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RAF: Gespräch mit Friedrich von Oertzen / Früher Haftrichter in Stuttgart-Stammheim

"Gnade für Klar würde mich sehr enttäuschen"

Bückeburg. Friedrich von Oertzen, Präsident des Bückeburger Landgerichts, war zwischen 1976 und 1979 Haftrichter in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, wo RAF-Terroristen einsaßen. Von Brigitte Mohnhaupt hat der Jurist heute "kein Bild mehr", Christian Klar lernte er in Anhörungen kennen. "Das war ein unnahbarer Typ, der in totaler Ablehnung zu einem System stand, von dem ich ein Teil war", erinnert sich der Präsident. Mit dem Zeitzeugen Friedrich von Oertzen (63) sprach Stefan Lyrath.

veröffentlicht am 17.02.2007 um 00:00 Uhr

Zeitzeuge: Friedrich von Oertzen, Präsident des Bückeburger Land

Herr von Oertzen, haben Sie von RAF-Terroristen in Stammheim je ein Wort der Reue gehört? Nein. Das wäre ihnen wesensfremd gewesen. Was heißt das? Die RAF interessierte nur der bewaffnete Kampf gegen das von ihnen so genannte Schweinesystem. Bis heute glaube ich bei den meisten der früheren Terroristen nicht an Einsicht, dass dies falsch war. Brigitte Mohnhaupt kommt bald frei. Ist das vertretbar? Es ist in Ordnung, weil der Rechtsstaat das so will. Aber ich habe keine positive Einstellung gegenüber diesen Leuten. Christian Klar hat ein Gnadengesuch gestellt. Hat er wirklich Gnade verdient? Gnade für Klar würde mich sehr enttäuschen. Einsicht wird er kaum haben. Wurden RAF-Terroristen wie alle anderen Häftlinge behandelt? Nein, sie waren Gefangene mit Privilegien. Damals hieß es, sie seien im Gegenteil schlechter behandelt worden. Stichwort "Isolationsfolter". Dummes Zeug. Die Haftbedingungen waren sogar eher milde. Der 6. Stock war eine geschlossene Etage. Täglich gab es Umschluss, die RAF-Leute konnten sich gegenseitig besuchen. In welcher JVA gab und gibt es sonst gemischt-geschlechtlichen Umschluss? Aber von den "normalen" Gefangenen waren die Terroristen getrennt. Ja, aber auch zu ihrem eigenen Schutz. Die anderen Häftlinge hatten einen Mordshass. Von den extremen Sicherheitsmaßnahmen waren schließlich alle betroffen. Noch ein Beispiel: Nach einem Hungerstreik, durch den die ganze JVA in Aufruhr geriet, bekamen die Terroristen Steaks verschrieben. Sie machten daraufhin Mitteilung, dass sie das Fleisch gernetwas zarter hätten. Die Mitgefangenen bekamen bloß Spätzle mit Soße. Bis heute hält sich das Gerücht, nach der gescheiterten Entführung der Lufthansa-Boeing "Landshut" 1977 in Mogadischu seien Terroristen in ihren Zellen ermordet worden. Ausgeschlossen. Ich kannte das Bewachungspersonal gut. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe lagen erschossen in ihren Zellen. Wie kamen die Waffen ins Gefängnis? Aus meiner Sicht gibt es nur eine Möglichkeit: Verteidiger haben die Waffen zum Gerichtstermin mitgebracht, versteckt in Aktenordnern. Ulrike Meinhof hatte sich bereits 1976 erhängt. Warum war sie zuvor von der Gruppe ausgeschlossen worden. Ulrike Meinhof hat das wohl zu intellektuell gesehen. Ihr Ziel war nicht allein der gnadenlose Kampf.

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