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"Rintelner Lesefreunde" präsentieren einen ganz speziellen Lebenslauf des deutschen Dichterfürsten

"Goethe war doch ein ziemliches Scheusal!"

Rinteln (cok). "Goethe war doch ein ziemliches Scheusal!" das sagte eine Zuhörerin mit Nachdruck in der Pause eines sehr anregenden Abends der "Rintelner Lesefreunde", die am vergangenen Freitag in die Stadtbibliothek zu einem Themenabends "Goethe und Liebe" einluden.

veröffentlicht am 14.11.2007 um 00:00 Uhr

Inzwischen ein bewährtes Team: Die "Rintelner Lesefreunde" besch

Gewiss nicht alle Zuhörer der ausverkauften Veranstaltung bekamen nach der Lesung von Gedichten, die in der Lebens- oder besser fast Liebensgeschichte des Johann Wolfgang von Goethe entstanden, den Eindruck, er sei ein "Scheusal", auch wenn eines sehr deutlich wurde: Bei aller Weltzugewandtheit und Menschen-Aufgeschlossenheit war der Dichter ein Egozentriker, der konsequent seinen eigenen Weg verfolgte, manchmal auch recht rücksichtslos über gebrochene Herzen hinweg. Die sieben "Lesefreunde" Marianne Sievert, Helga Frevert, Silke Jonasson, Ursula Behnert, Miriam Fiedler-Steffen, Dr. Ulrich Krause und Paul-Egon Mense, die schon viele Leseabende in der Stadtbibliothek organisiert haben, sie verfassten in gemeinsamer Arbeit einen Goethe-Lebenslauf unter dem Motto: "Liebesqual verschmäht mein Herz...", den sie abwechselnd vorlasen, wobei sie solche Gedichte einwoben, die er während oder nach bedeutsamen Liebesbeziehungen schrieb. Bezeichnend sowohl für den jungen als auch für den alten Goethe war, dass er sich mit großer Leidenschaft und Rückhaltlosigkeit in seine Beziehungen stürzte, die er dann aber auch ebenso rücksichtslos abbrach, manchmal, ohne vorher überhaupt mit der betroffenen Frau über eine Trennung zu sprechen. Seine erste große Liebe, die süße Wirtstochter Friederike Brillion, der unter anderem das Lied vom "Heideröslein" gewidmet ist (Knabe sprach: "ich breche dich,Röslein auf der Heiden"/ Röslein sprach "ich steche dich"), sie hat es nie verwunden, als er zu dem Schluss kam, sie passe nicht in seine aufstrebende Zukunft. Er wollte sich nicht binden an die durchaus selbstbewussten Frauen, die ihn anzogen. So waren seine Lieben entweder bereits vergeben, wie Charlotte Buff, Vorbild der Lotte aus "Die Leiden des jungen Werther" oder die großartige, einige Jahre ältere und verheiratete Charlotte von Stein, der er 1 700 Briefe schrieb, oder er löste in letzter Minute eine Verlobung, wie die zur Bürgerstochter Lilly Schönemann: "Liebe, Liebe, lass mich los!", heißt es in einem Gedicht aus der Zeit. Doch in so dramatische Konflikte diese Beziehungen auch mündeten, ganz und gar eindrucksvoll kam an dem Leseabend auch im weiteren Verlauf herüber, wie großmütig der Dichter seine Gefühle bewahren konnte, wie wenig er dazu neigte, im Nachhinein die geliebten Frauen etwa herabzusetzen oder die gegenseitige Liebe zu entwerten. Dadurch konnte Goethe doch als ausgesprochen positiver Mensch wirken, mit einer vielleicht beschränkten, aber sehr eindrucksvollen Liebesfähigkeit, ohne die seine Gedichte nicht auch heute noch die Menschen bewegen. Schließlich heiratete er ja doch, Christiane Vulpius, die ganz und gar nicht standesgemäße Mutter seines Sohnes August, die fast 20 Jahre lang seine geduldige und hingebungsvolle Geliebte war. Auch sie eine starke Frau, die den egozentrischen Mann durchaus zu nehmen wusste und das Glück hatte, nicht mehr von ihm zu erwarten, als er geben konnte. Ihr gilt das Gedicht "Gefunden", über im Wald absichtslos gefundenes und mit allen Wurzeln ausgegrabenes Blümlein: "Ich pflanzt es wieder/ Am kühlen Ort/ Nun zweigt und blüht es/ Mir immer fort." Wie ungeheuer wichtig ihm immer die Inspiration durch die Liebe gewesen war, das beweist die letzte Liebe desüber 70-jährigen zur 17-jährigen Ulrike von Levetzow, der er sogar einen Heiratsantrag zu machen wagte (der wurde aber abgelehnt). Ihr sind die melancholischen "Marienbader Elegien" zu verdanken. Die "Lesefreunde" erhielten zu Recht den größten Applaus für ihr Unterfangen, einen wieder etwas neuen Blick auf den großen Dichter zu werfen. Vor allem Paul-Egon Mense und Silke Jonasson lasen mit viel Humor. "In die Jonasson, in die hätte sich Goethe wohl auch verlieben können", meinte ein Gast beim Hinausgehen. Wer weiß, ob die Vorleserin das ohne gebrochenes Herz überstanden hätte. Aber ein schönes Gedicht, das wäre ganz sicher dabei herausgekommen.



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