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Nicht nur für Hotelschubladen: Gläubige verteilen weltweit täglich 1 Million Bibeln

Gideonbund besucht das Ernestinum: "Ist das auch eine echte Bibel?"

Rinteln (cok). Sie sehen ein bisschen aus wie Vertreter, die beidenälteren Herren in Anzug und Schlips, die mit schwer gefüllten Aktenkoffern durchs Gymnasium Ernestinum wandern und an die Türen der 5. Klassen klopfen. Was sie vertreten, ist Gottes Wort. Erwin Polzin und Dietrich Schultner gehören zum Gideonbund und verteilen kleine kostenlose Bibeln an interessierte Schüler.

veröffentlicht am 12.10.2006 um 00:00 Uhr

Die Fünftklässler sind ganz wild darauf, die kleine grüne Bibel

Begleitet von Religionslehrer Rolf Schultz stellen sie sich den Kindern vor, die mit aufmerksamem Erstaunen zu begreifen versuchen, was die beiden Männer antreibt. "Wir sind Gideons und haben ein Anliegen", sagt Dietrich Schultner aus Hessisch Oldendorf im ersten Klassenraum noch etwas unvermittelt, als müsse jeder eigentlich schon wissen, worum es geht. Im ganzen Landkreis sind sie ja regelmäßig unterwegs, um in Schulen, Krankenhäusern, Justizvollzugsanstalten und Arztpraxen ihre Bibeln zu verschenken. Kann es da sein, dass jemand noch nie von Gideon gehört hat? "Ist das eine echte Bibel?", fragt ein Mädchen. "Gibt es darin auch Lukas?", ein Junge. Und ein anderer: "Und Moses und die Offenbarung, stehen die da auch drin?" Ja, es ist eine "echte" Bibel, die revidierte Luther-Übersetzung von 1984. Lukas und die Offenbarung sind darin zu finden, denn es handelt sich um das Neue Testament, dazu die Psalmen König Salomos. "Moses aus dem Alten Testament aber ist nicht dabei", erklärt Dietrich Schultner. "Mist!", sagt der Junge, und trotzdem sind jetzt alle schon ganz wild darauf, die kleine grüne Bibel in Empfang zu nehmen. In der nächsten Klasse übernimmt Erwin Polzin aus Stadthagen das Wort. "Habt ihr den Namen Gideon schon mal gehört?", fragt er und zu seinem großen Erstaunen rufen alle Schüler: "Ja! Natürlich! Ja!" Sollten sie tatsächlich den mutigen Richter Gideon aus dem Alten Testament kennen, der voller Gottvertrauen mit nur 300 Kriegern gegen ein übermächtiges Feindesheer antrat und den Sieg davontrug? Na, das Rätsel hat eine andere Lösung: "Gideon, der geht doch in unsere Klasse!" Der Mitschüler mit dem prominenten Namen nimmt am Religionsunterricht allerdings nicht teil und kann sich daher leider nicht persönlich vorstellen. Erwin Polzin aber erzählt recht persönlich von seinem Weg zum Glauben und wie viel es ihm bedeutet, die ehrenamtliche Aufgabe der Bibelverteilung zu übernehmen. Alle Schüler sind wirklich beeindruckt, dass sie dieses Geschenk bekommen sollen, obwohl doch jedes Exemplar etwa 1,30 Euro kostet und weder, wie sie vermuten, der Staat noch ein Sponsor noch die Kirche die Kosten übernimmt, sondern allein private Spenden das Unternehmen möglich machen. "Tja, auf der ganzen Welt verteilen wir in der Woche eine Million Bibeln", sagt Erwin Polzin nicht ohne Stolz. Seit der Gründung des Gideonbundes 1899 in den USA wurden 1,2 Milliarden Exemplare verschenkt. Die meisten Erwachsenen halten eine "Gideon-Bibel" wohl zum ersten Mal in einem Hotel in der Hand, was daran liegt, dass die Gründer des Gideonbundes Handelsreisende waren und zunächst auch überwiegend Handelsreisende dem Bund beitraten. So kamen sie auf die Idee, Bibeln in Hotels auszulegen, was sie schnell bekannt machte und sogar dazu führte, dass ein gewisser "Rocky Racoon" aus dem berühmten Lied der Beatles in seinem einsamen Hotelzimmer immerhin "Gideon's bible" fand. An diesem Vormittag in der Schule besuchen die beiden Gideons auch noch alle 6. Klassen undüberall stellen die Schüler Fragen und nehmen erfreut das Büchlein entgegen. Ob sie auch sogleich darin herumlesen werden, ist eine andere Frage. "Aber das ist auch gar nicht so wichtig", meint Erwin Polzin. "Stellt sie einfach in euer Bücherbord. Irgendwann kommt bestimmt der Tag, da ihr sie gut gebrauchen könnt."

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