weather-image
17°

Gebackene Panzerplatten

Hamelner Pioniere: Emil Käsemann und seine Backprodukte

Emil Käsemann stammte aus einer angesehenen Bäckerfamilie, die sich ihren Erfolg hart erarbeitet hatte. Es war eigentlich selbstverständlich, dass auch er Bäckermeister wurde und nach dem Krieg in das Geschäft eintrat. Aufgrund des soliden Fundaments, das seine Eltern aufgebaut hatten, konnte Käsemann eigene Akzente setzen.

veröffentlicht am 15.12.2018 um 13:00 Uhr

Viele der Maschinen in der Backproduktion waren eigene Entwicklungen des Unternehmens. Foto: Museum

Autor:

Dr. Gesa Snell
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Schrittweise, aber zielstrebig modernisierte Emil Käsemann den Betrieb. Bald konzentrierte sich die eine Backstube auf Konditoreiware, die andere auf die Produktion von unterschiedlichen Brotsorten. Das Brot verkaufte der junge Chef nicht mehr nur in Hameln, sondern lieferte es auch an überregionale Lebensmittelhändler. Er erschloss sich damit neue Kundenkreise. In die gleiche Richtung zielte sein Engagement für eine neue Produktlinie, die er in den Räumen der Hefe- & Spritwerke aufbaute: Waffeln. Abnehmer waren Eishersteller, Großhändler und Hotels.

Der Bäckermeister war als lebenslustiger Mann und wacher Kopf bald sehr präsent in der Hamelner Stadtgesellschaft. Ab 1948 vertrat Käsemann die Deutsche Partei im Stadtrat – als bis dahin jüngster Ratsherr. Aber auch gewerbepolitische Ehrenämter übernahm er und kam dadurch in Kontakt mit überregionalen Netzwerken. Besonders interessant war für ihn die Mitgliedschaft im Vorstand der „Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung“ in Detmold. Dort lernte er Wissenschaftler kennen, die sich systematisch mit seinem Arbeitsfeld beschäftigten. Ein großer Vorteil in Zeiten, in denen das Bäckerhandwerk tiefgreifende Veränderungen erlebte.

Mathematisch sehr begabt und mit großem unternehmerischem Spürsinn ausgestattet, nutzte Käsemann die in Detmold gemachten Erfahrungen. Dabei ging er auch ganz neue Wege. Als zum Beispiel die Leiter einer geplanten deutschen Himalaja-Expedition nach einem Brot suchten, das lange haltbar, leicht verdaulich und trotzdem Energielieferant sein konnte, reichte er einen Vorschlag auf Basis einer Vollkornwaffel ein. Versehen mit einer Füllung der Hamelner Firma Vitam, überzeugte das Brot die Kletterexperten und kam mit auf die gefährliche Tour. Der Marketingeffekt dieses Coups war beträchtlich.

2 Bilder
Unternehmerischer Spürsinn: Emil Käsemann. Foto: Museum

Spätestens jetzt erkannte Käsemann die Marktlücke Dauerbrot, die sich jenseits der kleinen Weserstadt auftat. Nach dem Tod seines Vaters verpachtete er auch die letzten beiden Backstuben des Familienbetriebs und löste sich damit vollständig von der handwerklichen Fertigung und vom Hamelner Markt. Er setzte alles auf eine Karte: Die maschinelle Herstellung von Flachbrot.

Der gut vernetzte Bäckermeister hatte nämlich von einer Ausschreibung der Bundeswehr erfahren, die große Mengen Dauerbrot für die sogenannten Einmannpackungen (EPa) benötigte. Sie sollten den Soldaten während eines Manövers oder im Kriegs- bzw. Katastrophenfall als Tagesration dienen. Käsemann testete in den Räumen der Hefe- und Spritwerke verschiedene Verfahren, um die detaillierten Vorgaben der Bundeswehr erfüllen zu können. Es ging dabei um den Nährwert, die Haltbarkeit von mindestens 18 Monaten, die wasserdichte Verpackung und vieles andere mehr. Zuletzt bewarb er sich um den großen Auftrag und erhielt den Zuschlag für die Backwaren, die im Soldatenjargon Panzerplatten heißen.

