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Interview mit dem neuen Vorsitzenden des Stadtmarketing-Vereins, Nikolaus von Schöning

"Hellweg hat Auswirkungen auf Stadthagen"

Stadthagen (ssr). Veranstaltungszentrum Zehntscheune, Einstellung eines Wirtschaftsförderers, Belebung der Niedernstraße - in Stadthagen werden derzeit eine Menge Ideen und Pläne erörtert. Zu den wichtigsten Aspekten der aktuellen Debatte äußert sich im Interview der Vorsitzende des Stadtmarketing Stadthagen e.V. (SMS), Nikolaus von Schöning (40). Der Diplom-Agraringenieur,der das Gut Remeringhausen bewirtschaftet, hat den SMS-Vorsitz im Frühjahr übernommen - nach einer durch das Eisbahn-Dilemma eher mühsamen Phase für das Stadtmarketing.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 14:39 Uhr

SMS-Vorsitzender Nikolaus von Schöning.

Herr von Schöning, ist das Debakel mit der Marktplatz-Eisbahn und das daraus resultierende Motivationsloch bei SMS mittlerweile überwunden? Es ist komplettüberwunden. Das Ganze hatte auch seine positiven Seiten. Alle haben gelernt, dass man in Stadthagen nichts bewegen kann, wenn nicht alle entscheidenden Kräfte an einem Strang ziehen. An der Beziehung zwischen SMS und Stadt ist nicht wirklich etwas kaputt gegangen. Wir erwarten allerdings, dass sich ein kürzerer Draht zwischen Stadtverwaltung, Ratsfraktionen und SMS entwickelt. Können Sie sich vorstellen, dass es am Ende doch noch zu einer Eisbahn in der Altstadt kommt? Wir fassen das Thema sicher nicht aus eigenem Antrieb an. Der Vorstoß müsste von anderer Seite kommen. Aber natürlich wären wir bereit, in neue Überlegungen mit einzusteigen. Als alternativen Standort hatten wir bereits im Frühjahr den Landsbergschen Hof genannt. Was haben Sie sich als SMS-Vorsitzender für das erste Amtsjahr schwerpunktmäßig vorgenommen? Zum ersten die etablierten Veranstaltungen - wie etwa die Autoschau - weiter zu verbessern. Zweitens das Thema Weserrenaissance in den Vordergrund zu rücken und mit ansprechendem Niveau zu vermarkten. Eigentlich wollte die Stadt schon zum 1. Juli einen hauptamtlichen Wirtschaftsförderer eingestellt haben. Nun wird es frühestens der 1. Oktober. Sind Sie enttäuscht? Nein, das beunruhigt mich nicht. Zu begrüßen ist grundsätzlich, dass ein Wirtschaftsförderer kommt, denn so manche Aufgabe in diesem Bereich kann derzeit nicht ausreichend betreut werden. Wichtig ist, dass es ein Guter wird, der effektiv arbeitet. Da muss man entsprechend Geld zur Verfügung stellen und die Person sorgfältig auswählen. Richtig finde ich auch, dass der Wirtschaftsförderer als so genannte Stabsstelle direkt beim Amt des Bürgermeisters angesiedelt werden soll. Es sollten aber auch seine Aufgaben klar definiert werden, damit man seine Leistungen messen kann. Was sollte der Wirtschaftsförderer zualler erst tun? Oberste Dringlichkeit hat für mich die Aufnahme eines Dialogs mit den benachbarten Mittelzentren wie etwa Bad Nenndorf und Rinteln. Zweitens muss er sich um die effektive Vermarktung der Gewerbeflächen kümmern. In Bad Nenndorf strebt die Firma Hellweg in der Bückthaler Landwehr die Eröffnung eines großen Baumarktes an. Welche Auswirkungen sehen Sie für Stadthagen? Darüber haben wir gerade ein Gespräch mit Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier gehabt. Der schilderte uns die sehr komplexe Rechtslage, es gibt mehrere Raumordnungspläne, mehrere Bebauungspläne und etliche nachträgliche Änderungen dazu. Das Ganze ist kaum mehr durchschaubar. Grundsätzlich hatBad Nenndorf das Recht, einen Baumarkt zu entwickeln. Beunruhigend ist die weitere Entwicklung: Neben dem Baumarkt sollen erhebliche Flächen für Einzelhandel entstehen. Wie viel Fläche und für welche Sortimente, soll in den nächsten Monaten eruiert werden. Jedenfalls wird sich die dortige Entwicklung auf den Umsatz des Stadthäger Einzelhandels wirken. Wir erwägen, uns den Rat eines externen Sachkundigen einzukaufen. Der sollte die nebelige Situation erforschen. Auch sollte er prüfen, inwieweit auf Stadthagen als zweitgrößten Einzahler in die Kreisumlage Rücksicht genommen werden muss. Wir hoffen sehr, dass es in dieser ganzen Sache zu einem vernünftigen Dialog kommen wird. Wir vom SMS wollen uns da jedenfalls engagiert einmischen. Der Rat der Stadt hat gerade ein weiteres Gutachten zum Thema ,Handel in Stadthagen' in Auftrag gegeben. War das nötig? Nein. Grundsätzlich steht der Einzelhandel Stadthagens sehr gut da. Natürlich gibt es immer Möglichkeiten der Verbesserung, es fehlt aber meist an den Mitteln, guten Ideen mit finanziellem Anreiz auf die Sprünge zu helfen. Ob ein weiteres Gutachten neue Erkenntnisse bringen kann, weiß man immer