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...mitten in die Windräder / Lietzau: "Plump und unanständig"

Gutachter weiß, wohin das "Große Mausohr" fliegt

Rinteln. Es hat Ohren wie Fallschirme, kann rückwärts fliegen und hält den nationalen Rekord als größter flugtauglicher Säuger. Was die Stadt Rinteln noch mehr beeindruckt: Das "Große Mausohr" zählt Windräder zu seinen natürlichen Feinden. Im Kampf gegen die Mühlen setzt die Stadt deshalb auf einen neuen Hoffnungsträger.

veröffentlicht am 20.07.2006 um 00:00 Uhr

Autor:

Frank Werner

Die größte Fledermausart Deutschlands fliegt im Steinberger Kirchturm ein und aus und steht dort wie überall in der Republik unter Artenschutz. 2,6 und 2,8 Kilometer entfernt sollen bei Westendorf zwei Windräder gebaut werden. Eine Todesfalle für die Mausohren, warnt Gutachter Dr. Matthias Schreiberim Auftrag der Stadt. Die Windräder, argumentiert Schreiber gegenüber dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg, lägen mitten im "anzunehmenden Flugkorridor" zwischen der "Wochenstube" der Mausohrweibchen in Steinbergen und dem Nahrungsraum "Rinderweide" südlich der Weser. Womit die Anlagen nicht nur zwei FFH-Gebiete zerschneiden, sondern die Mausohren unmittelbar gefährden würden. Bei Untersuchungen in Süddeutschland seien zahlreiche tote Fledermäuse unter Windrädern gefunden worden, erinnert Schreiber. Zwar läge für Westendorf keine konkrete Gefahrenanalyse vor, allerdings sei "angesichts der möglichen Bedeutung des Raumes als Flugkorridor vorsorglich von einer Gefährdung auszugehen". Schreiber empfiehlt den Richtern, die seit geraumer Zeit die Zulässigkeit der Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil prüfen, in Westendorf keine Windräder zu genehmigen. Ganz im Sinne der Stadt, die neue Argumente gegen das Urteil so dringend benötigt wie die Mausohren ein rotorenfreies Flugfeld. Windkraft-Investor Matthias Lietzau räumt ein, es habe Fälle gegeben, in denen Fledermausarten ihr Jagdgebiet verlassen hätten, als sich dort kleinere Windräder zu drehen begannen. In Westendorf indes bestehe kein Anlass zur Flucht: Die Rotoren seien hoch genug, um die Bodenjäger passieren zu lassen. Falls sie den Mühlen überhaupt nahe kommen, was Lietzau bezweifelt. Der Flugkorridor sei willkürlich konstruiert, es sei "plump", eine einzige Flugbahn zu vermuten, die ausgerechnet die Windräder kreuze. Zumal die dargestellte Flugroute die "aller unsinnigste" sei, "da für die Fledertiere überall sonst der Wald viel näher läge". Der Investor wundert sich, warum die im Wald jagenden Tiere ihr Revier in Steinbergen verlassen sollten, um ausnahmslos zehn Kilometer und weiter entfernt zu jagen. Gegenüber dem Oberverwaltungsgericht beschwert sich Lietzau denn auch über die "Gefälligkeits-Stellungnahme des Käferkundlers und seit Jahren bekennenden Windenergiegegners Dr. Schreiber". Lietzau selbst bekennt sich zum Schutz der Fledertiere: "Ja, ich würde sogar auf den Bau der Windenergieanlageverzichten, wenn diese Tiere dadurch wirklich gefährdet wären!" Möglicherweise wird Lietzau aus einem anderen Grund auf den Bau verzichten: Durch die "unanständige Verzögerungstaktik" der Stadt sei die Wirtschaftlichkeit des Projektes "erfolgreich zerstört" worden, räumt der Unternehmer aus Hechthausen ein. "Doch zu welchem Preis?" Vielleicht erkaufe sich die Stadt den windradfreien Blick mit 1,2 Millionen Euro aus der Tasche des Steuerzahlers, sagt Lietzau. Auf diese Summe beziffert er den "Totalausfall" bei einem Bauverzicht. Die zweite Option: Er baut die Anlagen und verklagt die Stadt "nur" auf Erstattung der Differenz aus der gesunkenen Einspeisevergütung - rund 480 000 Euro. Alles unter der Voraussetzung: Das Oberverwaltungsgericht verwirft die Berufung. Die Stadt hingegen hofft, dass das Mausohr in Lüneburg zu neuen Einsichten führt und dem Investor einen Strich durch die Rechnung macht.

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