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„Hauptsache, die Schulden sind endlich weg“

Schulden kommen in manchen Fällen unerwartet – und ohne persönliches Verschulden. Diese Erfahrung hat auch Detlef Schultenkamp machen müssen (Name von der Redaktion geändert). Dabei lebte der heute 68-Jährige immer sparsam und verdiente sein Leben lang gutes Geld.

veröffentlicht am 03.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 04.12.2009 um 10:30 Uhr

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41 Jahre lang war der Familienvater auf Montage, verließ sonntags die Wohnung, die er mit seiner Frau und den beiden Kindern teilte, und kehrte erst am Freitagabend zurück. „Ich habe immer versucht zu sparen, wo es nur ging“, erinnert sich der Mann heute. Unter der Woche suchte er möglichst günstige Unterkünfte und sparte am Essen, so dass er neben seinem guten Verdienst auch von seinen Spesen einiges zurückbehalten konnte.

Doch die Sparsamkeit sollte ihn nicht davor schützen, noch als Rentner kurz vor einem Verbraucherinsolvenzverfahren zu stehen. Denn seine Frau, die sich während seiner Abwesenheit um die Finanzen der Familie kümmerte, teilte seine finanzielle Einstellung nicht. „Sie kaufte gerne ein, wenn sie etwas Schönes sah, und schloss Versicherungen ab, die nicht notwendig waren“, erzählt Schultenkamp. Vieles davon bekam er gar nicht mit. Er zahlte Rechnungen und Raten und ahnte nicht, dass er viele Mahnungen gar nicht erst zu Gesicht bekam. „Die muss sie wohl geöffnet und zur Seite gelegt haben“, vermutet er. Und: „So kam eines zum anderen.“

1999 starb Schultenkamps Ehefrau, und erst da bekam er einen Eindruck von seiner eigenen finanziellen Situation. Es kamen Briefe mit Vollstreckungsankündigungen und Mahnbescheiden. „Das war im ersten Moment schon ein Schock“, sagt er. „Immer hält man alles zusammen, und dann kommt so etwas.“

Doch er wollte die Schulden begleichen und begann mit den Zahlungen. Es lief auch alles glatt – bis 2004 die Firma schloss, für die Schultenkamp viele Jahrzehnte gearbeitet hatte. Er wurde Frührentner. Auch wenn er mit rund 1000 Euro im Monat noch auf eine akzeptable Rente bauen konnte, reichte es nicht, um die Zahlungen aufrechtzuerhalten. Ihm blieb nur noch ein Schritt übrig: „Ich entschloss mich, zur Schuldnerberatung zu gehen“, erzählt er. Und so entstand der erste Kontakt mit Reinhard Uschmann von der Diakonie in Rinteln.

Reinhard Uschmann – so darf man es wohl sehen – ist so eine Art „Peter Zwegat“ für die heimische Region. Durch die RTL-Doku-Soap „Raus aus den Schulden“ ist Peter Zwegat, Schuldnerberater und Sozialpädagoge aus Berlin-Friedrichshain, einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden – und hat als Deutschlands wohl bekanntester Schuldnerberater mittlerweile sogar eine eigene Fangemeinde. Doch auch wenn Zwegat zum populären Fernsehstar geworden ist, erschöpft sich seine Aufgabe nicht allein in TV-Unterhaltung: Mit seiner Arbeit hilft er Menschen, die sich alleine nicht vom Schuldenberg befreien können. Und genau das tut auch Reinhard Uschmann.

Wie im Fall Schultenkamp. „Zuerst habe ich zusammen mit Herrn Schultenkamp die tatsächliche Höhe der verschiedenen Gläubigerforderungen überprüft“, beschreibt Schuldnerberater Reinhard Uschmann das erste Treffen. Das Ergebnis war erschütternd: Die Forderungen der Gläubiger summierten sich auf 12 400 Euro, ein Großteil der Forderungen stammte bereits aus den achtziger Jahren. „Da waren sowohl Forderungen von Versandhäusern als auch von Elektrizitätswerken“, erinnert sich Schultenkamp.

Es bestand kaum eine Möglichkeit, die Schulden zu tilgen – und so leitete Uschmann, der zunächst als Bankkaufmann arbeitete und später Sozialarbeit studierte, die Vorbereitung für das Verbraucherinsolvenzverfahren in die Wege, auch Privatinsolvenz genannt.

