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„Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme!“ – Der Weimarer Flaggenstreit in Schaumburg

Glaubenskrieg um die „richtigen“ Farben

Hie Schwarz-Weiß-Rot, hie Schwarz-Rot-Gold!“ beschrieb die hiesige Landes-Zeitung den Parteienstreit vor den am 7. Dezember 1924 anstehenden Reichstagswahlen. „Immer stärker, immer mächtiger tritt die Flaggenfrage in den Vordergrund“.

veröffentlicht am 26.01.2013 um 00:00 Uhr

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Das war nicht übertrieben – im Gegenteil. Die seit dem schmachvollen Ausgang des Ersten Weltkriegs tobende politische Auseinandersetzung zwischen links und rechts wurde zunehmend als Glaubenskrieg um die „richtige“ Reichsflagge ausgetragen. „Sozialdemokratie und Demokraten schlagen ihre Wahlschlacht unter dem neuen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Volkspartei, Völkische und Deutschnationale kämpfen unter der ruhmreichen alten Flagge Schwarz-Weiß-Rot“, beschrieb die Landes-Zeitung die Farbenfront. Beide Lager beriefen sich auf besonders schicksalsträchtige, historische Ereignisse. Anknüpfungspunkt der Sozialdemokraten und Linksliberalen war der erste deutsche Demokratieversuch 1848/49. „Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme!“, hatte Zeitzeuge und Lyriker Ferdinand Freiligrath (1810-1876) die Farben der „Vormärz“-Revolutionäre in seiner Ode „Die Freiheit ist die Republik!“ gefeiert. Ganz anders die kaisertreuen und von der politischen Entwicklung zutiefst enttäuschten Deutschnationalen (DNVP). Für sie kam nur das 1871 nach dem Sieg gegen Erzfeind Frankreich auf den Schild gehobene Schwarz-Weiß-Rot in Frage. Mit hehrem Pathos und heftigen Schuldzuweisungen (Dolchstoßlegende) zog man gegen die 1919 von der Reichtagsmehrheit beschlossene Flaggen-Regelung zu Felde: „Die Reichsfarben sind Schwarz-Rot-Gold, die Handelsflagge ist Schwarz-Weiß-Rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke“.

Nach Meinung der meisten Geschichtsforscher hat der quälend endlose „Flaggenstreit“ entscheidend zum Niedergang der Weimarer Republik und zum Aufstieg und zur Machtübernahme Hitlers und seiner NSDAP beigetragen. Besonders heftig ging es zu, wenn Stahlhelm und Reichsbanner aneinandergerieten. Der 1918 gegründete „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ galt als bewaffneter Arm der DNVP. Das von der SPD gesteuerte Rollkommando „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund deutscher Kriegsteilnehmer und Republikaner“ war 1923/24 als eine Art republikanische Gegenwehr aus der Taufe gehoben worden. Beide Gruppen prügelten – auch in der hiesigen Region – regelmäßig aufeinander ein.

Eine gern und oft vom Stahlhelm genutzte Möglichkeit der Provokation waren die so genannten „Fahnenweihen“. Am 11. und 12. Oktober 1924 ging eine derartige Veranstaltung auch in Rinteln über die Bühne. Anlass war die „Einsegnung“ der neuen Flaggen der Stahlhelm-Ortsgruppen Rinteln, Extertal, Varenholz und der Nachwuchsorganisation „Jungstahlhelm Rinteln“. Laut Schaumburger Zeitung waren circa 1500 Fahnen schwingende und „Frontheil“ rufende Mitglieder benachbarter und befreundeter Ortsgruppen aus der Umgebung bis einschließlich Hannover angereist. Darüber konnte Rintelns Stahlhelm-Führer Hauptmann Bayer elf Kriegervereine sowie zahlreiche Angehörige des Jungdeutschen Ordens, der örtlichen Feuerwehr und anderer „wehrhafter und wehrbereiter Einheiten“ begrüßen. Eine Woche vorher hatte es ein ähnliches Spektakel bereits im nahen Fischbeck gegeben.

