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Hameln im 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Stadt Hameln ist lang, abwechslungsreich und hochspannend. Die Leiterin des Hamelner Stadtarchivs, Silke Schulte, hat die Geschichte von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert aufgeschrieben. Und uns erlaubt, sie hier abzudrucken. Teil 3: Autowerk, Hafen, Hamelner Ziegelwerk – es geht aufwärts in Hameln. Und schnell wieder abwärts. Zwei Kriege, die Nazis, Zerstörung, Flüchtlinge, Aufbau – alles das hat Hameln im 20. Jahrhundert erlebt.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 15:44 Uhr

Von Silke Schulte

Die wirtschaftliche Entwicklung Hamelns setzte sich auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts fort, sodass die Stadt 1907 ein geschlossenes Industriegebiet im Süden des alten Stadtkerns schuf. Bereits 1908 siedelten sich dort die Norddeutschen Automobilwerke an, die seit 1917 als Selve-Werke weitergeführt wurden.

Auch der benachbarte Hafen musste mehrfach vergrößert werden, Hameln war zu einem wichtigen Hauptumschlagplatz für die Weserschifffahrt geworden.

Im Ersten Weltkrieg wurde im Norden der Stadt ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, das bis 1921 bestand. Danach wurde es bis 1935 als Heimkehrerlager für Grenzlandvertriebene aus Ostpreußen und Auslandsdeutsche genutzt. Der damals angelegte Gefangenenfriedhof ist heute Bestandteil des Friedhofs Wehl.

1922 erfolgte die Eingemeindung der Dorfschaft Rohrsen nach Hameln, das ein Jahr später kreisfreie Stadt wurde. Die allgemeine Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre verschonte auch Hameln nicht: So mussten 1931 die Papierfabrik Wertheim und die Selve-Werke schließen. Auch die Stadt selbst geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten: Das erst 1927/28 errichtete städtische Klinkerwerk stellte 1931 unter erheblichen Verlusten seinen Betrieb ein. Die sogenannten „Klinkerschulden“ sollten die Stadt noch jahrelang belasten.

Bereits vor 1933 gelang es der NSDAP, stärkste Partei in Hameln zu werden. Nach dem 30. Januar 1933 setzte sie ihre Macht schnell auch in Hameln durch. Der Oberbürgermeister Dr. Otto Scharnow wurde bereits Ende April 1933 aus dem Amt gedrängt, weitere Mitglieder der Stadtverwaltung entlassen oder verhaftet. Schon im März 1933 nach den Kommunalwahlen, bei denen die NSDAP die absolute Mehrheit errang, begann die Drangsalierung Andersdenkender. Die Zeitung „Niedersächsische Volksstimme“ musste ihr Erscheinen einstellen, das Gewerkschaftshaus und die AOK wurden durchsucht, Verhaftungen vorgenommen. Am 1. April 1933 begann die Ausgrenzung der Juden mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, Rechtsanwälte und Ärzte. 1938 wurde die Synagoge an der Bürenstraße zerstört. An ihrer Stelle erinnert heute ein Mahnmal an die Verfolgung der Hamelner Juden, eine neue Synagoge wurde 1997 errichtet. In den Jahren 1933 bis 1937 wurde Hameln Teil der Propaganda-Maschinerie des Dritten Reiches. Mit den Reichserntedankfesten auf dem nahegelegenen Bückeberg erlebte die Stadt die Aufmärsche Hunderttausender.

Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges 1939 war Hameln auf dem Weg, sich zu einer Mittel- stadt zu entwickeln. Den Krieg überstand die Stadt recht glimpflich, wobei die empfindlichsten Verluste erst in den letzten Wochen des Krieges eintraten – unter anderem die Zerstörung des Rathauses.

Am 7. April 1945 wurde Hameln von den US-Amerikanern besetzt, denen die Engländer jedoch auf dem Fuße folgten. Als wichtigste Aufgabe stellte sich neben dem Wiederaufbau des städtischen Lebens die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen. Durch diesen Zustrom war die Bevölkerung Hamelns 1950 auf rund 51 000 angewachsen – 1939 waren es 32 000 Einwohner gewesen. Die meisten Vertriebenen stammten aus Schlesien; 1954 übernahm Hameln die Patenschaft für Kreis und Stadt Neumarkt/Schlesien. Wirtschaftlich ging es in Hameln nach 1945 relativ rasch wieder aufwärts, denn dank der vergleichsweise wenigen Zerstörungen siedelten sich viele Betriebe in Hameln an, die ihre ursprünglichen Standorte durch den Krieg verloren hatten. Dazu zählte zum Beispiel der heute größte Arbeitgeber in Hameln, das Beamtenheimstättenwerk (BHW), das heute zur Deutschen Bank gehört.



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