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… erwärmen die Herzen nicht nur zur Weihnachtszeit: Die Geschichte der Kerze und ihrer Herstellung

Goldene Lichtlein

Trotz glitzernder Lichterketten, gleißender Neon-Leuchten und strahlender LED-Fluter – ohne Kerzen geht es nicht. Ihr warmes Leuchten begleitet – wie kein anderes Symbol – seit je her den Lebensweg der Menschen. Es vermittelt Glaube, Liebe und Hoffnung und schafft es, Angehörige unterschiedlichster Religionen und Hautfarbe zu vereinen. Und am Fernsehschirm kann man miterleben, wie das sanfte, flackernde Leuchten verzweifelte, durch Katastrophen und Attentate geschockte Herzen bewegt. „Die ganze Dunkelheit der Welt reicht nicht aus, das Licht einer einzigen Kerze zu löschen“, hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner Weihnachtsansprache 1998 gesagt.

veröffentlicht am 20.12.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Besonders deutlich wird die Strahlkraft der kleinen Flamme auch in der Weihnachtszeit. Gläubige Christen verbinden damit die Hoffnung auf göttlichen Beistand und ewiges Leben. Anderen gilt das Kerzenlicht als romantisches Beiwerk in einer von Hektik und Leere geprägten Zeit.

Das war bis vor hundert Jahren noch anders. Für unsere Altvorderen waren Kerzen kein Gemütsaufheller, sondern ein lebensnotwendiger Gebrauchsgegenstand. Ohne sie wäre man nur schwer durch die „dunkle Jahreszeit“ gekommen. Die Bedeutung der „Wintermonde“ ist heute kaum nachvollziehbar. Die Nächte wurden länger und länger. Tagsüber sorgten Wolken und Nebel für trüb-tristes Grau. Die Konturen der Berge, Bäume und Häuser verschwammen. Die Wahrnehmung war auf die unmittelbare Umgebung beschränkt. Die Menschen zogen sich an ihre häusliche Koch- und Feuerstelle zurück. Das war der einzige Platz, an dem man noch etwas sehen konnte. Als Lichtquelle diente den hierzulande lebenden Leuten der „Kienspan“ – ein dünnes, harziges Holzscheit aus Kiefer. Es verbrannte schnell und musste immer wieder ersetzt werden. Herstellung, Vorratshaltung und Nachschub waren ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsalltags.

Um den Kienspan zum Brennen zu bringen, musste zunächst einmal eine Flamme her. Das Anzünden war bis zur Erfindung des Streichholzes nicht einfach. Bis in die Neuzeit hinein benutzte man hierzulande einen „Oseltarwen“ (von „oseln“ = glimmen oder kohlen). Das war ein rechteckiger, in zwei Fächer unterteilter Holzkasten. Auf der einen Seite wurden Stahl und Feuerstein, auf der anderen ein alter Leinwandlappen aufbewahrt. Der durch das Aufeinanderschlagen von Stahl und Feuerstein erzeugte Funke fiel auf den Stoff und brachte ihn zum Glimmen. Durch Hin- und Herschwenken entzündete sich, wenn man Glück hatte, eine Flamme.

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Viel besser klappte es mit dem seit Anfang des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen „Zündholz“. Das war anfangs ein selbstgefertigter, mit Schwefel und/oder Phosphor überzogener Holzstift. Da jedoch der Gebrauch hochgiftig und brandgefährlich war, wurde diese Art des Ansteckens vor gut 100 Jahren verboten. Seitdem sind hierzulande nur noch die schwedischen (Sicherheits-) Zündhölzer in Gebrauch.