Es war völlig klar, dass die Dauerbrotproduktion nicht mehr in den alten Räumlichkeiten der Waffelbäckerei abgewickelt werden konnte. Vielmehr musste ein neuer Betrieb aufgebaut werden – und Käsemann wurde endgültig vom Bäckermeister zum Unternehmer. Dieser große Schritt war sehr komplex und risikoreich. Deshalb bat Käsemann seinen ebenfalls zum Bäcker ausgebildeten Sohn Horst, gleichberechtigt in den neuen Betrieb mit einzusteigen. Dieser hatte sich nach seiner Ausbildung in Hamburg in vielen Bereichen fortgebildet und war ein erfahrener Techniker und Tüftler. Das war umso wichtiger, als Vater und Sohn Pioniere der industriellen Herstellung von Flachbrot waren. Viele der in Hameln eingesetzten Maschinen – Backautomaten, Fließbänder, eine Säge – waren daher eigene Entwicklungen, wie eine Fachzeitung später beeindruckt vermerkte. Eine geeignete Verpackungsmaschine fand Horst Käsemann erst in London. Die gesamte maschinelle Backanlage über zwei Etagen hatte „beinahe amerikanische Ausmaße“, wie die Bäckerzeitung festhielt.

Wo aber stand in Hameln eine so große Fläche für eine neue Fabrik zur Verfügung? Fündig wurden Vater und Sohn in der Pfortmühle. Die Wesermühlen benötigten längst nicht mehr die ganze Fläche des Gebäudes und traten drei Etagen an die neuen Unternehmer ab. Diese planten die Nutzung der Flächen möglichst effizient. In der ersten Etage wurde gebacken. Im zweiten Stock führte ein Verbindungsweg in das Lagerhaus, deshalb wurde hier verpackt. Im dritten Stock wurden später die Schokoladenabteilung und die zivile Fertigung angesiedelt.

Laufend wurde Personal für die Produktion eingestellt. Aber auch die Verwaltung wuchs stark und so wurde bald ein eigenes Betriebsbüro am Münsterkirchhof eingerichtet. Nach wenigen Monaten arbeiteten mehr als 170 Menschen in mehreren Schichten in der neuen Fabrik. Neben Bäckern waren das vor allem Frauen, die an den Bändern beschäftigt waren. Verarbeitet wurden rund 45 Tonnen Mehl täglich, das direkt von der Wesermühle bezogen wurde. Mehrere Mahlstühle stellten – quasi nebenan – ausschließlich das spezielle Gemisch für die Flachbrotproduktion her. Damit war die Fabrik nicht nur der größte Backbetrieb weit und breit, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Hameln.

Das von Käsemanns entwickelte Flachbrot war so innovativ, dass Fachzeitungen mehrfach darüber berichteten. Hervorgehoben wurde dabei seine biologische Säuerung, die „bisher nicht gekannte Rösche“ und sein „kurzer Abbiß“. Die Ansprüche der Bundeswehr an die Haltbarkeit des Brotes erfüllte die Hamelner Fabrik vor allem über die Reduktion der Feuchtigkeit. Der automatisch geknetete Teig wurde maschinell auf Stahlbackplatten aufgetragen. Diese schlossen sich wie bei einem Waffeleisen und buken den Teig unter hohem Druck in etwas mehr als vier Minuten durch. Sehr trocken ließ es sich gut maschinell zerschneiden und verpacken. Die Dewezet überschrieb ihren Bericht über das neue Brot nicht ohne Grund mit den Worten: „Sieht aus wie eine Sperrholzplatte.“

Mehrfach wurden die Produkte der Fabrik wegen ihrer hohen Qualität mit Preisen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ausgezeichnet. Das galt nicht nur für das Flachbrot, sondern auch für das Vollkornbrot in Dosen und vor allem für das zivile Produkt, das 1964 lanciert wurde: Crispetty. Das neuartige, dem Knäckebrot ähnliche Produkt, wurde als eigene Marke professionell auf dem Markt platziert.

Doch plötzlich riss die Erfolgssträhne ab. Ende 1964 geriet das Unternehmen ohne eigenes Zutun in eine schwere Krise. Der Bundeshaushalt des Folgejahres war politisch stark umstritten und wurde zunächst nicht genehmigt. Damit konnte die Bundeswehr auch keine Aufträge vergeben. Das Hamelner Unternehmen hatte auf einen Schlag kaum noch Arbeit. Der Seniorchef fuhr selbst nach Koblenz, um sich dort für seinen Betrieb starkzumachen. In der großen bundespolitischen Debatte spielte das Schicksal einer Hamelner Firma aber keine Rolle. Schnell wurde klar, dass die noch junge Firma mehrere Monate ohne nennenswerte Einnahmen überbrücken müsste.

Als Emil Käsemann dann im Februar 1965, erst 51-Jährig, plötzlich an einer Hirnblutung starb, bedeutete das gleichzeitig das Ende des Familienunternehmens. Verkauft wurde es an einen Mitbewerber, der später ebenfalls aufgeben musste. Er hatte die hohe Qualität des in Hameln hergestellten Flachbrotes nicht halten können – die Bundeswehr entzog ihm den Auftrag.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?