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Zu Hause bei der Landtagskandidatin der Grünen: Anja Piel / "Draußen-Mensch" mit Leidenschaft für Hund und Wasser

Grünes Aha-Erlebnis auf den Stufen des Kernkraftwerks

Fischbeck. Auf den Stufen vor dem Kernkraftwerk Würgassen hat Anja Piel eine Entscheidung fürs Leben getroffen. 15 Jahre war sie jung, auf Klassenfahrt mit ihrem Lübecker Gymnasium. Auf den Besuch hatte sich die junge Atomkraft-Gegnerin akribisch vorbereitet, Störfall um Störfall zusammengetragen. Ihre hartnäckigen Fragen wurden dem Pressesprecher irgendwann zu bunt - er setzte die Schülerin vor die Tür. Und dort draußen auf der Treppe wurde der 15-Jährigen klar: "Wenn ich irgendwann mal politisch arbeite, dann wird es gegen Kernkraft sein."

veröffentlicht am 11.01.2008 um 00:00 Uhr

Ein Leckerli für die Hunde: Übers Internet hat Anja Piel die dre

Autor:

Christiane Riewerts

Damals gab es die Grünen noch nicht, j edenfalls nicht als Partei. Aber: "Grün war irgendwie schon immer", sagt die 42-jährige Landtagskandidatin der Grünen für Rinteln, Hessisch Oldendorf und Hameln über ihre politische Entwicklung. In Lübeck, nicht weit weg vom Kernkraftwerk Brunsbüttel, war sie früh in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv, auch in der Schülervertretung machte sie mächtig Wind. Sehr zum Kummer ihres Vaters: "So viel, wie Du demonstrierst, wird aus Dir nie was", lamentierte der Papa oft halb ernsthaft, halb im Scherz. Heute wählt er, ein Leben lang Gewerkschafter und Betriebsrat, mit 74 Jahren selber grün. Ein bisschen stolz macht das die Tochter schon. Wer Familie Piel besucht, bekommt immer ein Stück Baustellen-Feeling mit. Vor vier Jahren haben Stefan und Anja Piel die alte Dorfschule in Fischbeck gekauft. "Zum Wohnen ist es hier ganz toll", schwärmt Anja Piel über den Altbau am Helmburgisplatz, "ich mag alte Häuser, Neubau ist nicht so meins." Aber hier gibt es auch immer was zu tun. Im Flur hängt noch der nackte Putz an den Wänden, den Ofen und das Badezimmer haben sich die Piels für dieses Jahr vorgenommen - "so wie es eben passt". Der frühere Klassenraum ist als Wohnzimmer zum Lebensmittelpunkt der Familie geworden. Von den hohen Fensterbänken lacht ein roter Filzelch in grünen Stiefelchen, die vielen flackernden Teelichter tauchen die gelb gestrichenen Wände in warmes Licht, goldene Messing-Sonnen halten die bodenlangen Vorhänge zusammen, auf der Kommode stehen noch Grußkarten von Weihnachten. Und im gemeinsamen Kuschelkörbchen horchen die Irische Windhündin Fee und der Manchester-Terrier Higgins auf, als Anja Piel von ihnen erzählt. "Fee habe ich übers Internet aus dem Tierheim geholt, Higgins war ein Scheidungskind." Auf dem Penny-Parkplatz in Rehren hat sich die Grüne in den Terrier verguckt - und seinetwegen die Mietwohnung in Segelhorst gekündigt und das Haus in Fischbeck gekauft. Von Lübeck nach Segelhorst war die Familie Piel Anfang der neunziger Jahre gezogen, als Stefan Piel beruflich ins Weserbergland wechselte. Hier engagierte sich Anja Piel trotz zweier kleiner Kinder schnell ehrenamtlich, baute das Mütterzentrum Hameln mit auf. Und sie näherte sich wieder dem Journalismus an, wurde freie Mitarbeiterin zunächst bei Radio Aktiv, dann jahrelang bei der Hamelner Dewezet. Schon für die Jugendredaktion der Lübecker Nachrichten hatte Piel in jungen Jahren Konzertberichte geschrieben. Nach dem Abi lehnte sie nach einigem Zögern eine Stelle als "feste Freie" bei RadioSchleswig-Holstein ab - und entschied sich stattdessen für die sicherer scheinende Ausbildung zur Industriekauffrau in einem Fotogroßlabor. "Da habe ich gekniffen, das würde ich heute anders machen." Eine Entscheidung aber würde Anja Piel wieder genau so treffen - relativ früh Kinder zu bekommen. Zu Tochter Nina (17) und Sohn Nicolai (15), die beide das Schiller-Gymnasium in Hameln besuchen, hat sie einen guten Draht. "Wir reden auf einer Ebene, quatschen ganz viel, gehen zusammen ins Kino." Und nicht zuletzt die grüne Leidenschaft hat die Mutter auf die Tochter weitergegeben: Auch Nina engagierte sich schon in jungen Jahren als Sprecherin bei der Grünen Jugend Niedersachsen. Seit gut zehn Jahren ist Anja Piel bei den Grünen aktiv. Und in ihrer Partei zu Hause. "Ich finde Fahrradfahren besser als Autos, Nahurlaub besser als Fernreisen, gesunde Ernährung ist mir wichtig und eine vernünftige Familienpolitik - das passt." Liebevoll spricht sie von "Grüns", wenn sie ihre Partei meint, erwähnt Gespräche mit "dem Jürgen", kennt "Ströbi" persönlich, berichtet von "Büti", mag "Uschi" sehr gerne. Sie ist Kreisvorsitzende der Hameln-Pyrmonter Grünen, seit 2007 auch stellvertretende Landesvorsitzende, außerdem Vize-Ortsbürgermeisterin in Fischbeck. Dass es jetzt so richtig losgeht mit Ständen und Podiumsdiskussionen, findet sie als bekennender "Wahlkampffreak" gut. "Irgendwie bin ich immer politisch." In ihrer Freizeit genießt sie lange Spaziergänge mit Fee und Higgins. "Mit Hunden ist man im Weserbergland irgendwie immer im Urlaub", sagt Anja Piel, "ich bin ein echter Draußen-Mensch." Was der gebürtigen Lübeckerin fehlt, ist allein die Küste. Ein kleines Motorboot haben die Piels, so oft wie möglich geht es damit raus aufs Wasser. Fürs Segeln fehlt die Zeit. "Ein Traum für die Rente." Im Sommer hält Anja Piel gerne einen Plausch mit den vielen Radfahrern, die über den Weserradweg nach Fischbeck kommen und das Stift besuchen. Über diese Begegnungen mit umweltbewussten Radlern freut sich die Grüne: "Es gibt ganz viele Leute mit grünem Bewusstsein." Manchmal können an einer Gartenpforte in Fischbeck vielleicht ganz ähnliche Wege geebnet werden wie vor dem Kernkraftwerk in Würgassen.

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