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Einblicke und Erinnerungen an die Schaumburger Zucker- und Zuckerschnaps-Produktion

Gutes Geschäft – schlechtes Geschäft

Zucker sparen, Grund verkehrt, der Körper braucht ihn, Zucker nährt“, lautete ein früher gern und oft unters Volk gebrachter Werbespruch der Hersteller. Heute weiß man es besser. Der sorglose Verzehr von (Fabrik-) Zucker gilt als eine der Hauptursachen für die Zunahme der modernen Zivilisationskrankheiten.

veröffentlicht am 18.10.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Ansehensverlust des süßen Lebens- und Genussmittels hat möglicherweise dazu beigetragen, dass auch die Geschichte der heimischen Zuckerherstellung immer mehr in Vergessenheit geraten ist. Dabei waren hierzulande einst zwei bedeutsame und industriegeschichtlich hochinteressante Produktionsstätten in Betrieb. Die Rede ist von den Zuckerfabriken Petzen (heute Ortsteil von Bückeburg) und (Hessisch) Oldendorf.

Die Anlage in Petzen war eine der ersten ihrer Art weltweit. Aus der Vorstellung, damit das große Geld zu verdienen, wurde jedoch nichts. Der Betrieb kam über ein drei Jahre andauerndes Versuchsstadium nicht hinaus und musste bereits 1814, also vor exakt 200 Jahren, wieder dichtgemacht werden.

Wesentlich erfolgreicher und langlebiger war die gut 50 Jahre später im heimischen Wesertal aus der Taufe gehobene „Aktien-Zuckerfabrik“ Hessisch Oldendorf. Die von wohlhabenden Bauern, Rittergutsbesitzern und Domänenpächtern der Region, darunter Rohde (Möllenbeck), Ribbentrop (Coverden) und Schmidt (Wietersheim), ins Leben gerufene Raffinerie konnte sich 90 Jahre lang gut am Markt behaupten und fiel erst dem gnadenlosen, nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden und bis heute anhaltenden Konzentrationsprozess in der Branche zum Opfer. Das endgültige Aus ereilte die zuletzt als „Hessen-Oldendorf“ operierende Firma vor genau 50 Jahren (1964).

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Heute ist von der einstigen Petzer Fabrikanlage nur noch der markante Schornstein übrig geblieben.

Beiden Betrieben war – über die sehr unterschiedlichen zeitlichen und technischen Rahmenbedingungen hinaus – eines gemeinsam: Ihr Wohl und Wehe war in besonderer Weise mit den politischen Entwicklungen Europas verknüpft.

Besonders gut nachvollziehbar ist das an der Anlage in Petzen. Sie soll deshalb an dieser Stelle etwas ausführlicher betrachtet werden. Das Schicksal der Firma „Hessen-Oldendorf“ in Hessisch Oldendorf bleibt einer späteren Feierabend-Folge vorbehalten.

Zucker (vom asiatisch-orientalischen „sarkara“ und/oder „sukar“ = süß) gehörte seit alters her zu den bekanntesten und begehrtesten Genussmitteln. Bis vor knapp 250 Jahren wurde das „weiße Gold“ ausschließlich aus Zuckerrohr gewonnen. In Europa soll es um 1200 in den Handel gekommen sein. Wann und wo das wohl mundende Konzentrat erstmals auf der Zunge eines Schaumburgers zerging, weiß man nicht. Sicher scheint zu sein, dass das Erlebnis einem Angehörigen der höheren Kreise vorbehalten war. Teure Köstlichkeiten dieser Art konnten sich nur hohe Adlige leisten. Normalsterbliche mussten ihre Speisen wie eh und je mit Honig süßen.

Das 18. Jahrhundert brachte eine Änderung der Konsumgewohnheiten. 1747 stellte der in Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf (1709-1782) fest, dass auch einige heimischen Pflanzen „Süßstoff“ enthielten. Am meisten davon entdeckte er in Runkelrüben. Etliche Jahre später fand Marggrafs Schüler und Nachfolger Franz Carl Achard (1753-1821) heraus, dass und wie man die süßen Kristalle aus der Feldfrucht heraussieden konnte. Nach diesen Plänen entstand Anfang der 1780er Jahre auf dem schlesischen Gut Kunern die erste Rübenzucker-Fabrik der Welt. Seine dort gewonnenen Erfahrungen stellte Achardin einem 1809 gedruckten Werk mit dem Titel „Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben“ vor.

