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GelebteÖkumene

Reformationstag am 31. Oktober 1987 in Jerusalem: Als Student der Evangelischen Theologie bin ich seit gut zwei Monaten Teilnehmer einesökumenischen Studienjahres. Wir Studenten der Katholischen und Evangelischen Theologie besuchen gemeinsam Seminare, feiern gern die Gebetszeiten der Mönche des uns beherbergenden Klosters mit. Wir leben miteinander, teilen unseren Alltag.

veröffentlicht am 03.11.2007 um 00:00 Uhr

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Autor:

Stephan Strottmann

Am Reformationstag aber wird Flagge gezeigt: Beim Frühstück stehen wir Evangelischen einer spontanen Idee folgend auf und schmettern voller Inbrunst "Ein feste Burg ist unser Gott" - das Reformationslied Martin Luthers. Er hatte es auch gegen die ihn anfein dende Katholische Kirche geschrieben,über Jahrhunderte wurde es als "Kampflied" gegen die andere Konfession gesungen. Die Reaktion folgt am nächsten Morgen: Zu Allerheiligen sind es die Katholiken, die ihrerseits aufstehen und ein "typisch katholisches" Lied anstimmen. Mir hat sich diese Begebenheit tief eingeprägt, weil sie Ökumene, also das Miteinander von verschiedenen Kirchen oder gar Religionen, auf den Punkt bringt: Zum einen ist mir in diesem gemeinsamen Jahr mein eigener Standpunkt in Glaubensfragen klarer geworden, ich wurde "evangelischer". Unser Lied war auch Ausdruck dieses gestärkten Selbstbewusstseins. Zum anderen hatte unser Liederwettkampf aber auch etwas Heiteres, ja Selbstironisches. Das Singen wurde von der jeweiligen "Gegenseite" freundlich-respektvoll aufgenommen. Wir hatten schon viel voneinander undübereinander gelernt. Neben den Stärken des eigenen Glaubens kamen auch seine Schwächen zum Vorschein, manche Stärke der anderen Konfession wurde entdeckt. Vor allem aber habe ich in Jerusalem eines gelernt: In der persönlichen Begegnung war das Gemeinsame stets größer als das Trennende. Die Schärfung des eigenen Glaubens ging einher mit einer wachsenden Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen - das galt übrigens genauso den Juden und Muslimen, denen ich begegnete. Solche Toleranz meint keine bloße Duldung, sondern tiefen Respekt vor fremdem Glauben. Ökumene heißt keinesfalls, dass alle das Gleiche glauben sollen oder es nur eine Kirche gäbe. Es geht darum, das Gemeinsame zu sehen und zu leben und das Unterscheidende anzuerkennen. "Versöhnte Verschiedenheit" heißt das mit einem Schlagwort - so kann die Vielfalt des Glaubens zum Segen werden für die "bewohnte Erde" (= Ökumene)! Stephan Strottmann ist Pastor in Steinbergen.

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