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In die Euphorie von einst mischt sich Kritik

Hamelner holen sich ein Stück Mauer

Hameln. Gibt es ein passenderes Symbol für den Fall der Mauer als ein Stück von ihr selbst? Wohl kaum. Das dachten sich offenbar die Hamelner, die 1990 nach Berlin fuhren, ein 2,7 Tonnen schweres und 3,60 Meter hohes Betonstück erwarben und von dem Gelände einer Speditionsfirma in Moabit abholten. Aufgestellt wurde es feierlich am – natürlich – Berliner Platz. Und zwar am 9. November 1990, genau ein Jahr nach Öffnung der Mauer. Übrigens mit Unterstützung der Briten.

veröffentlicht am 04.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.12.2014 um 16:21 Uhr

„Ein Stück Mauer – ein Stück Hoffnung“, war ein symbolträchtiges und aufwendiges Projekt, das den Hamelnern 18 000 Mark (9000 Euro) wert war. Die Aktion wurde ausschließlich über Spenden finanziert.

Die Initiative ging zurück auf die CDU-Ratsmitglieder Karla Langehein und Gerhard Paschwitz, Unterstützung kam von der Stadt und der Dewezet. „Ich fand es sehr merkwürdig, dass die Mauerstücke da einfach so zum Verkauf bereitstanden, der Preis richtete sich nach den Motiven“, erinnert sich Karla Langehein (78). Die Mauer war bekanntlich bunt mit Graffiti besprüht. Als gebürtige Berlinerin – sie war 1959 nach Hameln gekommen – ärgerte sie sich durchaus, dass mit der Mauer Geschäfte gemacht wurden. Dass sie selbst zu der Delegation gehörte, die ein großes Mauerstück mit nach Hameln brachte, was sie auf der anderen Seite auch gefreut habe, sei insofern widersprüchlich. „Noch schlimmer war allerdings, dass kleine, angebliche Mauerstücke eingeschweißt in Berlin verkauft wurden. Diese Geschäftsmacherei hat mich sehr verletzt“, berichtet sie. Wegen ihres persönlichen Bezugs habe sie ein ganzes Paket von Erinnerungen an die Zeit der Teilung, „und die Mauer ist ein Teil davon“.

An die Fahrt nach Berlin mit städtischem Tieflader und zwei Privatwagen zum Gelände der Le Lé Berlin Wall Verkaufs GmbH, die die Betonstücke an den Mann brachte, erinnert sich auch Gerd Buse, damals Abteilungsleiter für Grünflächenunterhaltung bei der Stadt Hameln. „Peter Metzger hatte damals über die Bäckerinnung Kuchen organisiert, den haben wir unterwegs gegessen“, so der 70-Jährige. Und seine Tochter, die damals zehn Jahre alt gewesen ist, kann sich daran erinnern, wie turbulent es damals zuging. Zur Einweihung des Mauerstücks in Hameln sollte sie ein Gedicht aufsagen. „Ich war ganz aufgeregt, wurde von der Schule abgeholt“, erinnert sich Katrin Buse (34), mittlerweile selbst Mutter. Auch als Zehnjährige habe sie gewusst, welch historisches Ereignis da alle derart in Euphorie versetzte: „Meine Eltern hatten mir erklärt, dass Deutschland geteilt war und dass es um Freiheit ging. Ich weiß noch, wie wir am Fernseher gestanden haben, das war beeindruckend und aufregend.“ Als Kind habe sie sich kaum vorstellen können, dass es in der DDR keine Bananen gab, erzählt Katrin Buse.

Persönlich vor Ort abgeholt hatten es im November 1990 (unten, von links) Jürgen Langehein, Gerd Buse, Gerhard Paschwitz, Peter Metzger und Ilona Nossek. Foto: Archiv (ube)

Euphorie sei es wohl gewesen, vermutet auch ihr Vater, die damals dazu geführt habe, ein Stück Mauer nach Hameln zu holen. Heute sieht er das etwas kritischer: „Was hat die eigentlich in Hameln zu suchen?“ Wie Karla Langehein habe ihn schon damals gestört, dass die Mauer in kleinen Stückchen verhökert wurde. Am Berliner Platz steht ein weiterer Gedenkstein zur „Deutschen Teilung“. Am 17. Juni 1960, sieben Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR, war in Hameln auf der Grünfläche des „Morgensterndreiecks“ dieser Stein eingeweiht worden. Wenige Wochen später, am 9. Juli, erhielt die Straßengabelung den Namen „Berliner Platz“.



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