es kommen noch mehr.“

Hennecke ist nicht verletzt und steht nicht unter Schock. Um seine Nerven zu beruhigen, genügt ein doppelter Cognac, zu dem ihn ein Passagier einlädt, denn Hennecke steht ja mit Schlamm beschmiert und ohne Geld an der Bar. Seine ersten Gedanken gelten der Familie und den Eltern, die er anruft. Sein älterer Sohn sagt ganz cool am Telefon: „Ja, Mann, da hast du ja wieder Schwein gehabt!“ Und der jüngere Sohn fragt: „Habe ich denn jetzt schulfrei?“

Hermann Hennecke braucht frische Kleidung und einen neuen Pass. Seine Firma hat ein Büro in Nairobi, der Kollege hilft ihm bei den Besorgungen. Danach steigt der Deutsche mit den sechs anderen in die nächste Maschine Richtung Johannesburg, einem Flugzeug der British Airways, das ihn nach Hause bringt. Am nächsten Morgen ist er in Johannesburg. Beim Absturz sind 59 Menschen umgekommen. Hennecke sagt, er habe keine Angst gespürt, nur eine kleine Anspannung. In seinem Lächeln liegt auch ein wenig Stolz. Er hat erfahren, wie der Mensch funktionieren kann, wenn es um sein Leben geht. Der Selbsterhaltungstrieb lässt einen handeln wie ein Computer. „Ich dachte die ganze Zeit nur daran: „Das überlebe ich!“ Als die Maschine auseinandergerissen wurde, starben alle, die im Heck saßen. Der oft fliegende Hennecke hatte wie immer einen Platz in der Mitte, weil eine Boeing 747 dort im Flug weniger schwankt.

Hat er nicht unglaubliches Glück gehabt? Hennecke zuckt mit den Schultern. Der Flugzeugabsturz hat ihm nur bestätigt, dass es in Notsituationen eine Rettung geben kann. Vor zwei Jahren kehrte Hermann Hennecke aus Südafrika nach Bodenwerder zurück. Heute, nach 40 Jahren, kann er sich freuen, dass ihm am 20.November 1974 ein zweites Leben geschenkt wurde.

Dieses Teil klaubte Hermann Hennecke nach dem Absturz reflektorisch aus dem Schlamm von Nairobi. Er hat es bis heute aufbewahrt.

dpa



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