erst hinterher. Ich jedenfalls hätte es nicht in Auftrag gegeben, denn mehr Geld für die Realisierung alter oder neuer Ideen wird es nicht bringen. Wie ist Ihre Einstellung zum Zentrenkonzept der Stadt, in dem auf den innerstädtischen Handel besonderes Augenmerk gelegt wird? Das wird immer mehr zu einem schwierigen Spagat. Denn es sind zwei Dinge zu bedenken: Erstens muss der Handel in der historischen Innenstadt mindestens so leistungsfähig bleiben, wie er es momentan ist. Zum anderen ist Stadthagen aber ein Mittelzentrum im ländlichen Raum - 30 Kilometer vor den Toren Hannovers. Daher muss es auch als solches attraktiv bleiben. In diesem Zusammenhang gibt es eben Arten von zeitgemäßem Einzelhandel, die sich in beengten Innenstadt-Verhältnissen nicht entfalten können. Das alles werden wir austarieren müssen. Bürgermeister Bernd Hellmann will die "Zehntscheune" hinter dem früheren Niemitz-Areal zum Veranstaltungszentrum gestalten. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß? Der künftige Betrieb der Zehntscheune sollte so gestrickt werden, dass er die Gastronomie der Innenstadt bereichert und nicht mit ihr konkurriert. Die Zehntscheune als Veranstaltungsraum zu nutzen und das historische Gebäude in Szene zu setzen, hielte ich für eine große Bereicherung. Hellmann schließt ein Verschwinden der Festhalle mittelfristig nicht aus. Wie beurteilen Sie den Standort Festplatz - eventuell mal ohne Festhalle - grundsätzlich? Ich würde den Festplatz im Grundsatz als Teil der Innenstadt und in diesem Sinne als gestaltbar erachten. Allerdings müsste dazu eine elementare Bedingung erfüllt sein: Die Strecke zwischen Hagemeyer und Festplatz ist nicht lang, aber man verhungert emotional. Die "gefühlte" Entfernung ist für Fußgänger zu weit. Diese Meile müsste städtebaulich massiv aufgewertet werden. Nach wie vor stellt der untere Bereich der Niedernstraße mit seinen Leerständen und den teils hässlichen Fassaden eine Problemzone dar. Was muss passieren? Erfreulich ist, dass der Bürgermeister in der Obernstraße richtige Erfolge erzielt. Gut ist, dass er versprochen hat, sich nun auch der Niedernstraße zu widmen. Das lässt hoffen, denn der Handlungsbedarf ist offensichtlich. Teile der Krummen Straße, aber auch der Niedernstraße sind als Einfahrt in die Altstadt eine Katastrophe. In welche Richtung müsste eine Belebung dieser Zone gehen? Es gibt einen allgemeinen Trend, dass das Wohnen in Innenstädten wieder mehr gefragt wird. Eine Mischform zwischen attraktivem Wohnen und Einzelhandel sowie Gastronomie ist sicher realistischer, als dort die Geschäftsflächen auszuweiten. Aber wie auch in der Obernstraße ist eine solche Vitalisierung nicht mit süßen Worten allein zu erreichen. Hier bedarf es geschickt platzierter Anreize, also Geld. Es sind oft durchaus überschaubare Summen, mit denen man eine Investition provozieren kann. Ähnlich wichtig ist ein schneller und vor allem unbürokratischer Umgang mit Geschäftsleuten und Investoren. Nach wie vor fehlt es am Marktplatz an einer qualitativ guten WC-Anlage. Wo ist die Lösung? Es gibt den Ansatz einer ,Netten Toilette', bei dem Gastronomen am Markt eingebunden sind. Einige verhalten sich sehr kooperativ. Ich halte es für möglich, dass es im Sinne einer guten Gemeinschaft der Gewerbetreibenden rund um den Markt zu einer solchen Lösung ,Nette Toilette' kommt, bei der WC's in gastronomischen Einrichtungen allgemein zugänglich gemacht werden. Es der Stadt zu überlassen, eine WC-Anlage hinzustellen, hielte ich nur für die zweitbeste Lösung - aus finanziellen und aus städtbaulichen Gründen. Ein weiterer oft genannter Kritikpunkt ist ein unübersichtliches Verkehrs-und Parkplatz-Leitsystem. Ja, wir brauchen ganz schnell ein für auswärtige Besucher deutlicheres Leitsystem. Derzeitig haben Ortsfremde wirklich Probleme, in die Innenstadt rein- oder wieder rauszukommen. Welchen Stellenwert hat der Tourismus für die Weiterentwicklung Stadthagens? Ganz realistisch gesehen bietet Stadthagen alleine nicht so viel Hochwertiges, dass es ein ganzes Wochenende füllt. Aber als Teil eines Regionalkonzeptes könnte man mehr Besucher auch nach Stadthagen bekommen. Wenn wir aber über die touristischen Werte Stadthagens nachdenken, müssen wir wissen, dass Stadthagen in Zukunft kein Produktionsstandort mehr sein wird. Stadthagen wird sich als Standort für Forschung, Entwicklung und Dienstleistung etablieren müssen, und das wird nur gelingen, wenn Stadthagen als Wohnort reizvoll ist. Die Förderung der touristischen Werte Stadthagens ist für den Wohn- und Arbeitsstandort Stadthagen wichtiger als für den Tourismus.

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