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Harte Zeiten für die „fliegenden Edelsteine“

Klirrende Kälte herrscht an diesem Wintermorgen. Dem Eisvogel, der schon eine ganze Weile auf dem aus der Uferböschung ragenden alten Ast sitzt, macht dies anscheinend nichts aus. Aufmerksam beobachtet er den unter ihm fließenden Bach, um dort nach kleinen Fischen Ausschau zu halten. Zwischendurch kontrolliert er aber auch immer wieder die Umgebung und den Himmel, damit er nicht plötzlich von einem Fressfeind wie dem Sperber überrascht wird.

veröffentlicht am 02.02.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.02.2010 um 12:32 Uhr

Mit gezielten Schlägen auf den Ast wird der erbeutete Fisch getö

Autor:

Michael Werk

Klirrende Kälte herrscht an diesem Wintermorgen. Dem Eisvogel, der schon eine ganze Weile auf dem aus der Uferböschung ragenden alten Ast sitzt, macht dies anscheinend nichts aus. Aufmerksam beobachtet er den unter ihm fließenden Bach, um dort nach kleinen Fischen Ausschau zu halten. Zwischendurch kontrolliert er aber auch immer wieder die Umgebung und den Himmel, damit er nicht plötzlich von einem Fressfeind wie dem Sperber überrascht wird. Dann – der Eisvogel hat gerade einen Schwarm Jungfische erspäht – kommt Bewegung ins Spiel: Der Vogel fixiert einen der Fische, spannt seinen Körper und stürzt sich plötzlich mit dem Schnabel voran ins Wasser. Ein lautes Platschen, und schon sitzt der Eisvogel wieder auf seiner Sitzwarte – einen zappelnden Fisch im Schnabel haltend. Gezielt schlägt der Eisvogel den Kopf seiner Beute mehrmals gegen den als Sitzwarte dienenden Ast, um den Fisch ins Jenseits zu befördern und ihn danach – mit dem Kopf voran – herunterzuschlingen.

Szenen wie diese sind in der Region nicht allzu häufig zu beobachten. Auf gerade mal 50 Brutpaare schätzt Thomas Brandt, Diplom-Biologe und ehrenamtlicher Geschäftsführer des Kreisverbands Schaumburg des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), die Anzahl der hier heimischen Eisvögel. Niedersachsenweit beziffere die Staatliche Vogelschutzwarte den Bestand gemäß der alle fünf Jahre herausgegebenen Roten Liste der gefährdeten Brutvögel dagegen mit lediglich rund 700 Paaren.

Ursächlich für das somit nur „mittelhäufige“ Vorkommen des Eisvogels ist in erster Linie die Vernichtung geeigneter Lebensräume, erklärt Brandt. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten etwa viele Fließgewässer begradigt und ausgebaut sowie deren Ufer befestigt. Zudem verschwanden zahlreiche stehende Kleingewässer. Zeitweise machte auch eine allgemeine Gewässerverschmutzung und „unsachgemäßer“ Fischbesatz den Tieren das Überleben schwer. Dies habe sich aber in dem vergangenen Jahrzehnt verbessert, so der Biologe.

achdem der Eisvogel einen Fisch anvisiert hat, setzt er zum Sturzflug in das Wasser an.

Als hoch spezialisierte Art sind Eisvögel jedoch auf das Vorhandensein naturbelassener Fließ- und Stillgewässer zwingend angewiesen, auch wenn sie bisweilen kurzzeitig sogar an naturfernen Gewässern beobachtet werden können. Denn nur hier finden die Vögel ausreichend viele kleine Fische – ihre Hauptnahrung – und den Speiseplan bisweilen ergänzende Kaulquappen und Wasserinsekten. Und nur in den Abbruchkanten dynamischer Bäche und Flüsse sowie Steilufern an Teichen und Seen können die Eisvögel die bis zu einem Meter langen Brutröhren graben, in denen sie ihren Nachwuchs aufziehen. Zwei Bruten mit im Schnitt jeweils sechs Jungen sind normal, drei Bruten kommen gelegentlich aber auch vor.

