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Warum die Politiker nichts vom Zwitschern halten und den meisten im Internet das Profil fehlt

Gruscheln ist für die Kandidaten ein Fremdwort

Hameln. Am 27. September wählt Deutschland. An fast jeder Laterne im Weserbergland hängen die viel versprechenden Wahlplakate der Parteien, und auf den Marktplätzen suchen die Politiker den persönlichen Wähler-Kontakt. Händeschütteln und Werbetrommel rühren stehen auf der Tagesordnung. Weltweit immer wichtiger werdende Marktplätze allerdings nutzen die fünf heimischen Bundestagskandidaten kaum: die im Internet. Auf Portalen wie Facebook, StudiVZ oder Youtube tummeln sich Millionen Wähler, vor allem junge, und werden täglich mehrere Millionen Male angeklickt. Aber darauf, dass Jungwähler das sogenannte Gruscheln dem persönlichen Kontakt vorziehen, sind die Kandidaten noch nicht eingestellt.

veröffentlicht am 08.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.09.2009 um 13:33 Uhr

Zeichnung: Wendland

Autor:

Julian Mau

Als einzige hiesige Parteienvertreterin hätte Martina Tigges-Friedrichs (FDP) zumindest theoretisch die Möglichkeit zum „Gruscheln“, also zum Hallo-Sagen per Tastatur beim Netzwerk StudiVZ. Ihr Profil ist dort zu finden, das allerdings hat ihre 13-jährige Tochter für sie erstellt. Genutzt aber wird es nicht: „Ich bin noch nicht ganz angekommen, was das angeht“, sagt Tigges-Friedrichs. „Ich bin eher der kommunikative Mensch, der lieber ein Gesicht vor sich hat, wenn man miteinander spricht.“ Auch ihre Homepage ist eher traditionell gestaltet – ihr Internetauftritt entspricht dem gedruckten Flyer –, interaktive Elemente tauchen nicht auf. Tigges-Friedrichs verweist auf den überregionalen Internetauftritt der FDP: „Es ist ja schließlich ein Bundestagswahlkampf.“

Auf Jutta Krellmanns Seite (Die Linke), die ihr Bruder erstellt hat, bekommt der Internetnutzer ein bisschen mehr geboten, zum Beispiel „Jutta zum download“, also Fotos von der Kandidatin zum Herunterladen. Der gelernte Fernsehtechniker Dr. Marcus Schaper von den Grünen hat nicht auf Verwandte zurückgegriffen, sondern seine Seite selbst erstellt und pflegt sie „so gut es geht“. Ein Profil bei einem der genannten Netzwerke hat auch er nicht. „Ich kenne diese Portale und habe mir fest vorgenommen, sie auch zu nutzen.“ Die Zeit reiche bei ihm aber nur für den Dewezet-Blog, der den Kandidaten im Rahmen des Tippspiels „Mein Wahltipp 2009“ online zur Verfügung gestellt wurde. Marcus Schaper, Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) und Martina Tigges-Friedrichs nutzen dort die Möglichkeit, ihren Tag während des Wahlkampfes Revue passieren zu lassen. Angeschaut wurden die Blogs bereits über 20 000 Mal, also eigentlich ein guter Platz, um für sich zu werben. Jutta Krellmann hat nach eigener Aussage überhaupt keine Zeit, um dort etwas zu schreiben. „Wenn ich es mal schaffe, dann gerne“, stellt sie in Aussicht. Hans-Peter Thul (CDU) hingegen hat keinerlei Ambitionen, den Blog zu füllen: „Ich lasse mir nicht vorschreiben, wo ich etwas reinstelle. Außerdem finde ich, dass ein Blog zu wenig Platz bietet, um komplexe Themen ausreichend zu diskutieren.“ Er suche lieber das persönliche Gespräch. Und auf seiner Homepage gebe es auch genügend Informationen über ihn. Dafür, dass die auf dem Laufenden bleibt, sorgt eine Agentur. Fast täglich gebe es einen kleinen Bericht darüber, was er gemacht hat. Bei „thul.tv“ findet der User Videos von Reden und Thuls Arbeitsalltag in Berlin. „Eine Homepage ist für mich nur eine Ergänzung“, so Thul.

Auch auf Gabriele Lösekrug-Möllers Seite wird den Usern Vielfalt geboten: Videos, Podcasts, Links für Fotos bei Flickr und ein Internetblog. „Mir ist es wichtig, dass die Infos, die ich vermitteln möchte, frisch aufbereitet sind.“ Hinter ihrem Internetauftritt stecke aber, wie bei Thul auch, Manpower, die die anderen Kandidaten nicht haben. „Mein Team arbeitet pro Woche acht bis zehn Stunden an der Homepage“, so Lösekrug-Möller. Ein Profil bei StudiVZ oder Facebook hat aber auch die Sozialdemokratin nicht. Es liege an der fehlenden Zeit, sich „da reinzufuchsen“ oder die Nachrichten dort zu beantworten.

Beim jüngsten Instrument, das immer mehr junge Erwachsene für schnelle Nachrichten wählen, das sogenannte Twittern (zu deutsch Zwitschern; Senden kürzester Nachrichten im Internet), sind sich die Politiker bei aller Konkurrenz einig: Sie halten nicht viel davon. 140 Zeichen reichten einfach nicht aus, um politische Botschaften unterzubringen.



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