Die Schrift soll schon bald dem jungen, kurz zuvor an die Macht gekommenen schaumburg-lippischen Landesherrn Georg Wilhelm in die Hand gekommen sein. Der als weitsichtiger und bislang erfolgreichster Unternehmer seines Hauses geltende Thronerbe war mehr als angetan. In der Tat klangen die Beschreibungen Achards äußerst vielversprechend: „Um aus den Runkelrüben den Zucker zu gewinnen, wird bloß der Saft derselben, welcher den Zucker im aufgelösten Zustande enthält, verarbeitet, und dieser liefert außer dem Rohzucker noch Rohsyrup oder Melasse“ heißt es in seiner Fabrikationsanleitung. Außerdem bleibe nach dem Abpressen des Safts „ein markiger Rückstand, der auf Branntwein, Rum, Essig, und endlich auf Viehfutter, oder bloß als Caffee-Surrogat, oder zur Ausfertigung eines Bieres, oder bloß zur (Vieh-) Mastung benutzt werden kann“. Durch die vielfältige Ertragsmöglichkeit würden die Kosten, „die man auf die Zuckerfabrikation verwenden muß, zum Teil und unter gewissen Umständen sogar ganz gedeckt“. 1811 gab der damals 27-jährige Schlossherr den Bau einer Zuckerfabrik nach den Achard’schen Plänen in Auftrag. Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen erschienen günstig. Dank der 1806 von Napoleon verfügten Kontinentalsperre war das Gros Europas vom Rohrzuckerimport abgeschnitten. Die Ersatzversorgung mittels Rübenzucker versprach ein glänzendes Geschäft.

Als Standort bot sich der einige Jahre zuvor von der Hofkammer aufgekaufte Hof Nr. 2 im nahe gelegenen Dorf Petzen an. Noch im Frühjahr 1811 wurden auf mehr als 80 Morgen Land rund um das Anwesen verschiedene Samensorten in die Erde gebracht. Laut Achard konnte aus dem Ernteertrag einer solchen Fläche mehr als 60 000 Pfund Zucker gewonnen werden.

Um sicherzugehen, wurden noch im Sommer des Jahres mehrere, zum Teil zuvor zwecks Absolvierung eines Schnellkurses nach Schlesien geschickte Spezialisten angeheuert, darunter ein Inspektor, ein Werkmeister, ein Siedemeister, ein Brennmeister sowie diverse Hilfsknechte.

Die anfängliche Euphorie verflog schnell. Zunächst traten vor allem technische und organisatorische Probleme auf. Die größtenteils bei heimischen Handwerkern in Auftrag gegebene Geräteausstattung, darunter Pressen, Röhren, Verdampfungsanlangen, Glasschalen und Steingutwaren entsprachen nicht den Anforderungen oder erwiesen sich als praxisuntauglich. Auch die Herstellung der Räumlichkeiten geriet in Verzug. Die Folge: Das Erstsaison-Ergebnis 1811/12 blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das beste Geschäft machte man mit den „Abfallprodukten“ Rum und Rübenbranntwein.

Um auch die Zuckerproduktion voranzubringen, setzte man auf Automatisierung der Produktionsabläufe. Zum Reinigen der Rüben wurde eine Art Waschmaschine angeschafft, dass Kleinhacken der Früchte übernahm ein mechanisches Mühlenwerk, und das Herausquetschen des Saftes erledigte fortan eine Reihe von Schraubenpressen.

Spätestens im Laufe des Frühjahrs 1813 wurde klar, dass das Vorhaben nie schwarze Zahlen schreiben würde. Zu allem „Unglück“ war mit dem Untergang der napoleonischen Armee auch die Blockadepolitik gegenüber England gescheitert. Als Folge schwemmte wieder preiswerter Import-Rohrzucker ins Land. Der ohnehin spärliche Absatz der gerade in Gang kommenden Rübenzuckerproduktion brach in sich zusammen. In den fünf Monaten von Dezember 1812 bis Mai 1813 hatte das fürstliche Unternehmen noch nicht einmal 20 Zentner absetzen können. Die Zuckersiederei wurde eingestellt. Die Hofkammer blieb auf einem Fehlinvestitionsbetrag von 514 000 Goldtalern sitzen. Die Summe wurde 1815 unter der Rubrik „extra-ordinarii“ abgeschrieben.

Einziger Lichtblick war und blieb die Alkoholproduktion. Allerdings soll der Petzer Runkelschnaps anfangs ein fürchterliches Gebräu gewesen sein. Da half es auch nicht, dass die Gasthäuser des Landes zur Zwangsabnahme verpflichtet wurden. Besser wurde es erst, als anstelle der Rüben Kartoffeln vergoren wurden und man zu guter Letzt komplett auf Getreide umstieg. Mehr noch: Im Laufe des folgenden (20.) Jahrhunderts wurde „Petzer Korn“ zu einem angesehenen und hochgelobten Markenbegriff.



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