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Outen an der Tafel: Info-Treffen zur Aktion "7 Wochen leben mit Hartz IV"

Hartz IV kann jeden treffen: "Ein Jahr arbeitslos - und schon sind Sie dabei"

Auetal/Rinteln. Einmal angenommen, Sie haben nach elf Monaten Arbeitslosigkeit Glück und stehen vor dem neuen Chef, der Ihnen sagt, jawoll, Sie sind genau mein Mann, Sie haben den Job, in 14 Tagen können Sie anfangen, aber es gibt da noch eine Kleinigkeit: Sie müssen zwei Wochen lang einen Computerkurs mitmachen, den Sie unbedingt brauchen - und der kostet 1000 Euro.

veröffentlicht am 19.02.2007 um 00:00 Uhr

Martin Barwich

Autor:

Frank Westermann

Was dann? "Dann", sagt Martin Barwich, "dann haben Sie Pech gehabt. Denn beim Job-Center bekommen Sie kein Geld für diese Maßnahme, sondern den Hinweis, dass es im nächsten Sommer einen ähnlichen dreimonatigen Kurs gibt, den Sie gerne belegen können. Aber der Job ist dann natürlich futsch." Barwich ist Sozialarbeiter bei der Diakonie Rinteln und kennt viele dieser Fälle. Da geht es meistens um viel weniger Geld, aber das Fazit aller Geschichten ist stets das gleiche: Die Job-Center sind nicht flexibel. "Wenn Sie morgen einen Job als Verkäufer bekommen könnten und brauchen ein neues Jackett, dann werden Sie beim Job-Center keinen Cent bekommen." Das sei früher, als Arbeitsamt und Sozialamt noch getrennt waren, deutlich einfacher gewesen: "In den Sozialämtern gab es immer Spielraum." Was er nicht sagt, aber was jeder versteht: Es war menschlicher. Hartz IV als Stigma? Ja, sagt Barwich, früher war es nicht so schlimm, wenn einer Arbeitslosenhilfe bekam, denn das konnte kaum einer richtig einordnen. "Aber bei Hartz IV weiß jeder sofort Bescheid." Und erzählt die Geschichte eines Rintelner Chorsängers, der in seinem Verein einen so heftigen Streit vom Zaun brach, dass er danach austrat. Wie sich später herausstellte, war der Streit gewollt - der Mann hatte Angst, finanziell nicht mehr mithalten zu können, da er jetzt Hartz IV erhielt. 345 Euro im Monat für einen Alleinstehenden, das sei zu wenig, ist Barwich sicher und verweist auf die Stellungnahmen der Wohlfahrtsverbände kurz vor Erlass des Gesetzes. Eine Woche hätten die Verbände damals Zeit gehabt, um Bedenken und Befürchtungen zum neuen Gesetz darzulegen, erzählt er, lange nicht genug. Und auch dieses Mal ist die Aussparung beredt genug: Dass Gesetze immer schneller mit der heißen Nadel zusammengeflickt und verabschiedet werden, ist eine Klage, die seit geraumer Zeit immer häufiger zu hören ist. Dass die Landeskirche in diesem Jahr ihre traditionelle Fasten-Aktion "Sieben Wochen ohne" durch den Aufruf ersetzt, sich doch einmal den gleichen Zeitraum mit den finanziellen Mitteln eines Hartz-IV-Empfängers durch das Leben zu schlagen, sei auch ein Zeichen und ein Akt der Solidarität, erläutert Barwich. Hartz IV sei mittlerweile in Vergessenheit geraten, die Menschen hätten akzeptiert, dass es dieses Gesetz gebe - und das war es dann auch. Dabei könne es jederzeit jeden treffen: "Ein Jahr arbeitslos - und Sie sind dabei." Später ist die Rede vom "Outen an der Tafel", und davon, dass der Mensch eine Würde besitzt, die nur schwer mit den wenigen Euro eines Hartz-IV-Empfängers zu vereinbaren ist. Ein gutes Dutzend Zuhörer hat sich im Rolfshäger Gemeindehaus eingefunden, einen Tag zuvor waren es in Rinteln nur eine Handvoll. Nicht alle wollen mitmachen, manche wollen sich nur informieren. "Rund 15 Anmeldungen" habe er insgesamt vorliegen, sagt Barwich. Das Interesse der Medien ist jedenfalls überraschend hoch: Sat.1 will kommen, RTL auch, der NDR sowieso, der evangelische Kirchenfunk, Radio Antenne - sie alle wollen berichten. Wer noch mitmachen möchte, sollte sich heute, spätestens aber morgen bei der Rintelner Diakonie in der Bäckerstraße 8 unter (05751) 96210 anmelden. Die Aktion beginnt am Mittwoch. In den Räumen der Diakonie findet am 1. März um 19 Uhr auch das erste Treffen der Mitmacher statt.

Drei Zigaretten, eine sechstel Rolle Klopapier und zwei Bananen:
  • Drei Zigaretten, eine sechstel Rolle Klopapier und zwei Bananen: Der "Hartz-IV-Korb" zeigt exemplarisch, was mit monatlich 345 Euro Arbeitslosengeld IIüberhaupt noch möglich ist. Foto: pr.


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