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„Erinnerungen Schaumburger Familien“: 16 Lebensberichte porträtieren Schaumburger Schicksale

„Heiraten mit oder ohne Mütze?“

Das Wort „Erinnerung“ trägt im psychologischen Sinn die Bedeutung einer mentalen Wiederbelebung früherer Erlebnisse und Erfahrungen. Und weil der Begriff einen subjektiven Zugang zum Erlebten ermöglicht, heißt ein neuer Buchtitel der Schaumburger Landschaft auch explizit „Erinnerungen Schaumburger Familien“ statt lediglich „Geschichte Schaumburger Familien“. Die im Werk versammelten 16 Familienporträts halten die Erinnerung an vorangegangene Schaumburger Generationen im 20. Jahrhundert wach.

veröffentlicht am 05.02.2010 um 23:00 Uhr

Sophie Dettmer, geb. Weihmann, Karl Dettmer, die Kinder Heinrich

Autor:

Nicole Schilawa

Dazu galt es Menschen aus der Region zu motivieren, „die Geschichten ihrer eigenen oder auch anderer Familien zu erarbeiten und öffentlich zu machen“, erklärt Herausgeberin Dr. Lu Seegers. Die von den Laien-Autoren beschriebenen Lebensbilder sollen neue Aspekte und Blickwinkel der Vergangenheit ermöglichen, schließlich sei Geschichte nicht nur die Auflistung wichtiger Ereignisse mit Namen und Daten, sondern vielmehr die Summe der Schicksale vieler einzelner Menschen, betont Sigmund Graf Adelmann, Geschäftsführer der Schaumburger Landschaft im Vorwort. Oder noch metaphorischer ausgedrückt: „Stellt man sich Geschichte als ein riesengroßes Mosaikbild vor, so sind die Lebensgeschichten der Menschen die kleinen Steinchen, aus denen das Gesamtbild zusammengefügt ist.“ Denn historische Geschehnisse könnten eigentlich nur dann vorstellbar werden, wenn man sie an Einzelschicksalen festmacht, wenn sie im Kontakt mit Mitmenschen direkt erfahrbar werden.

Um die Bandbreite der gesellschaftlichen und zeitgenössischen Schaumburger Erfahrungen zu verdeutlichen, gliedert sich das Buch in fünf verschiedene Abschnitte.

Erinnerungen alteingesessener Schaumburger Landwirtschaftsfamilien, deren Alltag zum einen von bäuerlicher Arbeit, zum anderen speziell von diversen Riten und Traditionen geprägt war, stehen im Mittelpunkt des ersten Kapitels. So erinnert unter anderem Sophie Mensching an die Geschichte der Familie Reese-Lattwesen aus Nordbruch. Sie beschreibt, wie Waisen um das Jahr 1900 auf dem Land aufwuchsen, welche große Bedeutung den Paten zuteilwurde und erörtert zudem eine damals gewichtige Frage im Leben der Frauen: „Heiraten mit oder ohne Mütze“? Denn Witwen, die sich noch einmal verehelichten sowie schwangere Frauen mussten zur Trauung die schwarze Kirchgangsmütze tragen, statt „im Kranz“, dem Zeichen der Jungfräulichkeit, zu heiraten, ein Eintopfgericht musste statt eines Festmahls genügen. Im ländlichen Leben herrschte ein streng christlicher Glaube und - was sich wohl widersprechen mag - der Aberglaube. Viele Bräuche erinnerten an germanische Götter. So sollten Hochzeiten nur an einem Donnerstag stattfinden. An manchen Türbögen alter Fachwerkhäuser erkennt man heute noch die aufgemalte Irminsäule, welche den Weltenbaum der germanischen Mythologie symbolisiert.

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Sophie Lattwesen-Reese mit 86 Jahren beim Flachsspinnen.

Das zweite Kapitel handelt von den Erinnerungen Schaumburger Arbeiter- und Unternehmerfamilien. So beschreibt Walter Münstermann beispielsweise die „Chronik einer Zeitungsleidenschaft“, die Vier-Generationen-Geschichte eines bekannten Schaumburger Druck- und Verlagsunternehmens, deren Ereignisse in Rodenberg und Bad Nenndorf spielen. An diesem Ort sah der im Jahr 1874 geborene Friedrich Oppermann offenbar die Chance, an einer verspäteten Gründerepoche teilzuhaben. Dem Motto folgend „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis“ stand er als Zeitungsverleger, Redakteur und Drucker in jeder freien Minute vor der Haustür und fing die Neuigkeiten ein, die er für den Lokalteil der „Rodenberger Zeitung“ benötigte; auf der Reklameseite, der Seite vier, inserierte er unter anderem auch, wer seinen Hut verloren hatte oder wer eine Beleidigung zurück nahm. Die vier Lehrjahre seiner Tochter Helene im väterlichen Betrieb fielen in die Zeit der großen Inflation. Im Januar 1922 kostete Oppermanns Zeitungs-Abonnement schon 12, ein Jahr später 300 und erreichte im November 1923 mit 43 Milliarden Reichsmark seinen Höhepunkt. Im Jahr 1973 sollte Herbert Schäfer in der dritten Generation eine weitsichtige Entscheidung treffen: Mit dem Einstieg in das Medium Anzeigenblatt (zunächst „bescheiden“ in Rodenberg und Nenndorf als „Anzeiger der Samtgemeinden“, dann in Stadthagen und Lindhorst, später auch im Südkreis) entstand das „Schaumburger Wochenblatt“. Schäfer, der aus Traditionsbewusstsein seit jeher an Friedrich Oppermanns Schreibtisch sitzt, bewerte das Durchhaltevermögen seiner Vorfahren höher als den Aufstieg in den Phasen des Wachstums: „Die Familie vor mir hat eine Menge geleistet“, hält er nach rund 100 Jahren Rückschau.

