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Parvin Hemmecke-Otte erzählt von ihrem Leben zwischen den Kulturen

„Heimat ist da, wo man Menschen kennt“

HESSISCH OLDENDORF. Bereits um 18.30 Uhr hatten sich die ersten von 90 Landfrauen zur Vortragsveranstaltung „Leben zwischen den Kulturen“ in der Weinschänke Rohdental eingefunden.

veröffentlicht am 14.03.2017 um 13:40 Uhr

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Die Damen wollten partout nicht aufs Bild für die Zeitung, weil man ja den Eindruck gewinnen könnte, sie hätten zu Hause nichts zu tun. Doch – wie immer – wurde frühes Eintreffen mit den besten Plätzen belohnt und im gemütlichen Saal war bald der letzte Stuhl besetzt. Mit vier anwesenden Herren fand man auch die Männerquote für eine Landfrauenveranstaltung zur Gänze erfüllt.

Die Referentin, Kreisvorsitzende der Landfrauen Braunschweig, Parvin Hemmecke-Otte, kam nach einer verregneten A 2-Fahrt aus Braunschweig an und ihr Vortrag startete pünktlich um 19.30 Uhr – zwar ohne Mikro jedoch so fesselnd, dass es mucksmäuschenstill im Saal war. Zunächst schilderte Parvin Hemmecke-Otte ihre Ankunft in Deutschland. Geboren und aufgewachsen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern in Kerman, schloss die junge Frau nach zwölf Jahren die Schule im Iran mit dem Abitur ab. Ihre Mutter fand ein Studium im von Unruhen geschüttelten Teheran für ihre Tochter zu unsicher und da der Sohn bereits in Deutschland studierte, sollte auch Parvin hier studieren. Sie konnte kein Wort Deutsch. Das war wohl zunächst die größte Hürde. Den ersten massiven Kulturschock erlitt die junge Iranerin, als sie auf der Straße küssende Paare sah. Ein solches Verhalten ist im Iran ein völliges Tabu. Als die Lehrerin im Studienkolleg die neue Schülerin von den Vorzügen derartiger Kuscheleien überzeugen wollte, muss Parvin wohl empört gewesen sein. Inzwischen 27 Jahre verheiratet, passt sie sich diesen deutschen Gebräuchen jedoch gern an.

Die islamische Revolution hat im Iran viel verändert und die Regeln, besonders für Frauen, sind sehr streng und für Europäer oft schwer zu verstehen. In Deutschland fungierte darum der Bruder als Tugendwächter für seine Schwester. Ein Freund kam gar nicht in Frage. Doch nach einem gemeinsamen Ferienaufenthalt im Iran gab es Schwierigkeiten mit dem Reisepass des Bruders. So musste Parvin allein zurück nach Deutschland. Und in dieser „unbewachten“ Zeit lernte sie ihren Mann kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Briefe wanderten täglich hin und her. Das blieb der aufmerksamen Oma des Gatten in spe nicht verborgen. Und so war ein erstes Kennenlernen bald unausweichlich. Parvin machte ein Praktikum bei den Schwiegereltern. Und als ihr Freund zum ersten Mal mit in den Iran reiste, wurde er als Freund des Bruders vorgestellt. Natürlich fiel die wachsame Mutter nicht auf das Spiel herein. Auf die Verlobung folgte die Hochzeit und der Umzug nach Braunschweig-Bienrode auf den riesigen Bauernhof ihres Mannes. Hier hatte Parvin nicht nur mit neuen unbekannten Arbeitsweisen sondern auch mit vielen Vorbehalten und Vorurteilen zu kämpfen. Dazu kam noch das Heimweh, denn der Bruder war mit seiner Familie von Kassel wieder in den Iran zurückgegangen. In der Familie ihres Mannes sehr gut aufgenommen, fehlten ihr doch vor allem soziale Kontakte. Das änderte sich, als ihre Schwiegermutter sie mit zu den Landfrauen nahm, wo sie eine steile Karriere hinlegte. Sofort wurde sie Ortsvertrauensfrau und nach zwei Jahren Kreisvorsitzende. Seit 16 Jahren bekleidet sie nun äußerst erfolgreich dieses Amt und ist durch die Landfrauenarbeit in Deutschland angekommen und zu Hause.

Auch einige Herren interessierten sich für den Vortrag, zu dem die Landfrauen aus Hessisch Oldendorf in die Weinschänke Rohdental geladen hatten. FOTO: SUNDERMANN

„Heimat ist nicht unbedingt da, wo man geboren ist, sondern da, wo man viele Menschen kennt und sich wohlfühlt“, so Parvin Hemmecke-Otte. Dann stellte Hemmecke-Otte den Landfrauen ihre iranische Heimat vor. Sie erzählte nicht von einem dunklen, von radikal-religiösen Mullahs beherrschten Land, sondern berichtete von einer bunten, facettenreichen Heimat mit einer jahrtausendealten Kultur. Sie erzählte von einer jungen, aufstrebenden Gesellschaft, die ihrem Hunger nach Freiheit und Bildung längst Gesicht und Stimme verliehen hat und das strenge Reglement der islamischen Revolution wohl zu unterlaufen weiß. Bilder von Basaren und Moscheen, von Pistazienplantagen und der Ernte in glühender Sonne, von Prachtbauten und von ihren Reisen an die schönsten Orte des Irans, die sie nicht nur für die Landfrauen organisiert, machten den Vortrag noch beeindruckender. Mancher hätte wohl gern eine solche Reise gebucht. Die Landfrauen, die den Iran bereits mit ihr bereist hatten, fanden übrigens den Kopftuchzwang aufgrund der entfallenden Mühe mit der Frisur am Ende gar nicht so schlimm. Von der Stille in der Wüste schwärmte Hemmecke-Otte ebenso wie von dem köstlichen flachen Brot, das im Iran immer frisch gegessen wird. Von dem 13 Tage währenden Neujahrsfest erfuhren die Landfrauen und dass die Iraner bekennende Picknickfans sind. Die Zuhörer wissen jetzt, dass im Iran ein leer gegessener Teller immer wieder nachgefüllt wird, bis ein Rest signalisiert, dass man satt ist. Auch von dem Vorarbeiter ihrer Eltern, der, selbst Analphabet, fünf seiner sieben Kinder ins Studium schickte. Die deutsche Landfrau mit iranischen Wurzeln wusste ein interessantes lebendiges Bild von ihrem Leben zwischen den Kulturen und von einem Land im Wandel zu vermitteln.



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