Weil sie vor allem kleine Fische erbeuten, waren Eisvögel noch bis in die siebziger Jahre, aber auch unmittelbar durch den Menschen bedroht: „Seitens der Fischereiwirtschaft wurden sie damals als Schädlinge angesehen und verfolgt“, berichtet der Nabu-Kreisgeschäftsführer. „Dabei frisst ein Eisvogel gerade mal fünf bis sechs Fische pro Tag, was ja nun wirklich nicht ins Gewicht fällt. Aber die Verhältnisse werden halt leider oftmals überschätzt.“ Zumal Eisvögel selbst an Fischzuchtanlagen nicht in Scharen auftreten, sondern die jeweiligen Paare mitunter kilometerlange Territorien besetzen, die sie energisch gegen andere Artgenossen verteidigen. Erfreulicherweise sind diese Zeiten menschlicher Unvernunft jedoch schon lange vorbei.

Aber auch sonst sieht es um die Zukunft der „fliegenden Edelsteine“, wie die Eisvögel nicht zuletzt auch aufgrund ihrer blau-türkis schillernden Gefiederfärbung im Volksmund genannt werden, wieder etwas besser aus: Beispielsweise hat der Landkreis Schaumburg in den vergangenen Jahren einige wirkungsvolle Naturschutzmaßnahmen durchgeführt, die auch dem Eisvogel zugutekommen, berichtet Brandt: „Die haben wirklich vorbildliche Sachen gemacht.“ So wurden etwa ein Teilstück der Bückeburger Aue bei Buchholz („da war der Bach vorher schnurgerade“) und drei Abschnitte in der Bückeburger Niederung renaturiert. Zudem wurden Wehre entfernt oder mit sogenannten Aufstieghilfen versehen, damit die Fische wieder bachaufwärts wandern können. Beide Bereiche sind dadurch aus Sicht des Biologen dermaßen aufgewertet worden, dass die Bückeburger Aue heute „eines der wertvollsten Fließgewässer im ganzen Landkreis Schaumburg“ sein dürfte.

Aktuell haben die Eisvögel – die mit ihrer speziellen Jagdtechnik eine Alleinstellung unter den in Deutschland heimischen Vögeln einnehmen – somit vor allem unter den klimatischen Bedingungen zu leiden. „Ein harter Winter fordert immer Opfer“, weiß der Naturschützer. Denn aufgrund der anhaltenden Minusgrade sind Teiche und andere stehende Gewässer schon seit Wochen zugefroren, sodass sie als Jagdrevier ausfallen.

Den Eisvögeln bleibt daher nur, in Regionen mit noch offenen Wasserstellen beziehungsweise an noch nicht zugefrorene Bäche und Flüsse abzuwandern. Finden sie allerdings zwei bis drei Tage lang keine Nahrung, wird es „kritisch“: Bestandserhebungen zufolge sterben in strengen Wintern mitunter mehr als 90 Prozent einer Eisvogel-Population, sagt Brandt. Inwieweit sich der Bestand dann wieder erholt, hängt insbesondere von der Qualität der vorhandenen Nahrungsreviere und dem Bruterfolg in dem auf den Winter folgenden Sommer ab.

Nachdem der Eisvogel einen Fisch anvisiert hat, setzt er zum Sturzflug in das Wasser an.

Einer der schönsten Vertreter der heimischen Vogelwelt ist der Eisvogel. Insbesondere der Verlust an geeigneten Lebensräumen hat jedoch auch diese Art auf die „Rote Liste der gefährdeten Brutvögel“ gebracht. Strenge Winter tun ihr übriges und gefährden den Bestand des Eisvogels jedes Mal aufs Neue. Doch während ein strenger Winter zu den Launen der Natur gehört, sind verschmutzte Gewässer hausgemacht.



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