„Vor einer Verbraucherinsolvenz wird eine außergerichtliche Einigung angestrebt“, erklärt Uschmann. Bei diesem „Insolvenzvergleich“ wird allen Gläubigern ein Betrag angeboten, der jedoch meistens weit unter der eigentlichen Forderung liegt. Die Höhe der Zahlung berechnet sich nach der Regulierungsquote, zu deren Berechnung der pfändbare Betrag des Einkommens, in diesem Fall der Rente, auf sechs Jahre hochgerechnet wird. „Das ist auch die Zeitspanne, die das Verbraucherinsolvenzverfahren laufen würde“, erläutert Uschmann. Bei Schultenkamp errechnete sich mit einem pfändbaren Betrag von 70 Euro monatlich eine Regulierungsquote von 44,78 Prozent, was einem Betrag von rund 5500 Euro entspricht. „In den seltensten Fällen lassen sich alle Gläubiger auf solch einen Vergleich ein, und sobald nur einer nicht zustimmt, wird das gerichtliche Insolvenzverfahren eröffnet“, erklärt Uschmann.

Doch Schultenkamp hatte Glück. Alle Gläubiger stimmten dem Vergleich zu, und so konnte er im Jahr 2005 beginnen, seine verminderten Schulden zu tilgen, ohne den Schritt in die Privatinsolvenz machen zu müssen. Dadurch blieben ihm viele mit der Insolvenz zusammenhängende Unannehmlichkeiten erspart.

„Während des Insolvenzverfahrens wird dem Schuldner nämlich ein Treuhänder zur Seite gestellt, welcher das Vermögen des Schuldners verwertet“, erklärt Uschmann. Außerdem zieht ein Insolvenzverfahren nach sich, dass der Betroffene keine Kreditwürdigkeit mehr besitzt. Girokonten dürfen dann nur auf Guthabenbasis geführt und zum Beispiel Handyverträge nur noch mit Prepaid-Karten abgeschlossen werden, größere Anschaffungen muss der Schuldner aus dem Ersparten finanzieren, ein Ratenkauf ist nicht möglich.

Alle diese einschränkenden Maßnahmen blieben Schultenkamp erspart, und seit nunmehr vier Jahren hält er sich an den Vergleich und zahlt zuverlässig die vereinbarten Raten. Wie wichtig das ist, erklärt der Schuldnerberater: „Sollte er sich nicht an den Vergleich halten, hätten die Gläubiger sofort wieder ein Anrecht auf ihre volle Forderung.“ Der Gläubiger mit der höchsten Forderung hat mittlerweile 3044 von ursprünglich 6800 erhalten und ist somit bedient. Auch die Zahlung für den zweiten Gläubiger, der 1600 Euro bekommen soll, hat Schultenkamp mittlerweile aufgenommen. Doch dann kam Anfang diesen Jahres der große Schock: Ein weiterer bislang unbekannter Gläubiger meldete sich und beantragte eine Kontopfändung. Der dafür notwendige Titel wurde bereits im Jahr 1989 erwirkt – was Schultenkamp bislang nicht bekannt war. „Es handelt sich um eine Rechtsschutzversicherung, die meine Frau seinerzeit abgeschlossen hat“, erklärt Schultenkamp. Er wusste jedoch nichts von dieser Versicherung und konnte die Forderung daher auch nicht in den 2004 geschlossenen Vergleich einbeziehen.

Eigentlich handelt es sich um eine relativ kleine Forderung von 250 Euro. Durch Zinsen und Gebühren sind daraus jedoch in den letzten 20 Jahren 1500 Euro geworden. „Das ist unglaublich ärgerlich, da wir ja nicht vorher reagieren konnten“, beschreibt Uschmann die Situation. Der Gläubiger sei jedoch völlig im Recht: Einmal erwirkte Titel behalten 30 Jahre lang ihre Gültigkeit.

Um auch diesen Gläubiger zufriedenzustellen, nahm Schuldnerberater Uschmann mit ihm Kontakt auf und bot an, 500 Euro zu zahlen, wenn die Forderung damit erledigt sei. „Jetzt heißt es abwarten“, stellt er fest. Doch egal, wie die Antwort der Versicherung ausfallen wird, Schultenkamp ist überzeugt davon, spätestens im Jahr 2012 schuldenfrei zu sein. „Dann muss ich mich die nächsten Jahre halt noch einschränken“, sagt er. „Hauptsache, die Schulden sind endlich weg.“

Und auch wenn die von seiner Frau abgeschlossenen Versicherungen Schultenkamp viele Probleme bereitet haben, könnte eine davon ihm nun doch noch helfen. Eine Lebensversicherung, von der er, wie von vielen anderen, lange Zeit nichts gewusst hat, die er aber trotzdem bediente. Mittlerweile weist sie einen Rückkaufswert von knapp 7000 Euro auf. Doch Schultenkamp bleibt bodenständig: „Es ist gut zu wissen, dass ich meine Schulden auch dadurch tilgen könnte. Doch ich probiere es erstmal mit dem Weg, den ich eingeschlagen habe.“ Und nach kurzer Überlegung fügt er hinzu: „Ohne die Schuldnerberatung hätte ich das nicht geschafft.“



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