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Höchster Strafrichter: Freiherr von Hammerstein im Vorruhestand / Noch kein Nachfolger

Gentleman-Richter hängt Robe an den Nagel

Bückeburg. EineÄra ist zu Ende: Nach 30 Jahren als Richter und einem Jahrzehnt davon als Vorsitzender des fünfköpfigen Bückeburger Schwurgerichts, das "Lebenslänglich" verhängen kann, hat Börries Freiherr von Hammerstein (60) die Robe an den Nagel gehängt. Über die Nachfolge sei noch nicht entschieden, so die Pressestelle des Landgerichts. Es geht um die höchste Strafgewalt im Landkreis, den Vorsitz der 1. Großen Strafkammer. Und es geht um ziemlich große Fußstapfen, in die mehrere Bewerber treten möchten.

veröffentlicht am 02.10.2006 um 00:00 Uhr

Hinterlässt große Fußstapfen: Börries Freiherr von Hammerstein h

Autor:

Stefan Lyrath

Wegen seiner gepflegten Umgangsformen gilt Freiherr von Hammerstein als Gentleman-Richter. Weggefährten sprechen von einer Persönlichkeit und erkennen die herausragende Stellung des Schaumburger Top-Juristen neidlos an. Man hört nur Gutes. Von Hammerstein, so heißt es, verfüge über ein ausgeprägtes Judiz, also Rechtsempfinden. Er sei einfühlsam, ein geduldiger Zuhörer und habe Angeklagte zum Sprechen gebracht, die eigentlich gar nichts sagen wollten. Jene freundliche Art mag auf viele milde gewirkt haben, doch der mächtige Vorsitzende war zudem mit einer gesunden Härte ausgestattet, unter Juristen als Strafwilligkeit bekannt. "Besonders hart war ich bei Vergewaltigung, Alkohol am Steuer und Rauschgift", blickt der 60-Jährige zurück und erklärt: "Bei Trunkenheitsfahrten hängt es nur noch vom Zufall ab, ob etwas passiert oder nicht. Und wer Opfer von Rauschgift gesehen hat,der weiß, dass man niemandem so viel Leid zufügen darf." Apropos: Opfer von Straftaten waren von Hammerstein immer besonders wichtig, vergewaltigte Frauen, missbrauchte Kinder. "Ihre Schonung bei der Vernehmung stand für mich mit im Mittelpunkt." Einmal war der Freiherr nicht hart genug. Fred M., Mörder von Mandy Elies, kam mit neun Jahren Gefängnis davon. Erst in einem zweiten Prozess vor einer anderen Kammer erhielt der Rintelner lebenslang. "Unsere rechtliche Konstruktion war absolut richtig, die Schlussfolgerung daraus aber zu milde", räumt von Hammerstein heute selbstkritisch ein. Einige Verfahren sind ihm in besonders guter oder schlechter Erinnerung geblieben. Im positiven Sinne an erster Stelle steht der Prozess gegen einen Vergewaltiger und mutmaßlichen Serienmörder aus Albanien. Der Mann log wie gedruckt. Bückeburg zog alle Register, arbeitete eng mit albanischen Behörden zusammen. Nach Tschechien wurde per Videokonferenz geschaltet, in einem Pariser Hotel Rechnungen beschlagnahmt. "Durch internationale Zusammenarbeit fanden wir die Wahrheit heraus", so von Hammerstein, der in solchen Fällen den "Richter als Manager" sieht. Eher ungern erinnert er sich an einen Drogenprozess gegen zwei Eisberger Asylbewerber, den Verteidiger aus Hannover und Herfordüber 14 Monate verschleppt hatten. "Einige Anwälte sehen Prozesse als Spiel, wie man Gerichte austricksen kann", stellt von Hammerstein fest. Dagegen kämen gute Verteidiger ohne "schmierige Hinterhof-Tricks" aus, hätten die Interessen ihrer Mandanten im Sinn und wüssten, wann ein Prozess verloren sei. Gegen die anderen "kann man sich als Richter frühestens in der Urteilsbegründung wehren". Das hat von Hammerstein getan. Mit geharnischten Worten. Gestern ist der 60-Jährige, der mehrere Ehrenämter bekleidet und in zwei Gemeinderäten sitzt, offiziell in die so genannte passive Phase der Altersteilzeit eingetreten. Den Ruhestand habe er bewusst vorgezogen, "um Dinge zu tun, zu denen ich bislang keine Zeit hatte: lesen, reisen, die heimische Gegend erkunden". Aufatmen können Verbrecher deshalb noch lange nicht. "Irgendwann kriegen wir sie alle", sagt Freiherr von Hammerstein. "Verbrechen lohnt sich nicht."

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