Neben dem Kienspan waren – als zweite Lichtquelle – seit alters her auch Kerzen in Gebrauch. Das „Hellmachen“ mittels Docht und Öl oder Fett soll schon 600 Jahre vor Christi Geburt erfunden worden sein. Die Herstellungsmethode ist im Kern unverändert geblieben. Hierzulande wurde „gestippt“. Ein geflochtener Baumwollfaden wurde so lange in die erhitzte Talgmasse eingetaucht, bis genug davon am Faden haften geblieben war. Danach wurde der Stiel geglättet und in Form gebracht. In mittelalterlichen Überlieferungen ist von „Stippkerzen“ die Rede. In anderen Gegenden wurden die Kerzen gepresst, gegossen, gezogen oder getaucht. Die zum Teil zunftmäßig organisierten Spezialisten waren als „Kerzengießer“, „Kerzenzieher“, „Lichtermacher“, „Lichterzieher“ und/oder als „Wachszieher“ bekannt.Auch die Zusammensetzung der verwendeten Talgmasse war von Region zu Region verschieden. Hierzulande bevorzugte man Rinder- oder Hammelfett. Die daraus produzierten Kerzen (vom lat. „charta“ oder „candela“) sollen fürchterlich gequalmt und gestunken haben.

Bei der Suche nach atem- und augenfreundlicheren Lösungen kam im Laufe des Mittelalters als Stippmasse Bienenwachs in Mode. Die zunehmende Nachfrage führte dazu, dass sich das Imkereiprodukt lange Zeit nur reiche Adlige leisten konnten. Nicht wenige Bienenhalter nutzten die Chance, um sich nebenher als Wachskerzenhersteller und -händler („Lebzelter“) eine goldene Nase zu verdienen. Fein raus waren auch die Kirchenoberen. In den meisten Klöstern und Stiften wurde traditionell Bienenzucht betrieben.

Einen entscheidenden Durchbruch in Richtung rauch- und rußfreier Kerzengenuss brachte die Entdeckung und Verwendung von Paraffin und Stearin Anfang des 19. Jahrhunderts. Beide Rohstoffe bilden auch heute noch, neben Bienenwachs, die Grundlage der modernen Kerzenproduktion.

Wann, wo und von wem die erste Kerze im Schaumburger Land angesteckt wurde, ist nicht bekannt. Die überlieferten Nachrichten darüber sind – wie oft bei Dingen, die den Lebensalltag der kleinen Leute betreffen – äußerst spärlich. Die ersten landesherrlichen Verordnungen zielten auf den „übermäßigen Verbrauch“ von Kerzen bei Beerdigungen und anderen Familienfeiern ab. Die Untertanen sollten damit sparsam umgehen, war des Öfteren aus der schaumburg-lippischen Residenz Bückeburg und/oder vom kurfürstlichen Regierungssitz Kassel zu hören.

Sicher scheint, dass das Gros der in der hiesigen Region angezündeten Lichter bis Anfang des vorigen Jahrhunderts aus hauseigener Produktion stammte. In etlichen Familien waren spezielle Lichtergießformen in Gebrauch. Das waren Röhren aus Blech oder Glas, mittels derer gleichförmige Kerzen hergestellt werden konnten. Erst vor gut hundert Jahren begannen unsere Altvorderen, ihre Kerzen fix und fertig beim örtlichen Krämer zu kaufen.

Eine professionelle Kerzenfabrik hat es, soweit bekannt, nur in Rinteln gegeben. Als Betreiber wird in den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Unterlagen ein gewisser Adolf Hausmann genannt. Aktenkundig geworden ist das Unternehmen vor allem deshalb, weil Hausmann seine Arbeiterinnen und Arbeiter regelmäßig zu strenger Geheimhaltung und Verschwiegenheit verpflichtete. Die zeitweise mehr als 30 Männer und Frauen mussten im Beisein eines Vertreters des Justizamts erklären, dass sie niemals und niemandem die Zusammensetzung der von ihnen zusammengemixten Wachsmischung verraten würden. Bei Zuwiderhandlung drohten saftige Strafen.

Stimmungsvolle Verführungsszene, auf Leinwand gebannt von dem aus Brabant stammenden Künstler Godfried Schalcken (1643-1706).

Studium bei Kerzenschein, Gemälde des niederländischen Malers Matthias Stomer (etwa 1600-1652).



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