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Gewalt und Ohnmacht

Bundesweit ist die Betroffenheit beim Thema Gewalt und Jugend festzustellen. Nicht ohne Grund, denn es geht ja auch um die nächste Generation. Wie werden die nächsten Erwachsenen durchs Leben gehen? Für wen ist es schon leicht, die gebotene Sachlichkeit aufrecht zu erhalten, wenn sich brutale Szenen in U-Bahnen und sonstwo abspielen, wobei Menschenleben in Gefahr geraten? Verständlicherweise gehen wir rein gefühlsmäßig mit den Tätern härter ins Gericht, als die Gesetzeslage zulässt. Wir können das ja auch nicht begreifen. Warum tun die das? Wir wollen diese Vorfälle nicht als Dauerzustand. Und: Wir wollen sie am liebsten ganz abschaffen, die Gewalt. Ich sehe dabei auch die Ohnmacht, die uns alle jedes Mal packt, wenn etwas Schreckliches passiert ist.

veröffentlicht am 12.01.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Pastor Reinhard Koller

Es ist Politikern nicht zu verdenken, wenn sie sich zeitnah zum kriminellen Geschehen und zufälligerweise zeitnah zu den Landtagswahlen äußern. Der Bürger erfährt eine ganze Menge über die jeweiligen Einstellungen. Die Diskussionen sind entfacht. Das ist nicht schlimm, denn die demokratische Kultur gebietet immer wieder das Ringen um die Werte. Zu denen zählt einmal die Bestrafung, wenn jemand die Regeln nicht eingehalten hat. Zu denen zählt auch, wie eine Gesellschaft mit Tätern, egal ob Ausländer oder Deutsche, umgeht. Wie wir alle wissen, können wir sie nicht auf immer wegsperren, was schnell populäre Meinung wird, aber unrealistisch ist. Im Übrigen geschieht die Ausweisung von kriminellen Ausländern ja längst. Es ist festzustellen: Das geltende Recht hat seine Qualität. Wo in anderen Länder Gewalt gar nicht verfolgt wird, lässt die jüngst geschehene Gewalt niemanden kalt. Unser Staat verfolgt die Täter,setzt sie fest, macht deutlich, dass es nicht egal ist, ob ich Gewalt ausübe oder nicht. Wir brauchen weiterhin die erfolgreich bestehenden Jugendhilfeeinrichtungen, die auch präventiv arbeiten, aber eben nie Gewalt endgültig verbannen können. Neue, härtere Gesetze können das auch nicht leisten, weil sie nicht wirklich abschrecken. Emotionale Verschärfung trägt gar nicht zur Lösung bei. Was bleibt in der Ohnmacht? Einmal: die Ohnmacht muss ausgehalten werden. Wir leben nicht in einer heilen Welt. Zweitens: Die Wut und der Zorn, der Kontrollmangel und -verlust eines Menschenüber seine Gewaltgefühle und deren Umsetzung sind negative Eigenschaften, die einer Aufarbeitung bedürfen. Nach dem christlichen Menschenbild ist aber gerade die nicht sinnlos. Selbst dann nicht, wenn der Mensch während seines Reifeprozesses erneut scheitert. Deshalb liegt der christliche Blickauf den Menschen immer innerhalb dieses weiten Horizontes. Ich wünsche mir, dass wir das im Hintergrund bedenken, wenn wir mitdiskutieren. Reinhard Koller ist Pastor in Steinbergen und landeskirchlich beauftragter Gefängnisseelsorger in Bückeburg.

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