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„Guten Morgen, ich heiße Fabienne“

Fabienne Kuper ist neun Jahre alt und besucht seit einigen Jahren die Hamelner Heinrich-Kielhorn-Schule, die Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung des Landkreises Hameln-Pyrmont. Zögerlich streckt sie mit großen offenen Augen Fremden die Hand entgegen: „Guten Morgen, ich heiße Fabienne und gehe in die dritte Klasse.“ Als wenn das kleine Mädchen feine Antennen für seine Umwelt hätte, zeigt sich nach der Begrüßung ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. „Und was willst du wissen?“, fragt sie. Mit am Tisch in einem Besprechungsraum der Schule sitzen ihr Vater, Thomas Kuper, und der Schulleiter Norbert Lichtenberg.

veröffentlicht am 11.08.2011 um 00:00 Uhr

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Die Erwachsenen lachen gemeinsam mit Fabienne über ihre Frage, dann erzählt sie, wie sie den Schulalltag erlebt, zählt die Namen ihrer Mitschüler auf, indem sie sie an den Händen abzählt. Rund ein halbes Dutzend Namen kommen über ihre Lippen. Mehr Kinder seien nicht in ihrer Klasse? „Nö, nur noch die Lehrerin und zwei andere Erwachsene.“ Lichtenberg erklärt: „In den Klassen kommt neben einer Lehrkraft grundsätzlich eine pädagogische Mitarbeiterin zum Einsatz. In Fabiennes Klasse gibt es darüber hinaus einen Schüler, der von einem Einzelfallhelfer begleitet wird.“ Und während der Schulleiter über die besonderen Vorgaben der Förderschule berichtet, macht sich in Windeseile Langeweile bei Fabienne breit. Sie wirkt abwesend und macht den Eindruck dem Gespräch nicht zu folgen, tippt mit dem Finger auf die kleinen Lichtspiegelungen, die durch eines der Fenster auf den Tisch fallen. Das Beste aber sei, dass sie in der Schule ihren Bruder Marvin jeden Tag sehe. „Der geht aber schon in die fünfte Klasse“, sagt sie und schwärmt von ihrem zwei Jahre älteren Bruder mit leuchtenden Augen.

Thomas Kuper erinnert sich noch gut, wie Fabiennes Beeinträchtigungen offenbar wurden. „Meine Tochter gilt als stark entwicklungsverzögert, gerade was die kognitive Leistungsfähigkeit betrifft.“ Anfänglich, das gibt er zu, habe er sich mit der Diagnose nicht arrangieren können und entgegen den Gutachten und Ratschlägen der Experten eine ganz eigene Meinung darüber gehabt, was das Beste für seine Tochter sei. „Fabienne hat den heilpädagogischen Kindergarten des Landkreises besucht, aber ich habe dann darauf gedrängt, dass sie einen integrativen Kindergarten besucht.“ So geschah es dann auch. Dass Fabiennes Leistungsfähigkeit als unterhalb des Durchschnitts bewertet wurde, dafür habe er noch Verständnis gehabt. Dass sie jedoch geistig behindert sei, das wollte der 39-Jährige viele Jahre partout nicht einfach so hinnehmen. „Ich habe für meine Tochter gekämpft. Ich habe immer den festen Glauben gehabt, dass es irgendwann zu einer Art Schub in ihrer Entwicklung kommt und deswegen auch alle zur Verfügung stehenden Mittel ausgenutzt, um zu verhindern, dass sie in die Kielhorn-Schule eingeschult wird.“

Tatsächlich hat sich der Vater seinerzeit gegen heftige Widerstände der Gutachter und Berater durchgesetzt und Fabienne an der Albert-Schweitzer-Schule, der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen eingeschult. Doch bereits nach der ersten Klasse wurde Kuper klar: Ich tue meiner Tochter keinen Gefallen.

Heute blickt er mit gemischten Gefühlen zurück auf diese Zeit des Kampfes. Aber verloren habe er den Kampf für seine Tochter nicht und schon gar nicht aufgegeben: „Meine Sichtweise hat sich, seit Fabienne hier zur Schule geht, aber drastisch geändert. Hier geht es ihr gut, und ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, dass eine zentnerschwere Last von ihren Schultern fällt.“ Richtiggehend froh sei er, dass mit der Kielhorn-Schule eine Einrichtung zur Verfügung steht, die ganz gezielt die Stärken seiner Tochter fördert und an den Schwächen arbeitet. Während ihr Vater spricht, vertreibt sich Fabienne die Zeit, indem sie den Schulleiter zu einem Spiel mit den Händen auffordert. Immer wieder blickt sie auf, schaut den Menschen tief in die Augen. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich in einem solchen Moment nicht selbst hinterfragt, nicht über die eigenen Vorbehalte geistiger Behinderung gegenüber ins Grübeln kommt.