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Historischer Anknüpfungspunkt der Weimarer Republikaner war die Freiheitsflagge der Vormärz-Revolutionäre. Hier eine Darstellung vom Berliner Barrikadenkampf am 19. März 1848. Repros: gp

Die Segnung der schwarz-weiß-roten Tücher in Rinteln nahm Divisionspfarrer a. D. Mehlhase aus Hannover vor. Dazu war auf dem Steinanger ein „Feldaltar“ errichtet worden. Es sei eine „uralte Völkersitte, dass, was einem Volke als das höchste und beste dünkte, in einem Sinnbild sichtbar auszudrücken“, ließ sich Mehlhase vernehmen. Auch der Stahlhelm verehre die vaterländische Fahne als ein solches Wahrzeichen seines Wesens, seiner Arbeit und seines Schaffens. „Der Schwur erschallt, die Woge rinnt, die Fahnen flattern hoch im Wind“. Während dieser Worte wurden, begleitet von Trommelwirbel, die neuen Fahnen entrollt. „So oft sie Euch voranzuflattern, werden sie sein ein Ruf zur Treue, zur Wahrhaftigkeit, zum Deutschtum, zum Gottvertrauen und ein Wahrzeichen des Kampfes für wahres Deutschtum, Ehre und Freiheit des Vaterlandes.“

Wie nicht anders zu erwarten (und erhofft), waren die Roten empört. Es kam, wie bereits mehrmals zuvor, zu Gegendemonstrationen und Protesten, vorneweg die mehr als 400 Glashüttenarbeiter. Deren erste Flaggen-Aktionen hatte es bereits 1921 im Vorfeld der damals von der Stadt vorbereiteten, wegen des Kriegs bis dato aufgeschobenen 100-Jahr-Feier des Gymnasiums gegeben. Selbst unter Schulkindern wurden Fahnenkriege ausgetragen. „Hüttjer“-Söhne prügelten für Schwarz-Rot-Gold, der großbürgerliche Nachwuchs kämpfte für Schwarz-Weiß-Rot. Ab Mitte der 1920er Jahre wechselten immer größere Teile der Einwohnerschaft – zusätzlich verunsichert und aufgeschreckt durch die Erfahrungen der Inflation – ins rechtskonservative Lager über. Die örtlichen Honoratioren mit dem Kriegervereinsvorsitzenden und Bürgermeister Dr. Wachsmuth an der Spitze hatten mit der Demokratie ohnehin nichts im Sinn.

So aufgeregt und feindselig wie in Rinteln ging es damals, mehr oder weniger heftig, auch in den anderen Schaumburger Gemeinden zu. Besonders viele Schwarz-Weiß-Rot-Reichsflaggen-Fans gab es in Bückeburg. Eine am 19. Mai 1927 im Magistrat aufflammende Flaggendiskussion wurde von der konservativen Mehrheit (vier roten standen 15 „rechte“ Abgeordnete gegenüber) kurzerhand abgelehnt. Bürgervorsteher Neuhaus hatte beklagt, dass die Stadt während der 14 Tage zuvor mit viel vaterländischem Pathos über die Bühne gegangenen „Jägertage“, einem zweitägigen Treffen des Vereins ehemaliger Jäger und Schützen, die öffentlichen Straßen und Plätze ausschließlich mit schwarz-weiß-roten Fahnen geschmückt habe. „Wenn die Farben Schwarz-Rot-Gold vom Reiche befohlen worden sind, so müssen sie auch geführt und anerkannt werden“, wies der pensionierte Verwaltungsbeamte auf die verfassungsmäßig garantierte Rechtslage hin. Die Mehrheit mit dem DNVP-Bürgermeister und bekennenden Monarchisten Wiehe an der Spitze bügelte den Hinweis – wie schon einige Male zuvor – ohne inhaltliche Aussprache ab. Auch der Kompromissvorschlag von Seilermeister Haake, „bei solchen Anlässen künftig beide Fahnen zu zeigen“, wurde abgelehnt. „Die Jäger durften mit Recht erwarten, dass ihnen bei der Ankunft in ihrem Ex-Standort die Farben der Vorkriegszeit entgegenleuchten“, war sich die konservative Mehrheit einig.

Zu den schärfsten Gegnern der Weimarer Republik gehörten die Militärs des früheren Reichsheeres – hier eine 1920 mit der Ex-Reichskriegsflagge demonstrierende Freicorps-Einheit.



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