Das dritte Kapitel thematisiert speziell die Zeit des Nationalsozialismus in Schaumburg. Noch heute erinnert eine auf den ersten Blick unscheinbare Inschrift auf einem roten Solling-Sandstein-Quader unter der damaligen „Reichsautobahnbrücke“ in Rehren an den unmenschlichen Tod des Auetalers Wilhelm Schlüter. Über jenes Drama, das sich im Jahr 1945 vollzog, berichtet sein Enkel Gerd Wilkening, nach dessen Worten es sich dabei um einen unrühmlichen Geschichtsabschnitt aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges handelt, der nicht in Vergessenheit geraten sollte. Wegen einer „defätistischen“ Äußerung des Wirtes „Zum Auetal“ (sinngemäß sagte er: „Man hätte auf die Männer des 20. Juli 1944 hören sollen, dann wäre uns viel erspart geblieben, aber die hängt man auf.“ Und mit einem Wink auf ein Hitlerbild in der Gaststätte fuhr er fort: „Ich bin alter Parteigenosse, aber so hat uns noch keiner belogen und betrogen, wie der da!“) erschoss ein Exekutionskommando von sechs bis zehn Soldaten den damals 61-Jährigen. Erst im Jahr 1964 ist der damals verantwortliche Kommandant zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Das vierte Kapitel beinhaltet die Themen Vertreibung, Flucht und Integration in Schaumburg. Es zeigt zum einen am Beispiel von Erhard Fischer, wie dessen Familie von der Siedlungspolitik der Nationalsozialisten profitierte und ihr schließlich zum Opfer fiel. Zu den allein über 3,5 Millionen Vertriebenen aus Schlesien sollte auch die Familie Schmeiche gehören, die nach zweimonatiger Reise und Hunderten zurückgelegten Kilometern am 13. Dezember 1946 in Stadthagen eintraf. Die Neuanfänge gestalteten sich schwierig: Es sei nicht ungewöhnlich gewesen, das „fremde Volk“ als „Pack“ oder „Flüchtlingsschweine“ zu betiteln. Auch Bemerkungen wie „Die sind doch freiwillig ausgerissen“ machten die soziale Abgrenzung deutlich. Allerdings erwiesen sich die Vertriebenen zu einem nicht unbedeutenden Motor eines neuen wirtschaftlichen Wachstums. Die vielen Tausend Familien aus dem Osten gaben Stadthagens Rat und Verwaltung Veranlassung, neue Arbeitsplätze, aber auch neuen Wohnraum zu schaffen, die sich als entscheidend für die Eingliederung der Neubürger erwiesen. Es entstanden beispielsweise die große Siedlungen zwischen der Hüttenstraße und „Am Sonnenbrink“. Doch obwohl sich ihnen die Möglichkeit immer wieder geboten habe, kehrte Familie Schmeiche nie wieder in ihre alte Heimat zurück - zu schmerzhaft mögen die Erinnerungen gewesen sein.

Das abschließende fünfte Kapitel schildert die Erfahrungen von „Gastarbeiter“-Familien in Schaumburg und demonstriert im Besonderen deren innere Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat. Aus Anatolien nach Probsthagen: Haci-Mehmet Yabas erzählt von der Ankunft seines Vaters in Deutschland und dessen „Gastarbeiter“-Alltag im Männerwohnheim. Bewegend berichtet auch Fatma Taskin über Sprachbarrieren und Vorurteile: „Wenn unsere beiden Kinder Schneeball spielen, schimpfen die Nachbarn vom Balkon, ihr seid hier nicht in der Türkei!‘“ Doch in der Türkei würde es nur selten schneien. In der Türkei kann man nicht Schneeball spielen. Hier passt speziell die im Vorwort genannte Aufforderung an die Leser, die Fülle an Chancen wahrzunehmen, die im Interesse für das Anderssein der Anderen liegen. Auch wenn das Buch „Erinnerungen Schaumburger Familien“ keine Roman ähnlichen Handlungsstrukturen aufweist und faktische Darstellungen überwiegen (speziell die sich oftmals wiederholenden Namen erschweren es, die Generationen zu unterscheiden), spiegeln sich in den einzelnen Familienschicksalen dennoch Reaktionen auf die unterschiedlichsten Herausforderungen eines dramatischen Jahrhunderts wider - Erinnerungen reflektieren Weltgeschichte. Seegers: „Jede Familie in Schaumburg ist Teil von Politik, Kultur und Gesellschaft im 20. Jahrhundert gewesen. Jede Familie hat damit auch Geschichte gemacht und erinnert sich ihr in spezifischer Weise.“ So, legt Adelmann abschließend dar, verfügt das Buch über das Potenzial, „einen Zugang zur Geschichte zu ermöglichen, der zu einer neuen Sichtweise des eigenen Umfelds führt.“

„Erinnerungen Schaumburger Familien – Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert“, Herausgeber Lu Seegers, Verlag für Regionalgeschichte, Kulturlandschaft Schaumburg, Band 18. ISBN: 978-3-89534-758-0, 19 Euro.



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