Kuper, alleinerziehend und den Tagesablauf ganz auf das gemeinsame Leben mit seiner Tochter abstimmend, hat sich nicht erst seit den jüngsten in der Öffentlichkeit diskutierten Vorschlägen zur Inklusion Gedanken über genau dieses Thema gemacht. „Den Glauben an eine inklusive Gesellschaft habe ich derzeit, ehrlich gesagt, nur sehr bedingt. Obwohl ich mir natürlich wünschen würde, wir kämen genau dorthin.“ Allerdings hat der studierte Betriebswirt seine Zweifel, ob bei den aktuellen Vorgaben beispielsweise eine inklusive Beschulung überhaupt möglich ist. „Natürlich ist die Heinrich-Kielhorn-Schule eines dieser Sondersysteme, das die Väter und Mütter der Inklusion als reformbedürftig einstufen. Aber welche Alternative stünde den betroffenen Schülern zur Verfügung?“ Kuper spricht die Anzahl der Schüler pro Klasse an, die zusätzliche Betreuung durch pädagogische und medizinische Fachkräfte. Wenn Inklusion in der Schullandschaft ernsthaft betrieben werden sollte, dann müssten für alle Schulen die gleichen Bedingungen gelten, mit denen die Heinrich-Kielhorn-Schule aktuell arbeitet. Kuper lacht. Unvorstellbar sei das für ihn. „Und was ist mit den anderen Behinderten?“, fragt er und zeigt damit deutlich, dass er trotz seiner persönlichen Betroffenheit auch über den Tellerrand hinausschaut. Nein, unken wolle er nicht, aber die Zeit, die eine vollständige Inklusion bräuchte um in allen Teilen und Bereichen der Gesellschaft zu greifen, sei aus seiner Sicht so unvorstellbar lang, dass er vor allem hoffe, dass sich an den guten Bedingungen, die seiner Tochter heute geboten werden, nichts ändert. Fabienne folgt dem Gespräch mit unterdurchschnittlichem Interesse. Wie wohl jede Neunjährige, wenn Erwachsene ihre komplizierten Gespräche führen.

Kuper, für den die Bedürfnisse seiner Tochter eine Selbstverständlichkeit sind, reflektiert sich selbst heute durchaus kritisch: „Eigentlich ist ja ein Ursprungsgedanke der Inklusion, dass man einen Menschen ab seiner Geburt so nimmt, wie er ist. Aber als Vater – und das ist wohl bei vielen Eltern so – hat man auch Erwartungen. Ich denke, ich habe mittlerweile das richtige Maß an Erwartungen gefunden. Vor allem, weil ich mich voll und ganz auf Fabiennes Wünsche konzentriere.“

Eine enge Bindung habe er zu seiner Tochter, ein fast perfekt eingespieltes Team seien sie, beispielsweise am Morgen, wenn für den Vater der Arbeits- und die Tochter der Schulalltag beginnt. „Fabienne braucht morgens immer ein bisschen länger als ich, um in Tritt zu kommen. In der Zeit bereite ich dann das Frühstück vor. Manchmal helfe ich ihr beim Anziehen und Waschen, und dann bringe ich sie zu ihrem Taxi, das sie in die Schule bringt. Ich selbst fahre zeitgleich zur Arbeit.“ Just in dem Moment, als Kuper das Taxi und die Schule erwähnt, signalisiert Fabienne deutlich, dass sie am Ende ihrer Geduld ist: „Können wir jetzt das Foto machen?“, fragt sie und nimmt mal den einen, mal den anderen Erwachsenen bei der Hand, fast so, als wollte sie sicherstellen, dass auch alle mit in den Hof kommen, wo sie auf einem Schaukelgerät ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lässt.

In diesen Momenten genießt ihr Vater die unbeschwerte Leichtigkeit seiner Tochter. Sorgen um die Zukunft macht sich Kuper nicht – weder um sich noch um seine Tochter und auch nicht um ihr gemeinsames Leben. Mit Respekt allerdings blickt er schon jetzt auf die Pubertät seiner Tochter: „Gerade, weil wir ein so inniges Verhältnis haben, macht das eine partnerschaftliche Beziehung für mich zu einer Frau schon jetzt schwierig. Fabienne signalisiert mir, dass sie mich nur sehr ungern mit einem anderen Menschen zu teilen bereit ist.“

Aber daran und an vielen weiteren, für die kleine Familie wichtigen Faktoren arbeiten sie Hand in Hand. Inklusion beginne, so Kuper, im eigenen Umfeld. „Ziel sollte es meines Erachtens sein, den Menschen mit Behinderung ein selbstständiges Leben zu ermöglichen“, sagt er. „Wobei diese Selbstständigkeit immer auf Grundlage der persönlichen Ressourcen bemessen werden sollte. Nicht jeder muss alles können, aber jemand, der etwas kann, muss das auch dürfen.“

In einer schnelllebigen Welt haben kurze Erklärungen Hochkonjunktur: Als geistig behindert gilt, wer von einem andauernden Zustand unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten betroffen ist. In den Hintergrund treten so oft die Fähigkeiten dieser Menschen. In unserer Porträt-Reihe über Menschen mit Behinderung begegnen wir diesmal der neunjährigen Fabienne.



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