weather-image
12°
Unterwegs mit den Schaumburger Kandidaten: Die Bückeburgerin Marion Holz tritt für die Linken an

"Hartz IV - na und? Dann gehe ich in die Politik"

Nur dem geschulten Auge fällt die Tasche links hinten in der Ecke auf: weiße Schrift auf rotem Grund, "Hier kommt die Linke". Und ganz links auf dem Holztresen, da liegen tatsächlich ein paar politische Broschüren. 14. Dezember: Das Interesse ist gering, auf dem Adventsmarkt Bad Nenndorf wollen die Menschen einen Glühwein trinken und nicht über die anstehende Landtagswahl diskutieren. Das stört Marion Holz heute nicht: "Schließlich stehe ich hier auch für einen guten Zweck."

veröffentlicht am 17.01.2008 um 00:00 Uhr

14. Januar: Marion Holz hängt mit Sohn Ingo die Plakate auf, 30

Autor:

Frank Westermann

Sie sammelt für das Frauenhaus Stadthagen, die Überschüsse des Standes gehen nach Bad Nenndorf, zur Berlin-Schule. Glühwein und Waffeln laufen gut, nach einer halben Stunde kommt doch ein politisches Gespräch zustande. "Ich bin Hartz IV, und einfach aussitzen wollte ich das nicht, darum bin ich in die Politik gegangen", erzählt sie. Viel Erfahrung hat sie nicht, erst bei der letzten Kommunalwahl gelang ihr - "knapp, aber immerhin" - der Sprung in den Kreistag. Dort hat sie viele bittere Erfahrungen sammeln können. "Anträge werden ohne Diskussion abgelehnt, gute Ideen werden gerne genommen und ein paar Tage später von größeren Parteien als eigene präsentiert", erzählt Holz. Ihre Zuhörerin stimmt zu, der Umgangston in der Kommunalpolitik werde zunehmend rauer. Daher habe sie selbst nach zehn Jahren in der Politik nicht mehr kandidiert. Aufmunterung gib es für Holz auch: Wer sich heute engagiere, und dann noch in der Politik, verdiene viel Respekt. Listenplatz 13. Es braucht ein politisches Erdbeben mittlerer Stärke, damit Marion Holz einen Sitz im nächsten Landtag erhält. "Ich glaube dran, alles andere wäre auch falsch", erzählt sie und verweist auf die Kreistagswahl: "Da hat uns auch keiner eine Chance gegeben." Gelernt hat sie in der Zeit im Kreistag: "Ich kann heute offener sprechen, habe meine Scheu vor einer Rede vor vielen Menschen abgelegt." 17. Dezember. Auf der Weihnachtsfeier im Krainhägener Altenheim sind neben Holz noch drei aller geladenen Kreistagsabgeordneten dabei. Wenn überhaupt, gibt es hier politische Gespräche, allerdings mehr im lockeren privaten Bereich. Holz besucht die Weihnachtsfeier in Krainhagen, weil sie mehr als 20 Jahre dort gewohnt habe, ihre Schwägerin hat viele Jahre dort gearbeitet. Als Botschaft sollte ihre Anwesenheit schon verstanden werden, erklärt Holz: "Es ist wichtig, dass diese Kreisaltenheime in kommunaler, öffentlicher Hand bleiben müssen, damit eine gute Pflege gesichert ist. In privaten Alten- und Pflegeheimen geht es vornehmlich um private Renditen." Das weiß sie sehr gut, weil sie in verschiedenen Alten- und Pflegeheimen gearbeitet hat: "Niedriglöhne und Personalmangel" herrschten dort, sagt sie. 20. Dezember. Natürlich sind Wahlkampfgelder ein Problem, erzählt Holz im Gespräch: "Wir haben nur einen geringen Betrag zur Verfügung. Aber wir müssen erst auslegen und bekommen das Geld gegen Vorlage der Quittungen wieder. Das fällt einem Hartz-IV-Empfänger natürlich sehr schwer." Außerdem werden Wahlplakate und Flyer gestellt. "Aber das einzige, was wir wirklich machen können, sind Infostände und Material in Briefkästen stecken", erklärt Holz: "Mein Wunsch wäre, dass auch Kleine ausreichend Geld zur Verfügung bekämen, um einen effektiven Wahlkampf zu führen." Viel Geld hat sie nicht, hat sie nie gehabt. "Es ging mir in meinem Leben noch nie besonders gut, aber noch nie so schlecht wie heute, seit der Einführung des Euro und der Hartz-Gesetze." Gelernt hat sie nichts, aber ganz viel gearbeitet: Lageristin, Lackiererin, Küchenhilfe, Raumpflege, Altenpflege, Stationshilfe, Bürohilfe,mehrmals war sie selbstständig: Markthändlerin, Wirtin, Pizzabäckerin, Gastwirtin. 12. Januar. Marion Holz erzählt an ihrem kleinen Wahlstand in Bückeburg noch eine Geschichte, die sie vor ein paar Tagen von einem Mann, der seit fünf Jahren arbeitslos ist, gehört hat. Er werde nun 58 Jahre und könne bald in Rente gehen, hat der Mann erzählt. Aber sein Sohn werde jetzt 27 und war noch nie in Arbeit. Aber im letzten Jahr habe der Sohn richtig Glück gehabt. Er hatte einen so schweren Unfall, dass er nie wieder arbeiten kann und Zeit seines Lebens eine Rente in Höhe von 700 Euro bekomme. Er ist also auf Hartz-IV nicht mehr angewiesen. "So sieht es in Deutschland aus", sagt Marion Holz: Ein jungerMann hat Glück, wenn er Invalide wird. Nachdenklich dreht sie die Teetasse in ihrer Hand, denkt kurz nach und sagt noch etwas. "Mich macht das traurig und wütend. Aber es gibt auch Kraft."

0000474200-11.jpg


Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt