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Als düstere Rattenfänger haben Brian Boyer und Claus Lindner bei der Sport-Gala ihren ersten Jubiläumsauftritt

Hamelns Pfeifer – ein Typ, der mit den Menschen spielte?

Verführer? Scharlatan? Gauner? Halunke? Auf jeden Fall: Ein geheimnisvoller Fremder, der aus dem Nichts auftauchte und im Nichts verschwand. Was für ein Typ war er – der Rattenfänger von Hameln? Darüber zerbrechen sich nicht nur Historiker den Kopf. Diese Frage rückt auch im Jubiläumsjahr in den Brennpunkt, wenn die dunkle Seite des Pfeifers beleuchtet und bedient wird: Als düstere Rattenfänger sind Brian Boyer (22) und Claus Lindner (47) im Einsatz.

veröffentlicht am 08.02.2009 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 14.10.2019 um 15:32 Uhr

Von Karin Rohr

„Er hat den Mut, zu tun, was er will!“

Ihr erster Auftritt: bei der Sport-Gala. In zwei von 14 Kostümen, die Studentinnen der Fachhochschule für Design in Hannover im Auftrag der Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT) eigens für die beiden entwarfen. Zwar hat die Jury noch nicht entschieden, welches der Kostüme das Rennen macht, aber schon die beiden dunklen Outfits, die Boyer und Lindner an diesem Abend tragen, sind Aufsehen erregend.

Beide haben keine Probleme, sich mit den dunklen Seiten des Rattenfängers zu identifizieren. „Ich komme aus Aachen“, erzählt Claus Lindner, „da wird immer ausladend Karneval gefeiert.“ Als er zum ersten Mal mit Hamelns buntem Rattenfänger konfrontiert wurde, habe er das wie einen „Karnevals-Auswuchs“ empfunden: „Zu glatt, zu bunt, nichts Mittelalterliches“, so sein Urteil. Der Pfeifer sei ihm wie „eine Puppe aus dem Kinderspielwarensortiment“ vorgekommen. Kein Wunder, dass er den dunklen Rattenfänger favorisiert: „Toll, dass man sich traut, den Rattenfänger auch einmal von seiner nicht nur sympathischen Seite zu zeigen“, meint Lindner.

Natürlich hat er sich Gedanken zum Rattenfänger gemacht: „Er ist ein Außenseiter, aber trotzdem gesellig“, glaubt Lindner. Ein Überlebenskünstler mit viel Charme und der Gabe, Leute mit seinem Flötenspiel zu betören. Er sei eine ambivalente Persönlichkeit, die sowohl einnehmend, als auch abstoßend sein kann. Was er an dem Pfeifer bewundert: „Dass er den Mut hat, zu tun, was er will!“

Seit seinem sechsten Lebensjahr setzt sich Brian Boyer mit dem Rattenfänger auseinander. Wie Claus Lindner findet auch er an der Figurproblematisch, dass sie in Hameln bisher immer nur als sehr ansprechend, bunt, nett und mit einem gewissen „Till-Eulenspiegel“--Effekt im Hinblick auf das Kostüm dargestellt worden sei. Die Vermarktung der Figur sei nicht darauf angelegt, dass man Angst vor ihr habe: „Sie ist bunt, hell und freundlich“, so Boyer. Die neue Seite, die jetzt gezeigt werde, beinhalte alle Facetten, die bisher verschwiegen wurden. Brian Boyers Hoffnung: „Dass im Jubiläumsjahr bei den Hamelnern der Wunsch aufkommt, sich noch einmal und intensiver mit der Figur zu befassen.“ Die Unberechenbarkeit dieses mysteriösen Mannes, der einst die Stadt von den Ratten befreite und – um seinen Lohn betrogen – aus Rache die Kinder entführte, ist für Boyer das Faszinierende an der Figur. Dabei sind sich beide Rattenfänger-Darsteller durchaus darüber bewusst, dass erst die Gebrüder Grimm die zwei Sagenstränge „Befreiung von der Rattenplage“ und „Auszug der Kinder“ zu einer Geschichte verwoben haben.

Eine Geschichte, die ihr Potenzial nicht zuletzt aus dieser Verdichtung schöpft. Hätte der Rattenfänger so radikal reagieren müssen, nachdem ihm der Lohn verweigert worden war? „Wenn jemand einen Fehler macht, sollte man ihm immer eine zweite Chance geben“, argumentiert

Boyer und findet: „Auch Hamelns Bürger hätten eine zweite Chance verdient gehabt.“ Stattdessen habe sich der Rattenfänger gleich böse gerächt. Für ihn ist der Pfeifer ein Typ, der mit den Leuten spielt, den man nicht einschätzen kann und dessen Maskerade niemand durchschaut: „Obwohl er letztlich erkannt und verstanden werden will“, meint Boyer: „Sein Gegenüber soll für sich selbst durch die Erfahrung mit ihm zur Lösung kommen.“

Eins ist sicher: Die Faszination von Hamelns Sagengestalt ist ungebrochen und bietet im Jubiläumsjahr so viel Diskussionsstoff wie selten zuvor. „Ein Teil des Tages ist die Nacht. Wenn man die abschneidet, fehlt etwas“, plädiert Lindner für die dunkle Seite des Pfeifers. Die zwei Gesichter dieser Figur, ihr „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Charme, machen die Auseinandersetzung besonders spannend, sind sich die beiden Darsteller einig. Für Boyer könnte der Rattenfänger sogar „noch eine Spur dunkler“ angelegt sein.

Ein reizvoller Archetypus

Ob das alles den Hamelnern gefällt? „Sie sollten sich gerade in diesem Jahr noch einmal offen zeigen für diese Archetypus-Figur“, wünschen sich Brian Boyer und Claus Lindner. „Geheimnis, Magie und Verführung“ lautet das Motto für das Jubiläumsjahr, das auch bei der Sport-Gala bedient wird. Wie ungemein reizvoll das sein kann, erleben die Ballgäste beim Einmarsch der Sportler zur mystischen Jubiläumsmusik. Und sie sehen zum ersten Mal Rattenfänger, die nicht zuletzt dank ihrer Kostüme das Klischee vom heiteren, bunten Pfeifer sprengen.

Verführer? Scharlatan? Gauner? Halunke? Hamelns Rattenfänger ist auf jeden Fall ein Typ, an dem man sich immer wieder aufs Neue reiben kann. Und das nicht nur im Jubiläumsjahr.



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